Archivierter Artikel vom 16.09.2013, 06:54 Uhr

Wahlzeit: Wanka findet das Zentralabitur gut

Seit sieben Monaten ist Johanna Wanka (CDU) Bundesbildungsministerin. Sie hat das Amt von Annette Schavan übernommen, die zurücktrat, nachdem die Uni Düsseldorf ihr den Doktortitel aberkannt hatte. Wanka tritt damit in einem schwierigen Feld an, denn Bildung ist in weiten Teilen Ländersache.

Das Gespräch führten die Schülerreporter Sarah Fiedler und Konrad Terporten sowie die RZ-Redakteurinnen Birgit Pielen und Angela Kauer

Studiengebühren und die unterschiedlichen Schulsysteme in den Ländern – unter anderem darüber sprachen die Schülerreporter Sarah Fiedler (links) und Konrad Terporten mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (Mitte). Unterstützt wurden sie dabei von den Redakteurinnen Birgit Pielen (2. von links) und Angela Kauer (rechts).
Studiengebühren und die unterschiedlichen Schulsysteme in den Ländern – unter anderem darüber sprachen die Schülerreporter Sarah Fiedler (links) und Konrad Terporten mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (Mitte). Unterstützt wurden sie dabei von den Redakteurinnen Birgit Pielen (2. von links) und Angela Kauer (rechts).
Foto: Jens Weber

Der Bund hat wenig zu sagen. Im „Wahlzeit!“-Interview erklärt die 62-Jährige, wieso sie das im Kern trotzdem nicht ändern will – und was sie vom Zentralabitur hält.

Frau Wanka, wie politisch waren Sie, als Sie so alt waren wie unsere Schülerreporter?

Sehr politisch. Ich bin nicht in einer Demokratie aufgewachsen, sondern in der damaligen DDR. Dinge, die dort wichtig waren – dass man Pionier ist zum Beispiel –, habe ich damals nicht mitgemacht. Dadurch habe ich in der Schule Probleme bekommen. Ich habe also sehr schnell gemerkt, wo die Grenzen dieses politischen Systems waren – und war deshalb auch früh politisch interessiert.

Sie sind seit sieben Monaten Bundesbildungsministerin. Spürten Sie nach den Plagiatsvorwürfen gegen Ihre Vorgängerin Annette Schavan ein gesteigertes Interesse an dem Amt oder an Ihrer Person?

Das war schon eine Veränderung. Als Landesministerin ist man natürlich den Umgang mit der Presse gewöhnt. Aber auf Bundesebene ist es doch noch mal was anderes. Man steht ziemlich unter Beobachtung.

Haben Sie noch Kontakt zu Annette Schavan?

Ja. Ich bin mit Annette Schavan schon seit vielen Jahren befreundet. Ich frage sie auch um Rat. Wir tauschen uns aus.

Immer mehr junge Leute wollen studieren. Gleichzeitig klagt die Wirtschaft über einen Fachkräftemangel. Haben Sie eine Antwort auf dieses Problem?

Wir dürfen unsere beiden Stärken – akademische Bildung und duale Ausbildung – nicht gegeneinander ausspielen. Wenn sich jemand für eine Ausbildung entscheidet, soll er immer noch ungehindert studieren können. Und umgekehrt: Wenn jemand sein Studium abbricht, muss es möglich sein, dass er nicht bei null anfängt mit einer dualen Ausbildung, sondern dass ihm das angerechnet wird.

Als Sie angetreten sind, haben Sie eine Reform des Bafögs angekündigt. Wieso hat sich bisher nichts getan?

Da hat sich eine Menge getan. Ich möchte, dass das Bafög stärker an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientiert ist. Ich habe aber auch von Anfang an gesagt, das lässt sich nicht bis zum September regeln. Aber wir haben die Zeit genutzt. Das Bafög wird von Bund und Ländern anteilig bezahlt. Ich habe mit allen Länderkollegen geredet, und eine Arbeitsgemeinschaft hat die Vorbereitungen getroffen, sodass wir nach der Wahl relativ zügig einen Gesetzesentwurf haben werden.

Sie gelten als Verfechterin der Studiengebühren. Zum Wintersemester hat sogar Bayern diese abgeschafft. Ist das schlecht?

Die Entscheidung muss in den jeweiligen Bundesländern getroffen werden. Mir ist wichtig, dass die Bedingungen für die Studenten gut sind. Dass sie nicht in überfüllten Hörsälen sitzen. Das heißt, die finanzielle Ausstattung muss vom Land gewährleistet werden. Wie das Land das macht und ob es sagt, wir wollen einen Beitrag der Studenten oder wir finanzieren das voll aus Steuergeldern, das ist seine Entscheidung.

Warum gibt es in Deutschland so viele Leute, die ein Lehramtsstudium beginnen, und trotzdem existiert ein großer Lehrermangel?

Man kann nicht pauschal von einem Mangel sprechen. Die Kultusministerkonferenz prognostiziert die benötigte Zahl der Lehrer. Daran orientieren sich die Kapazitäten für Studienbewerber. Ein Problem ist aber, dass nicht alle Studenten ihr Lehramtsstudium zu Ende bringen. Wir müssen daran arbeiten, dass jemand, der anfängt und der motiviert ist, auch zum Abschluss kommt.

Wie wollen Sie das machen?

Die Verantwortung für die Hochschulen haben die Länder. Da ist in den vergangenen Jahren viel geschehen. Einige Länder haben das Studium neu strukturiert. An manchen Unis gibt es Eingangsgespräche, in denen geprüft wird, ob sich ein Bewerber wirklich für den Lehrerberuf eignet. Der Bund gibt außerdem Geld für eine Qualitätsoffensive in der Lehrerbildung, mit der wir die Hochschulen bei der Verbesserung der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern unterstützen.

In den meisten Bundesländern wechseln Schüler nach der vierten Klasse auf eine weiterführende Schule. In manchen werden sie sechs Jahre gemeinsam unterrichtet. Was ist besser?

Es gibt wie so oft kein Richtig oder Falsch. Nach 2000 hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, gemeinsame Bildungsstandards für alle Bundesländer zu erarbeiten, es aber jedem Land selbst überlassen, wie es seine Schulen organisiert. Das ist ein großer Vorteil. Denn in einer Großstadt wie Berlin funktioniert Schule anders als in einer ländlichen Region. Wenn man Pisa oder andere Vergleiche heranzieht, zeigt sich außerdem immer wieder, dass unterschiedliche Wege zum Erfolg führen.

Was halten Sie von einer Zusammenlegung der Haupt- und Realschulen? In Rheinland-Pfalz heißt das Realschule plus.

Das ist eine Entscheidung, die jedes Bundesland für sich treffen muss.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hat in einem Interview mit dieser Zeitung die Abschaffung der Hausaufgaben gefordert. Wie sehen Sie das?

Ich glaube, es ist wichtig, dass sich Schüler zu Hause und allein mit bestimmten Themen und Problemen auseinandersetzen. Mir persönlich haben Hausaufgaben jedenfalls sehr genützt.

Gabriel hat diese Forderung ja damit begründet, dass Kinder aus Akademikerfamilien Vorteile haben gegenüber Kindern, die aus bildungsfernen Familien kommen.

Wichtig ist, dass Eltern sich dafür interessieren, was ihre Kinder in der Schule machen, und dies gilt für alle Eltern – unabhängig von ihrem Bildungsgrad.

Finden Sie, das Zentralabitur ist eine gute Idee?

Ich bin sehr für Vergleichbarkeit. Die Kultusministerkonferenz hat beschlossen, dass ein Aufgabenpool bereitgestellt werden soll. Dadurch ist eine gewisse Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern gegeben. Einige Bundesländer waren sogar bereit, weiter zu gehen und haben vorgeschlagen, das in einem Staatsvertrag zu regeln. Ich finde das gut.

Sollte die Bildungshoheit der Länder aufgehoben werden?

Nein. Ich glaube, dass das große Vorteile hat. Ein föderales System bedeutet immer auch ein Stück Wettbewerb. Wenn ein Bundesland richtig gut ist, dann versuchen die anderen, sich daran zu orientieren. Aber es gibt auch große Aufgaben wie zum Beispiel den Ausbau der Ganztagsschulen. Dabei möchte der Bund die Länder unterstützen. Nicht nur, indem er Geld überweist. Wir wollen auch Einfluss darauf, was mit dem Geld geschehen soll. Das heißt aber nicht, dass wir den Ländern reinreden wollen, wie sie ihre Schulen im Detail organisieren.

Die SPD hat angekündigt, 20 Milliarden Euro zusätzlich in Bildung investieren zu wollen. Was bieten Sie?

Da ist die Frage, wo die SPD das Geld hernehmen will. Wenn man dafür neue Schulden macht, dann trifft es Sie (deutet auf die Schülerreporter) in einigen Jahren. Ich kann sagen, dass die Bundesregierung unter Angela Merkel so viel Geld für Bildung und Forschung ausgegeben hat wie noch nie zuvor. Die Summen sind in dieser Legislaturperiode um 80 Prozent gestiegen. Allein in den Jahren 2010 bis 2013 wurden in den Haushalten der Bundesministerien mehr als 13 Milliarden Euro zusätzlich für Bildung und Forschung bereitgestellt.