Archivierter Artikel vom 30.10.2014, 06:00 Uhr

Vorlesen schweißt die Familie zusammen

Es kann einer der magischsten Momente in der Beziehung zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sein. Wenn kurz vor dem Schlafengehen das Lieblingsbuch aufgeschlagen und eine Geschichte daraus vorgelesen wird, dann gehen Vorleser und Zuhörer eine besondere Verbindung ein. Abseits des hektischen Alltags entstehen Gemeinsamkeit, Konzentration und Ruhe.

Studie Konzentration, Ruhe, Nähe: Das Schmökern mit dem Nachwuchs kann den Alltag verändern.
Studie Konzentration, Ruhe, Nähe: Das Schmökern mit dem Nachwuchs kann den Alltag verändern.

„Vorlesen stärkt den Zusammenhalt in der Familie“, sagt deshalb Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Mainzer Stiftung Lesen. Doch eine neue Studie der Stiftung zeigt auch: Etwa jedes dritte Kind bekommt nie oder nur sehr selten etwas vorgelesen.

250 Väter und 250 Mütter haben die Leseforscher zu ihren Vorleseerfahrungen befragt. Diejenigen Eltern, die ihrem Nachwuchs regelmäßig Geschichten vortragen, benennen viele Vorteile. Ist ein Kind traurig oder bedrückt, lässt es sich meist durch eine Geschichte aufheitern. Oder es kann sich mit einer Figur im Buch identifizieren und von ihr lernen. „Vorlesen bereichert den Alltag von Familien. Es stößt etwas an in den Köpfen“, fasst Ehmig die Erfahrungen der Eltern zusammen.

Die Erkenntnis allein überrascht noch nicht. Vorige Studien, die die Stiftung seit 2007 in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn und der Wochenzeitung „Die Zeit“ erstellt, haben die Bedeutung der Lesekompetenz für die Entwicklung und die Bildungskarriere der Kinder längst festgestellt. Völlig unabhängig vom Bildungsniveau der Eltern wirkt sich Vorlesen positiv auf den späteren Bildungsweg der Kinder aus.

Durch das Vorlesen kommen Probleme des Alltags auf den Tisch

Anders als es die zunehmende Konkurrenz durch andere Medien vermuten ließe, gewinnt das Vorlesen in den Familien derzeit sogar an Bedeutung. Zwei Drittel der befragten Eltern halten das Vorlesen für einen wichtigen Teil der Kommunikation innerhalb der Familie. Bei Kindern zwischen zwei und acht Jahren stößt das Vorlesen weitere Gespräche über Themen an, die das Kind in seinem Alltag beschäftigen. Wenn es einschneidende Ereignisse in seinem Leben gibt wie die Geburt weiterer Geschwister, Umzug, Trennung oder Einschulung, greifen viele Eltern sogar gezielt zu Geschichten, die das Erlebte thematisieren. „Das hilft den Eltern bei den Antworten und Erklärungen“, erläutert Ehmig. Das Vorlesen erleichtert „den Umgang mit herausfordernden Situationen und Problemen, die sonst nur schwer anzusprechen sind“. Immerhin 40 Prozent der Eltern gaben an, Bücher gezielt einzusetzen, um ihren Kindern beim Verarbeiten zu helfen. Aber nicht nur die jungen Zuhörer profitieren von der besonderen Form der Zuwendung, die beim Vorlesen entsteht. Drei Viertel der Eltern genießen die konzentrierte Auszeit genauso wie ihre Kinder. „Beim Vorlesen wird uns oft erst bewusst, wie wichtig unsere Familie ist“, sagt Ehmig.

Die klassische Vorlesezeit ist beim Zubettgehen

Damit die Vorteile des Vorlesens voll zur Geltung kommen, muss es allerdings ein festes Ritual im Alltag sein. Die Expertin empfiehlt deshalb, möglichst täglich, mindestens aber mehrmals in der Woche gemeinsam mit dem Nachwuchs zum Buch zu greifen. 90 Prozent der Eltern lesen ihren Kindern beim Zubettgehen gehen vor, mehr als die Hälfte greift auch in Wartesituationen, etwa beim Arzt, zum Buch. Auch bei Fahrten in Zug, Bus oder Auto lesen viele Mütter und Väter ihren Kindern vor. Schon bei erst zwei- bis dreijährigen Zuhörern können Erwachsene mit Kindern über das Lesen spielerisch in Aktion treten. Beim Beschreiben von Bildern können Kinder Beobachtungen aus ihrem Alltag wiedererkennen und verarbeiten.

Festes Ritual ist das Vorlesen allerdings noch längst nicht überall. In jeder dritten Familie besteht laut Stiftung Förderbedarf, weil dort Eltern nur sehr selten oder gar nicht vorlesen. Ehrenamtliche, die etwa in Kitas, sozialen Einrichtungen oder Grundschulen vorlesen, könnten diesen Verlust teilweise wettmachen. „Kinder fordern es ein, dass ihnen vorgelesen wird“, so die Beobachtung von Jörg Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Dahinter steht bei der großen Mehrheit das Interesse an den Geschichten (87 Prozent). Immerhin drei Viertel der Kinder schätzen es, dass sie beim Vorlesen Zeit mit einem Elternteil allein verbringen. Im Wunsch, vorgelesen zu bekommen, äußern sie auch ihre Wünsche nach Nähe und Aufmerksamkeit.

Beim bundesweiten Vorlesetag am 21. November wollen 80 000 Prominente Kindern vorlesen. „Wir brauchen Vorlese-Vorbilder“, meint Maas. 70 Prozent der Kinder machen die Erfahrung, dass ihnen in Kindergarten oder Kita vorgelesen wird, in den Grundschulen nur noch 30 Prozent. Aus Sicht von Stiftungschef Maas reicht das nicht. Die Zahl der funktionalen Analphabeten unter den Erwachsenen schätzt er auf 5,7 Millionen in Deutschland.

Rena Lehmann