Archivierter Artikel vom 06.07.2017, 11:00 Uhr

Randale nach Anti-G20-Demo

„Welcome to Hell“-Demo gegen G20 eskaliert

Am Vorabend des G20-Gipfels regiert Chaos in Teilen Hamburgs. Autonome Gipfelgegner verwüsten ganze Straßenzüge, werfen Flaschen und Steine, Wasserwerfer der Polizei sind im Dauereinsatz. Viele Menschen werden verletzt. Ein Vorgeschmack auf die Gipfeltage?

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Flammen
Polizisten bei einem Einsatz im Hamburger Schanzenviertel.
Foto: Axel Heimken – dpa

Hamburg (dpa). Morgens um halb vier verschwinden im Hamburger Schanzenviertel die ersten Spuren der Verwüstung. Die Kehrwagen der Stadtreinigung rücken an – und sie haben viel zu tun.

Blaulicht
Polizeifahrzeuge umfahren im Hamburger Schanzenviertel brennende Barrikaden.
Foto: Axel Heimken – dpa

Dutzende Fensterscheiben sind zerbrochen, Bankautomaten demoliert, ganze Straßenzüge mit Glasscherben und herausgerissenen Pflastersteinen bedeckt.

Zerstörte Werbetafel
Eine zerstörte Werbetafel nach Krawallen in der Nacht zum Samstag in Hamburg.
Foto: Daniel Bockwoldt – dpa

Die Reste brennender Barrikaden dampfen vor sich hin, es stinkt nach verbranntem Müll.

Schäden im Schanzenviertel
Eine verbrannte Mülltonne nach den Krawallen im Schanzenviertel.
Foto: Daniel Bockwoldt – dpa

Vor der „Roten Flora“, dem Kulturzentrum der Linksautonomen, sitzen ein paar Dutzend abgekämpfte Demonstranten vor brennendem Holz, als wäre es ein Lagerfeuer. Polizisten stehen daneben, auch sie wirken erschöpft. Sie wollen die Straße nicht räumen, damit die Lage nicht wieder eskaliert.

Glassplitter
Die zusammengekehrten und in Tüten verpackten Glasstücke einer Schaufensterscheibe vor einem Modegeschäft.
Foto: Axel Heimken – dpa

Am Abend vor dem G20-Gipfel herrschte zuvor stundenlang die Gewalt in den Straßen der Hansestadt. Es sind hässliche und beängstigende Bilder, die von Hamburg in die Welt gesendet werden, von der Stadt, die sich den Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte eigentlich in bestem Licht präsentieren will.

Im Schanzenviertel
Wasserwerfer der Polizei sind im Schanzenviertel in Hamburg im Einsatz.
Foto: Bodo Marks – dpa

Gerade einmal rund 100 Meter weit kommt der Zug der Autonomen-Demo „Welcome to Hell“ am frühen Abend. Dann ist Schluss für rund 12.000 Menschen, die eigentlich gegen den G20-Gipfel am Freitag und Samstag protestieren wollten. Wegen Hunderter Vermummter im Schwarzen Block versperren Wasserwerfer, Räumpanzer und ein Großaufgebot an Polizisten den Weg vom Hamburger Fischmarkt Richtung Reeperbahn.

Sinnlose Zerstörung
Sinnlose Zerstörung: Eingeschlagene Scheiben an einer U-Bahn Station in Hamburg.
Foto: Axel Heimken – dpa

Doch nach dem schnellen Abbruch eskaliert die Lage. Zahlreiche Demonstranten flüchten in Richtung Reeperbahn oder Altona. Wenig später meldet die Polizei dort brennende Autos, außerdem zerstörte Scheiben bei einem Ikea-Möbelhaus und einer Sparkasse. Stundenlang liefern sich Linksautonome und Polizisten Scharmützel in mehreren Vierteln. Die Krawallmacher reißen Pflastersteine aus den Straßen, um sie auf Beamte zu werfen. Im Minutentakt fliegen Flaschen, Böller werden gezündet, Verkehrsschilder aus ihrer Verankerung gerissen.

Brennender Mülleimer
Randalierer haben im Schanzenviertel in Hamburg einen Mülleimer angezündet.
Foto: Axel Heimken – dpa

Die Polizei antwortet mit dem Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray. Immer wieder knallt es an einer anderen Ecke, die Lage ist unübersichtlich. „Ganz Hamburg hasst die Polizei“, so schallt es immer wieder durch die Straßen. Die Randale geht weit über das hinaus, was die von den jährlichen 1.-Mai-Demos krawallerprobte Hamburger Polizei gewohnt ist.

Ausschreitungen in Hamburg
Demonstranten stehen im Strahl eines Wasserwerfers.
Foto: Axel Heinken – dpa

„Wir sind entsetzt über die offensichtliche Gewaltbereitschaft“, twittert die Polizei. Auch ihr Sprecher Timo Zill bekommt das zu spüren. Als er unweit des Aufmarschs ein Interview gibt, wird er beworfen und kann sich nur in einen nahe stehenden Rettungswagen flüchten, der ebenfalls angegriffen wird.

Im Einsatz
«Welcome to Hell»: Polizisten im Einsatz.
Foto: Axel Heimken – dpa

Im Stadtteil Eimsbüttel zerstören Chaoten in mindestens zehn Geschäften Schaufenster oder Türen. „Die randalieren nur, um alles kaputtzumachen“, sagt die Filialleiterin einer Modeboutique, die in der Nacht mehr als vier Stunden auf einen Glaser warten muss. Denn der ist gerade bei Jamie Watson von einer gegenüberliegenden Boutique. Und die sagt das, was wohl viele nach dieser Nacht denken: „Ich bin wütend, enttäuscht und habe absolut kein Verständnis. Das hat doch keinen Sinn.“

Wasserwerfer im Einsatz
Wasserwerfer der Polizei sind bei der Demonstration «Welcome to hell» im Einsatz.
Foto: Boris Roessler – dpa

„Total bekloppt“, bilanziert Stephan aus Hamburg. Er kommt nachts gerade von der Arbeit, schiebt sein Fahrrad an der Flora vorbei. „Mir tun einfach die armen Polizisten leid. Sie können am wenigsten für alles.“ Die Veranstalter der Demo schieben der Polizei den Schwarzen Peter zu: „Durch gezielte Angriffe provozierten die Polizeikräfte Gegenwehr und nutzten diese Lage, um eine Situation zu schaffen, in der nichts anderes übrig blieb, als die Versammlung aufzulösen“, schreiben sie in der Nacht in einer Mitteilung.

Pfefferspray
Polizisten setzen Pfefferspray gegen Demonstranten ein.
Foto: Axel Heimken – dpa

„Heute hat die Polizei alle behandelt als wären sie gewaltbereit“, sagt Johannes Findeisen empört. Er ist 37 und hat nach eigener Aussage schon mehr als 20 Demonstrationen in Hamburg erlebt. Er findet gut, dass sich so viele an den Protesten beteiligt haben. Trotz der Eskalation sieht er die Höllen-Demo am Fischmarkt als Erfolg der G20-Gegner. Die Polizei habe zwar „ihre Prügeltour“ gestartet. Aber sie seien dann doch losgekommen: „Wir haben heute gegen die Polizei das erste Mal gewonnen am Fischmarkt.“

In Flammen
Ein Auto steht während der Demonstration «Welcome to hell» in Flammen.
Foto: Christophe Gateau/epa ANA – dpa

Die Bilanz der Gipfel-Vornacht ist traurig: Am frühen Morgen zählt die Polizei mindestens 76 Verletzte allein in ihren Reihen. Zahlen über verletzte Demonstranten gibt es zunächst nicht. Ein Sprecher der Hamburger Feuerwehr bilanziert gegen 1.30 Uhr: „Es hätte schlimmer kommen können.“ Doch die Fronten zwischen den Gipfelgegnern und der Polizei sind nun extrem verhärtet. Tausende gewaltbereite Autonome sind in der Stadt. Und der eigentliche Gipfel beginnt erst noch.

«Welcome to hell»
Demonstranten und Polizisten stehen sich beim Protestzug «Welcome to hell» gegenüber.
Foto: Boris Roessler – dpa

Am Morgen des ersten Gipfeltages tritt die sogenannte Allgemeinverfügung in Kraft, mit der das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit in zwei Hamburger Innenstadtbereichen eingeschränkt wird. Angemeldete und nicht angemeldete Versammlungen und Aufzüge unter freiem Himmel dürfen nur außerhalb der bezeichneten Flächen durchgeführt werden. Im sogenannten Transferkorridor zwischen Flughafen und Innenstadt gilt die Verfügung vom 7. Juli 2017 ab 6.00 Uhr bis 8. Juli 2017, 17.00 Uhr. Im Hafenbereich gilt sie nur am Freitag von 16.00 bis 24.00 Uhr zwischen Reeperbahn und Hafencity.

Polizei
«G20 Welcome to hell» trifft am Fischmarkt auf «Welcome to Hamburger Polizei».
Foto: Bodo Marks – dpa

Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht hatte am Donnerstag entschieden, dass die Verfügung voraussichtlich rechtmäßig sei. Demonstrationen des globalisierungskritischen Netzwerks Attac in der Hamburger Innenstadt am Freitag bleiben verboten. Attac kann aber beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Beschwerde einreichen.

G20-Demonstration
Es geht los: G20-Gegner ziehen bei der Demonstration «Welcome to hell» durch Hamburg.
Foto: Boris Roessler – dpa

Rote Flora

Ankunft Protest-Sonderzug
Reisende aus dem Protest-Sonderzug «ZuG20» haben den Hamburger Hauptbahnhof erreicht.
Foto: Daniel Bockwoldt – dpa

Informationen zu G20 auf hamburg.de

Vorbereitung
Aktivisten von Oxfam stehen mit Masken der Regierungschefs an den Landungsbrücken Hamburg. Sie demonstrieren gegen soziale Ungleichheit.
Foto: Michael Kappeler – dpa

Polizei Hamburg zu G20

«Welcome to Hell»
Die Demonstration «Welcome to Hell» ist eskaliert. Die Polizei setze Wasserwerfer und Pfefferspray ein.
Foto: Bodo Marks – dpa

Link zur Polizei-Videos und Pressemitteilung

Rauchschwaden
Rauchschwaden ziehen über den Hamburger Fischmarkt.
Foto: Boris Roessler – dpa

Bundesregierung zum G20-Gipfel

Schanzenviertel
Polizisten laufen in Hamburg vor der Roten Flora im Schanzenviertel an einer brennenden Barrikade entlang.
Foto: Axel Heimken – dpa

Internationales Echo: „Willkommen in der Hölle!“