Archivierter Artikel vom 15.07.2014, 18:06 Uhr
Berlin

Tränen für die Weltmeister: Warum es eine halbe Million Menschen auf die Fanmeile zieht

Als Kapitän Lahm den Menschen auf der Fanmeile den WM-Pokal entgegenstreckt, kann Oliver Löhr nichts davon sehen. Der Berliner sitzt seit mehr als fünf Stunden etwa 50 Meter vor der Bühne am Brandenburger in seinem Rollstuhl.

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Seit dem Morgen sieht er vor allem Rücken, Fahnen, und den blauen Himmel über Europas größter Fanmeile in der deutschen Hauptstadt. Jetzt aber weint er vor Rührung inmitten des schwarz-rot-goldenen Fahnenmeers. „Hier dabei zu sein, das ist so einmalig“, sagt er. Man muss nicht immer sehen, das hier ist vor allem eine Sache des Gefühls.

Eine halbe Million Menschen hat sich in der Nacht vor dem großen Empfang der deutschen Nationalmannschaft von den entlegensten Orten der Republik auf den Weg gemacht, um Joachim Löw und sein Team zu feiern. Wenn man auf der Fanmeile fragt, warum es diesmal mit dem Titel klappte, herrscht Einigkeit, dass es am Teamgeist lag. „Wir hatten ein Team auf dem Platz, die anderen nur Einzelspieler“, meint Florian Pawlowski, der um Mitternacht aus der Nähe von Aschaffenburg losgefahren ist, um hier zu sein.

Oliver Löhr, der Mann im Rollstuhl, hatte noch versucht, eines der wenigen ersten Trikots mit vier Sternen zu erstehen. Doch sie waren binnen weniger Minuten verkauft. „Ich bin ein Fan“, sagt Löhr, der jetzt zumindest ein einfaches Nationaltrikot trägt. 1974 hat er als Kind einmal Berti Vogts aus nächster Nähe erlebt. Seither folgt er den deutschen Nationalteams, so nah er kann.

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Der Kult auf der Fanmeile ist seit der Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 Teil des großen Spiels geworden. „Oh, wie ist das schön“, singt man im hier im Massenchor. Oder man ruft gemeinsam einen nach dem anderen Nationalspieler mit hunderttausenden zum Fußballgott aus. Man maskiert sich, als würde man in die Schlacht ziehen, lässt sich mitreißen. Man ist im Rausch der Massen.

Das ist bereits um 10.20 Uhr so, als auf der großen Leinwand am Brandenburger Tor übertragen wird, wie der Flieger mit den Weltmeistern an Bord auf dem Flughafen Tegel landet. Rike und ihre Freundinnen Lea und Line schminken sich da noch schwarz-rot-goldene Streifen in die Gesichter. „Ich war schon als Kind 2006 mit meinem Papa auf der Fanmeile“, sagt Lea. Damals war sie Fan von Michael Ballack, heute spielt sie selbst. Die drei Teenager sind mit „SFC Stern 1900“ gerade in die Landesliga aufgestiegen. Die Nationalelf sei „eine Turniermannschaft“ erklärt die gelernte Innenverteidigerin Line, die Mats Hummels klasse findet. „In unserer Mannschaft gibt es aber eigentlich keinen, der nicht sympathisch ist“, sagt sie noch.

Inzwischen ist fast ganz Berlin eine einzige Fanmeile geworden. Im offenen Bus fährt die Mannschaft die letzten Meter durch den Stadtteil Mitte, durchs Regierungsviertel bis zum Brandenburger Tor. Tausende säumen den Weg. Ordner fangen auf der Fanmeile an, die Wartenden in der Sonne mit Wasser zu bespritzen. Die beiden Söhne von Miroslav Klose machen sich einen Spaß und lassen die Menge auf der Fanmeile schonmal Wellen machen. Im Getümmel macht der frühere Schauspieler und heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Charles Huber („Der Alte“) ein Foto nach dem anderen. „Grandiose Stimmung “, sagt er. Politik ist hier heute ziemlich weit weg.

Vor dem Rollstuhl von Oliver Löhr haben sich Samuel (6) und Simon (8) Tegtmeier hingesetzt, weil sie nicht mehr stehen können. Sie sind mit ihrem Vater am Vorabend spontan von Duisburg nach Berlin gefahren. Sie haben im Auto auf der Rückbank am Straßenrand geschlafen. Ihr großes Fußball-Abenteuer werden die beiden schon jetzt nicht vergessen. Aber wann kommt die Mannschaft endlich?

„Wir wollen die Mannschaft sehen“, singt der Fanmeilen-Chor um 12.50 Uhr immer lauter. Schweinsteiger, Özil, Müller und Co. sind da bereits am Tor, lassen aber auf der großen Bühne weiter auf sich warten. Erst eine Stunde später kommen endlich die Trainer auf die Bühne. Die Interviews mit ihnen hört hier auf der Fanmeile niemand. „Jogi, Jogi, Jogi“, ruft die Menge im Stakkato. Der Bundestrainer wirkt locker wie selten, er lächelt, ist sogar für ein paar Wellen mit den Fans zu haben. Die große Party überlässt er aber seinen Spielern. „Lu-Lu-Lu-Lukas Podolski“ und „Götze, Götze Fußballgott“ schallt es aus Hunderttausenden Kehlen am Brandenburger Tor, als sie endlich da sind. Über den „Gaucho“-Tanz von Miro Klose, André Schürrle, Mario Götze, Shkodran Mustafi, Toni Kroos und Roman Weidenfeller – im Netz schon wenige Minuten nach seiner Erstaufführung als ziemlich unpassend empfunden – sieht man hier großzügig hin weg. Nicht wenige tanzen einfach mit.

Mindestens fünf Stunden haben die meisten hier gewartet, für eine halbe Stunde mit der Nationalmannschaft. Als Helene Fischer als „Lieblingssängerin“ des Nationalteams ihren atemlosen Hit anstimmt, sind die beiden Jungs Simon und Samuel bereits verschwunden. Die Fußballerinnen vom „SFC Stern“ sind außer Atem vom Mithüpfen. Ob es sich gelohnt hat, so lange zu warten? „Wir haben bisschen wenig gesehen, ein bisschen wenig getrunken – aber wir waren dabei“, sagt Line, die außer Puste ist. Oliver Löhr trocknet sich die Tränen. Auch er sieht glücklich aus.

Rena Lehmann