Archivierter Artikel vom 15.06.2013, 09:36 Uhr
Mittelrhein

Umfrage: So trat der Welterbe-Gutachter am Mittelrhein auf

Der Experte kommt, sieht das Mittelrheintal, hört viele Argumente – und urteilt: Die Seilbahn muss weg, die Sommerrodelbahn stört das Welterbe. Wie muss man sich eine Verhandlung um Existenzen am Mittelrhein im Geheimen vorstellen?

Von unserer Redakteurin Ursula Samary

„Die Seilbahnanlage beeinträchtigt die ästhetische Qualität und den Charakter der Landschaft“, schreibt Bernhard Furrer in seinem Gutachten, 
„Die Seilbahnanlage beeinträchtigt die ästhetische Qualität und den Charakter der Landschaft“, schreibt Bernhard Furrer in seinem Gutachten,
Wer berät die Unesco, und wie geht der Gutachter mit seiner gewaltigen Macht vor? Wir fragten Rheinland-Pfälzer, wie sie Professor Bernhard Furrer aus Bern erlebten. Er kann Weltgeschichte schreiben, wenn die Unesco seinem Urteil folgt und es unter Zeitdruck einfach abhakt. Denn gegen das Votum, einen Welterbe-Titel abzuerkennen, gibt es kein Rechtsmittel.

Der Autor des am Mittelrhein so umstrittenen Gutachtens ist ein anerkannter eidgenössischer Denkmalpfleger im Ruhestand, Architekt und Jahrgang 1943. Geschickt hat ihn der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos International) – im Auftrag der Unesco und für die Vorbereitung der entscheidenden Konferenz des Welterbe-Komitees (21 Mitglieder) in Kambodscha.

Gutachter besucht das Welterbe nur einmal im Jahr – und das im Winter

Der Gutachter, der das Welterbe-Tal beurteilt, kommt – anders als Sterne vergebende Restauranttester – nur einmal und auch noch im Winter, wenn die Landschaft kahl ist. Kann eine subjektive Einzelmeinung zur Maxime werden? Das fragt sich am 13./14. Dezember 2012 einer, der Furrer bei der öffentlich völlig abgeschotteten Visite viele Fakten vorlegt und auch auf die Chance hofft, dass die Seilbahn 2014 nicht schon wieder Geschichte ist. Bei anderen Gesprächspartnern schwindet erste Nervosität, wie sie sich erinnern. Der Experte stammt schließlich aus den Alpen, wo Seilbahnen zum Alltag gehören. Er wirkt wie ein „netter Opa“, „hört gut zu“, wirkt „bestens vorbereitet“, „nickt zeitweise auch wohlwollend“, ist rückblickend zu hören. Alle denken, dass er „bedächtig“ Pro und Kontra genau abwägen würde. Das Gesprächsklima empfinden damals alle als gut. Dass Furrer sich „nicht in die Karten schauen lässt“, stört weniger. „Das haben wir erwartet“, nicht aber, „dass er am Ende solche Konsequenzen fordert und den Ermessensspielraum überreizt“.

Einem ist bei Furrers Besuch das ganze Prozedere von Anfang an suspekt: Dass die Unesco nur einen einzigen Gutachter schickt, stimmt ihn nachdenklich. Der Fachmann, der selbst schon viele komplizierte Entscheidungsprozesse gestaltet und moderiert hat, hätte zumindest mit einer sich gegenseitig beratenden Minikommission von Icomos gerechnet. Jetzt aber steht er irgendwie einem Phantom gegenüber, von dem er nicht weiß, ob es etwa „zur alten oder eher modernen Schule der Denkmalpfleger gehört“. Icomos hat – vornehm ausgedrückt – den Ruf, der klassischen Linie zu folgen.

Dass die ganze Region in einem undurchsichtigen Verfahren womöglich vor einem Icomos-Einzelrichter steht, gefällt unserem Gesprächspartner nicht: „Das passt nicht zum Ziel, dass die Unesco auch die Demokratie fördern will“, sagt er und will – wie alle – nicht genannt werden. Dieser Begleiter in Furrers Tross hält es auch für „feige“, dass sich Icomos nicht stellt – und einfach ohne weitere Rückkopplung ein Urteil fällt, „das nach diesem Besuch keiner erwartet hat“. Nun, Furrer entscheidet zwar nicht final. Aber den Icomos-Einfluss unterschätzt auch keiner.

Nur gegen das Hotel auf dem Loreleyfelsen äußerte er sich klar ablehnend

Vor Ort soll sich Furrer nur einmal klar ablehnend geäußert haben – auf dem sagenumwobenen Loreleyfelsen. Er sei deutlich dagegen gewesen, dass an die Kante ein Hotel gebaut wird. Aber das wollen seine Begleiter aus der Region auch nicht. „Und der Investor hat sich auch nicht mehr gemeldet“, heißt es erleichtert. Dass die Sommerrodelbahn auf dem Loreley-Plateau seine Sichtachse stört, hat Furrer nicht vom Rheinufer oder Dampfer gesehen. Er stand dabei auf dem höheren Aussichtspunkt Mariaruh auf der anderen Rheinseite – „als kein Grün sie verdeckte und sie im Bau und matschiger Dreckphase war“, heißt es. Aber ein Welterbe-Tester kommt eben nur einmal im Jahr.

Für alle Demonstranten, die sich mit unserer Zeitungsseite nicht selbst ein Plakat gebastelt haben, sorgte der Verein der Buga-Freunde vor. „Pro-Seilbahn“-Schilder standen an der Talstation bereit.
Für alle Demonstranten, die sich mit unserer Zeitungsseite nicht selbst ein Plakat gebastelt haben, sorgte der Verein der Buga-Freunde vor. „Pro-Seilbahn“-Schilder standen an der Talstation bereit.
Foto: Sascha Ditscher
Dass nach guten Gesprächen – auch über die unerwartete Erfolgsgeschichte der Seilbahn – das Gutachten so „grottenschlecht“ oder „widersprüchlich“ ausfällt, damit hat von den Begleitern niemand im Entferntesten gerechnet. In dem diffusen Prozess schließen mittelrheinische Kenner nicht aus, dass der „sympathische“ Schweizer im Hintergrund auch beeinflusst worden sein könnte, von Denkmalschützern etwa, die am Rhein „noch eine Rechnung offen haben“.

Einer bleibt dennoch gelassen: Icomos war auch kategorisch gegen die Mittelrheinbrücke, am Ende nicht aber die Unesco, meint Landrat Bertram Fleck (Rhein-Hunsrück) vor seinem Abflug nach Kambodscha. Damals wurde auch erreicht, dass beim zweiten Besuch drei Gutachter an den Rhein kamen. Einer, dem der Prüfungsablauf auch nicht gefällt, aber um den weltweiten Imagetrumpf „Welterbe-Titel“ weiß, stellt nüchtern fest: „Wir haben uns freiwillig dem Zertifizierungsprozess und seinen Regeln gestellt.“

Die Unesco ist am Mittelrhein hoch geachtet – gilt irgendwie selbst als Denkmal, trotz der wenig transparenten Strukturen. Jetzt setzen alle darauf, dass die Unesco Vernunft beweist, die rheinland-pfälzischen Argumente gut prüft und zu einer Lösung bereit ist, die von denkmalverträglicher wie lebensnaher Güte ist.