Archivierter Artikel vom 30.03.2013, 06:00 Uhr
Berlin

Umstellung: Freud und Leid mit der Zeit

Die Suche nach den Schokoeiern könnte in diesem Jahr etwas schwieriger werden. In der Nacht zum Ostersonntag beginnt die Sommerzeit, die Uhren werden nachts eine Stunde vorgestellt – von 2 Uhr auf 3 Uhr. Viele Menschen verspüren deshalb eine Art Mini- Jetlag, schlafen schlecht und sind morgens nicht fit.

Die Mehrheit benötige zwei Tage, um sich an die Sommerzeit zu gewöhnen, sagt Schlafforscher Jürgen Zulley. Wer also noch im Mai bunte Eier hinterm Schrank findet, gehört vielleicht zu der großen Gruppe der Unausgeschlafenen. Die „verlorene“ Stunde ist für einige Menschen zusätzlich ein Grund zum Ärgern – kann aber auch ein Anlass sein, sich Gedanken über die Zeit zu machen.

Ist es wirklich schon wieder so spät? Am Samstagabend muss Uhrmachermeister Rolf Zurmöhle die Kirchturmuhr von Kirchrode umstellen.
Ist es wirklich schon wieder so spät? Am Samstagabend muss Uhrmachermeister Rolf Zurmöhle die Kirchturmuhr von Kirchrode umstellen.
Foto: DPA

1. Innere Uhr:
Außer den Uhren an Handgelenken, Türmen und Wänden gibt es auch die innere Uhr. Zeitforscher Karlheinz Geißler spricht von menschlicher Zeitnatur, Schlafforscher Zulley nennt sie auch den biologischen Rhythmus. „Der Mensch unterliegt wie alle Lebewesen dem Rhythmus der inneren Uhr“, sagt er. Diese ist sehr robust, ignoriert kurzfristige Änderungen und hilft den Menschen bei Störungen, wieder in den Alltag zurückzukehren – etwa wenn man eine Nacht durchmacht.

Die innere Uhr hängt mit dem Tag-Nacht- Rhythmus zusammen. Der Münchener Chronobiologe Till Roenneberg sagt, dass die innere Uhr von Blinden, die kein Tageslicht wahrnehmen können, einen 25- Stunden-Rhythmus hat.
2. Sozialer Jetlag:
80 Prozent der Menschen brauchen Wecker, um rechtzeitig zur Arbeit zu gelangen, sagt Roenneberg. „Jeder, der mit einem Wecker aufwacht, hat ein Schlafdefizit.“ An freien Tagen schlummert man dagegen gern länger. Die innere Uhr befindet sich in einer anderen „Zeitzone“ als die äußeren Uhren, die zum Beispiel den Arbeitsbeginn regeln – Roenneberg nennt dieses Phänomen den sozialen Jetlag.

3. Sommerzeit:

Wenn beim Wechsel auf die Sommerzeit die Zeiger eine Stunde vorgestellt werden, müssen die Menschen laut Experte Roenneberg mit einem zusätzlichen sozialen Jetlag kämpfen. Das hat gesundheitliche Folgen: Die Zahl der Herz-Kreislauf- Erkrankungen steigt. Schlafforscher Zulley verweist auf Studien, wonach am ersten Montagmorgen der Sommerzeit 8 Prozent mehr Verkehrsunfälle passieren als an einem normalen Montag.

4. Gefühlte Zeit:

Menschen erleben Zeit als etwas sehr Individuelles. Der Zug mit der Liebsten kommt in einer Viertelstunde am Bahnhof an – der Verehrer aber schaut jede Minute gequält auf die Uhr. Ein schöner Sommerurlaub scheint dagegen nur so zu verfliegen, auch wenn er zwei Wochen dauert.

„Wenn ich nichts zu tun habe, kommt mir die Zeit extrem lang vor“, erklärt Zulley. Zudem spielen Gefühle eine Rolle: Warten erscheint sinnlos.

5. Geschenkte Zeit:

Wer warten muss, ärgert sich oft – könnte sich aber auch über die geschenkte Zeit freuen. Wie sich Menschen beim Warten verhalten, ist Geißler zufolge kulturell geprägt. Deutsche etwa schauen auf einem Flughafen in kurzen Abständen wiederholt auf die Uhr. Menschen aus südlichen Ländern dagegen nehmen häufiger Kontakt zu anderen Wartenden auf oder schauen sich um.

6. Zeit zum Umdenken:

Über Stress, Burn-out und die Sehnsucht nach mehr Muße und Zeit wird viel diskutiert. Geißler, der auch Zeitberatung für Unternehmen anbietet, plädiert für Pausen im Job und bezeichnet Gleitzeit als Fortschritt. Diese empfiehlt er auch für Schulen. „Ein Schulbeginn um 9 Uhr wäre für 16-Jährige leistungsfördernd.“

Damit die Menschen näher an ihrer inneren Uhr sein können, fordert Roenneberg flexiblere Arbeitszeiten – ihm zufolge hat es sich gezeigt, dass zum Beispiel Frühaufsteherinnen, die Nachtschichten haben, ein um das Dreifache erhöhtes Brustkrebsrisiko haben. Es gibt Menschen, die ohne Uhren leben – und auch solche, die sich bewusst der Sommerzeit entziehen: „Ich kenne Menschen, die aus Protest ihre Uhren nicht umstellen“, sagt Zulley.