Archivierter Artikel vom 29.05.2020, 04:50 Uhr

Nach Tod eines Schwarzen

Welle von Protesten und Gewalt erschüttert die USA

Die USA kommen nach dem Tod des Afroamerikaners Floyd nicht zur Ruhe. Viele protestieren erneut gegen Rassismus, aber es kommt auch zu Gewalt und Vandalismus. In Minnesota mobilisiert der Gouverneur massiv Sicherheitskräfte – sogar das US-Militär soll helfen.

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Demonstrant
Ein Demonstrant hält bei einer Protestaktion in der Nähe eines brennenden Polizeiautos ein Schild mit dem Anfang eines Zitats aus der Bibel «Auge um Auge».
Foto: Ben Gray/Atlanta Journal-Constitution/ – dpa

Minneapolis (dpa). Der Tod des Afroamerikaners George Floyd hat in den USA eine Welle von friedlichen Protesten aber auch von Gewalt ausgelöst: Es brennen Häuser, Läden werden geplündert und die Sicherheitskräfte sind trotz eines massiven Aufgebots überfordert.

Proteste
Demonstranten in Washington protestieren gegen Rassismus und Polizeigewalt.
Foto: Evan Vucci/AP/dpa

In vielen US-Städten kam es bei Protesten zu Ausschreitungen und Festnahmen. In Minneapolis, wo Floyd am Montag ums Leben gekommen war, gingen Demonstranten trotz Ausgangssperre die vierte Nacht in Folge auf die Straße. Minnesotas Gouverneur Tim Walz sprach am Samstag von einer „unglaublich gefährlichen Situation“.

Minneapolis
Ein Mann mit umgedrehter US-Flagge vor einem brennenden Gebäude in Minneapolis.
Foto: Julio Cortez/AP/dpa

Vielen Demonstranten gehe es längst nicht mehr um den Mord an Floyd, sondern nur um „Zerstörung und Chaos“. Es handele sich um einen „organisierten Versuch, die Zivilgesellschaft zu zerstören“, sagte Walz vor Journalisten. Er und der Bürgermeister von Minnesota, Jacob Frey, sagten, friedliche Proteste seien weiterhin erlaubt, aber die Gewalt müsse ein Ende haben. Das Recht der Meinungsfreiheit „endet beim Werfen von Molotow-Cocktails“, erklärte der für die Sicherheit in Minnesota zuständige John Harrington.

Gedenken
Ein Mann hält ein Foto des verstorbenen George Floyd hoch.
Foto: Jerry Holt/Star Tribune/AP/dpa

Floyd (46) war am Montag nach einem brutalen Polizeieinsatz gestorben. Einer der vier beteiligten Polizisten wurde am Freitag des Mordes angeklagt und festgenommen: der Beamte, der Floyd sein Knie minutenlang in den Nacken gedrückt hatte. Der Afroamerikaner hatte mehrfach um Hilfe gefleht, bevor er das Bewusstsein verlor, wie von Passanten aufgenommenen Videos zeigten.

Brennendes Auto
Demonstranten stehen auf einem brennenden Auto.
Foto: David Joles/Star Tribune/AP/dpa

Im Haftbefehl gegen den Polizisten heißt es unter anderem, der Gerichtsmediziner gehe nach vorläufigen Erkenntnissen nicht von Ersticken aus. Der 46-Jährige habe an Gesundheitsproblemen gelitten, die gemeinsam mit der Festsetzung und möglichen Rauschmitteln im Blut vermutlich zum Tod geführt hätten. In den letzten zwei Minuten und 53 Sekunden habe er keine Lebenszeichen mehr gezeigt. Die Anwälte der Familie Floyd meldeten jedoch Zweifel an den Ergebnissen dieser Analyse an. Sie wollten eine unabhängige Obduktion in Auftrag geben.

Protestler
Protestler vor dem brennenden Gebäude des 3. Bezirks der Polizei von Minneapolis.
Foto: Carlos Gonzalez/Star Tribune/AP/dpa

Die Nationalgarde des Bundesstaats mobilisierte mehr als 1000 zusätzliche Soldaten, um weitere Brandstiftungen und Plünderungen zu verhindern. Damit sollten im Laufe des Samstags bis zu 2500 Soldaten einsatzbereit sein, erklärte der Leiter der Nationalgarde, Generalmajor Jon Jensen. Gouverneur Walz sagte, dem Bundesstaat drohe trotz der bislang größten Mobilisierung der Sicherheitskräfte in Friedenszeiten erneut eine Nacht der Gewalt: „Das wird es nur schwieriger machen heute Abend.“ Er habe daher auch die Gouverneure der Nachbarstaaten um Unterstützung aus deren Nationalgarden gebeten.

Feuer
Die Demonstranten haben in der Stadt gleich mehrere Brände entzündet.
Foto: Elizabeth Flores/Star Tribune/AP/dpa

Zudem habe er mit Verteidigungsminister Mark Esper und Generalstabschef Mark Milley gesprochen, sagte Walz. Es gab zunächst unbestätigte Berichte, wonach die Streitkräfte Hunderte Soldaten der Militärpolizei für einen möglichen Einsatz mobilisierten. Walz machte keine Angaben zur angeforderten Unterstützung. „Die Militarisierung einer Zivilbevölkerung ist besorgniserregend“, räumte er ein.

Polizisten
Ein Polizist wirft während einer Demonstration eine Dose mit Tränengas auf eine Straße.
Foto: John Minchillo/AP/dpa

US-Präsident Donald Trump erklärte wenig später in Washington, die Soldaten stünden bereit und könnten „sehr schnell“ vor Ort sein. An die Behörden gerichtet fügte er mit Blick auf die jüngste Gewaltwelle hinzu: „Sie müssen härter sein ... Sie können das nicht zulassen.“ Trump machte linke Chaoten für die Ausschreitungen verantwortlich.

Tränengaseinsatz
Eine Demonstrantin spült mit Milch ihre Augen aus, nachdem die Polizei Tränengas eingesetzt hatte.
Foto: John Minchillo/AP/dpa

Örtliche Reporter berichteten in der Nacht zu Samstag, weder Soldaten noch Polizisten seien in Minneapolis zu sehen gewesen. Walz räumte ein, die Sicherheitskräfte seien angesichts des Ausmaßes der gewaltsamen Proteste überfordert gewesen. Walz, Frey und der Bürgermeister von St. Paul, Melvin Carter, erklärten übereinstimmend, die meisten der Demonstranten, die jetzt wichtige Infrastruktur zerstörten, seien Unruhestifter von außerhalb der Region.

Tyrone Carter
Tyrone Carter, Ex-American-Football-Spieler der Mannschaft «Minnesota Golden Gophers», umarmt einen Demonstranten an der Stelle, an der George Floyd festgenommen wurde.
Foto: Jerry Holt/Star Tribune/A – dpa

An den Protesten in Minneapolis und dem angrenzenden St. Paul beteiligten sich schwarze und weiße Demonstranten. Sie trugen Schilder mit Aufschriften wie „Bin ich der nächste?“ und „Ohne Gerechtigkeit kein Frieden“. Auch in anderen Städten wie Atlanta, New York, Detroit, Washington, Louisville, Portland und Oakland kam es nach Floyds Tod in der Nacht zu Samstag zu Protesten.

Demonstration
Große Wut: Eine Frau brüllt einen Polizeibeamten an.
Foto: Mark Vancleave/Star Tribune/AP/dpa

In Atlanta im Bundesstaat Georgia griffen Demonstranten die Zentrale von CNN an. Der Sender zeigte Live-Bilder aus der eigenen Zentrale, auf denen zu sehen war, wie Demonstranten von außerhalb Objekte auf Polizisten im Eingangsbereich des Senders warfen. Der Gouverneur von Georgia, Brian Kemp, verhängte über Atlanta sowie über weitere Städte im Umland den Ausnahmezustand. Etwa 500 Mitglieder der Nationalgarde von Georgia sollten eingesetzt werden, um Menschen und Eigentum zu schützen, schrieb Kemp am Samstag auf Twitter.

Ausschreitungen
Ein mehrstöckiges Wohngebäude steht nach Protesten in Flammen.
Foto: Mark Vancleave/Star Tribune/AP/dpa

Auch in New York gingen mehrere Tausend Menschen gegen Rassismus auf die Straße. In der Nacht kam es dabei in den Stadtteilen Manhattan und Brooklyn zu Ausschreitungen, es gab rund 200 Festnahmen, wie die Polizei mitteilte. Auf beiden Seiten gab es demnach Verletzte. Viele Demonstranten trugen Plakate mit der Aufschrift „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“), was Floyd gesagt hatte, kurz bevor er das Bewusstsein verlor. Bürgermeister Bill de Blasio schrieb auf Twitter: „Wir wollen nie wieder eine solche Nacht erleben.“

New York
Auch in New York findet eine Kundgebung nach dem Tod von Floyd statt.
Foto: Frank Franklin II/AP/dpa

In der Großstadt Portland im Bundesstaat Oregon wurde am Samstag der Notstand und ein nächtliches Ausgangsverbot verhängt. Im kalifornischen Los Angeles erklärte die Polizei infolge gewaltsamer Proteste ein Demonstrationsverbot für das Stadtzentrum.

Polizei
Polizisten feuern in Denver Tränengas ab, um die eine Ansammlung von Menschen zu zerstreuen.
Foto: David Zalubowski/AP/dpa

Nach einem Protest vor dem Weißen Haus drohte Trump Demonstranten indirekt, aber dafür erneut mit sehr deutlichen Worten: Falls die Demonstranten am Freitag über den Zaun des Regierungssitzes gelangt wären, wären sie von „boshaften Hunden und den bedrohlichsten Waffen“ begrüßt worden, schrieb Trump am Samstag auf Twitter. Dann wären sie „wirklich mindestens schwer verletzt“ worden. Viele Beamte des Secret Service warteten nur auf „Action“. Der Protest vor dem Weißen Haus war vergleichsweise klein und harmlos: Demonstranten warfen einige Behelfszäune aus Metall um, die rund 30 Meter vor dem Zaun des Weißen Hauses Passanten zurückhalten.

Führende Demokraten hatten Trump bereits am Freitag vorgeworfen, mit seinen martialischen Äußerungen zu den Ausschreitungen am Rande der Proteste nur weiteres Öl ins Feuer zu gießen.

Joe Biden, der Trump bei der Wahl im November ablösen will, forderte einen entschlossenen Kampf gegen „systematischen Rassismus“ in den USA. „Durch unser Schweigen, durch unsere Selbstgefälligkeit sind wir Komplizen der Fortsetzung des Kreislaufs der Gewalt“, sagte der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten. „Leute: Wir müssen aufstehen. Wir müssen uns bewegen. Wir müssen uns ändern.“