Archivierter Artikel vom 23.06.2015, 20:11 Uhr

Vom Reiz des Neuen im Alten: Tag der Architektur widmet sich „Bauen im Bestand“

Wenn in der Öffentlichkeit von Architekten die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit kühnen Neubauten und Wegmarken der Baugeschichte. Mit unserem Alltag hat das eher wenig zu tun. Eher schon der Tag der Architektur, das Aktionswochenende, bei dem Hunderte Türen bundesweit sich der neugierigen Öffentlichkeit öffnen. An diesem Wochenende steht er unter dem sehr praxisnahen Thema „Bauen im Bestand“.

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Eine Auswahl vom Tag der Architektur am kommenden Wochenende: Das „Wartesälchen“ in Koblenz belebt einen Kiosk der 50er-Jahre neu.
Eine Auswahl vom Tag der Architektur am kommenden Wochenende: Das „Wartesälchen“ in Koblenz belebt einen Kiosk der 50er-Jahre neu.
Foto: Architekt

Das Arbeiten an und mit bereits bestehenden Gebäuden ist ein wichtiges Aufgabenfeld für Architekten und Ingenieure: “Das ist ein großes Aufgabenfeld und nimmt neben den Neubauten einen großen Anteil an unserer Arbeit ein. Aber das ist kein Wunder: Wir leben ja auch im Bestand„, sagt Michael Thillmann, Gründer von Thillmann Architekten in Koblenz. Sein Büro war zuständig für eine kleine, aber feine Immobilie, die nicht nur am Wochenende öffentlich zugänglich ist: Aus einem alten Kiosk auf einer Verkehrsinsel einer Koblenzer Hauptverkehrsstraße wurde in aufwendiger Sanierung das Café Wartesälchen.

In Badenheim hat sich eine Familie den Traum vom Bauen im Bestand in einer historischen Hofreite verwirklicht.
In Badenheim hat sich eine Familie den Traum vom Bauen im Bestand in einer historischen Hofreite verwirklicht.
Foto: Architekt

Der in den 50er-Jahren entstandene Kiosk ist seit 2011 als Kulturdenkmal unter Schutz gestellt. Und wie bei vielen älteren Gebäuden barg das Bauvorhaben viele Überraschungen: “Besonders bei den Bauten der 50er- bis in die 70er-Jahre ist die Qualität der Bestandsunterlagen häufig unzureichend", erklärt Architekt Thillmann. Für ihn ist eine genaue Bestandsaufnahme der Schlüssel zum Erfolg beim Bauen im Bestand: Was man zu Beginn etwa in Bausachverständige, Schadstoffgutachten investiert, zahlt sich seiner Meinung nach immer aus.

Eine Vinothek in Ernst lädt zur Besichtigung.
Eine Vinothek in Ernst lädt zur Besichtigung.
Foto: Architekt

Wie kreativ mit Bauen im Bestand umgegangen werden kann, zeigen Beispiele beim Tag der Architektur: Da gibt es klassische Sanierungsarbeiten wie die Rote Brücke im Landschaftspark Bendorf, die jetzt wieder in neuem Glanz erstrahlt. Oder, für Liebhaber alter Mauern: In Badenheim im Landkreis Mainz-Bingen können Besucher spüren, wie es sich in einer historischen Hofreite lebt. Und es macht den besonderen Reiz des Tags der Architektur aus, an diesem Wochenende mit Bauherren und Architekten über Herausforderungen und Lösungsideen reden zu können: Hier kann man wertvolle Ideen sammeln. Ein anderes trickreiches Beispiel für Bauen im Bestand liefert eine Kindertagesstätte im Neuwieder Stadtteil Heimbach-Weis, deren Dach zur aufregenden Spielfläche ausgebaut wurde.

In einem neuen Wohnhaus in Oberwesel kann man den atemberaubenden Siebenjungfrauenblick genießen.
In einem neuen Wohnhaus in Oberwesel kann man den atemberaubenden Siebenjungfrauenblick genießen.
Foto: Architekt

Das Jahresmotto beim Tag der Architektur soll einen roten Faden auch zur Wahrnehmung liefern – es ist aber kein ausschließendes Kriterium bei der Auswahl. So sind auch in diesem Jahr die heimlichen Stars des Tags der Architektur reichlich vertreten: die Einfamilienwohnhäuser. Sie sind nun einmal für viele genau der große Traum vom Glück – und beim Tag der Architektur kann man eben viel besser als im adretten, dafür auch auch unbewohnten Musterhaus einen Eindruck davon erhalten, wie modern Bauen heute aussehen kann. Und selbst da finden viele Architekten den Bezug zum Bauen im Bestand: An vielen Orten ist bereits das Bewusstsein für architektonische Zusammenhänge gewachsen. So schließen viele der jüngsten Hausbauten – so kühn sie manchmal auf den ersten Blick auch scheinen – sehr bewusst an ihre Umgebung an, suchen die Korrespondenz mit benachbarten Gebäuden oder – wo es keine solchen gibt – mit der Natur.

In Hahnstätten entstand ein markantes Wohnhaus in Hanglage.
In Hahnstätten entstand ein markantes Wohnhaus in Hanglage.
Foto: Architekt

Ein großes Thema kommt auf das Bauen im Bestand zu – und ist vielen, die es betrifft, gar nicht bewusst: Wichtige Zeugnisse der Nachkriegsarchitektur werden in den kommenden Jahren nach und nach für eine Unterschutzstellung infrage kommen. Eine große Aufgabe für den Denkmalschutz, für Architekten – und für Bauherren, für die Bauen im Bestand ganz neue Vorzeichen bekommen kann.

Details zeichnen das neue Wohnhaus in Sinzig aus.
Details zeichnen das neue Wohnhaus in Sinzig aus.
Foto: Architekt

Bei der Sanierung des denkmalgeschützten Kiosks in Koblenz hat das federführende Architektenbüro sofort Kontakt mit dem Denkmalschutz aufgenommen und geplante Umbauten abgestimmt. Auch hier gilt: Genaue Vorbereitung ist wichtig, eine Binsenweisheit, die für jedes Bauvorhaben selbstverständlich sein sollte – manche Baustellenruine und spektakuläre Bauverzögerungen sprechen dafür, dass diese Erkenntnis noch nicht bei allen Bauherren und Architekten angekommen ist. Claus Ambrosius

Weitere Informationen unter www.tag-der-architektur.de