Archivierter Artikel vom 02.08.2011, 09:00 Uhr
Mainz

Tattoos – Flinke Nadel macht die Haut zu Kunst

Das kleine Studio South West Tattoos plant Großes: die 1. Mainzer Tattoo-Messe. Wir haben den Altstadtladen besucht und uns die Faszination dieser alten Tradition erklären lassen.

Mainz – Das kleine Studio South West Tattoos plant Großes: die 1. Mainzer Tattoo-Messe. Wir haben den Altstadtladen besucht und uns die Faszination dieser alten Tradition erklären lassen.

Silke grinst: „Das ist deine letzte Chance zur Flucht“. Aber ans Abhauen denkt Andreas Janczyk nicht. Der Mittzwanziger aus Mainz kann es nicht erwarten, dass sich die dunkelhaarige Tätowiererin mit der Nadel über ihn hermacht: „ Na los !“

Wer Zahnarztbohrerterror und Schmerzensschreie erwartet, ist schief gewickelt. Die Nadel brummt kaum hörbar gegen den Countryrock an, der durch das Studio South-West-Tattoos in der Altstadt reitet. Vom Regal aus gucken die Rocker von KISS in der Hartgummi-Variante zu, überall stehen Farbflaschen stramm mit Namen wie „Chemisches Pipi“, „Magentadennsiewillja“ und „Silkys No. 5“.

Immer schön still halten

„Weh tut es nicht, jedenfalls nicht an dieser Stelle. Aber meine Hand kribbelt, weil ich mich nicht bewegen darf. Das ist unangenehm“, sagt Janczyk, während Silke (auf Nachnamen verzichtet man gern in der Szene) schwarze Muster in seinen Oberarm sticht.

„Früher war das anders, da hatte ich immer Riechsalz parat. Mittlerweile fällt kaum noch einer in Ohnmacht“, berichtet der Chef des Ladens, Thommy Köhler. Seit 35 Jahren ist der Mitbegründer des Berufsverbands DOT (Deutsche Organisierte Tätowierer) im Geschäft, betreibt drei Studios und organisiert im August die erste Mainzer Tattoo-Expo. Köhler hat einiges erlebt, denn im Laufe der Jahrzehnte haben sich nicht nur die Maschinen weiterentwickelt, auch das Image von Tätowierungen ist ein anderes.

„Mein erstes Tattoo habe ich mir mit Nadeln und Bindfaden selber gestochen, nachdem ich das in einem Film gesehen hatte. Da war ich zwölf“, erzählt er und schüttelt den Kopf über die Aktion. Das Echo in den 60ern war beeindruckend. Die Hand hat sich fies entzündet, sein Vater musste in der Schule eine Erklärung abgeben.

Kundenstamm ist vielfältig

Mittlerweile ist das Tätowieren viel akzeptierter, findet er, der selbst Kunden aller Art hat – vom Teenie bis zum Senior, vom Banker bis zum Hartz IV-Empfänger. „Ich hab mal eine 96-Jährige tätowiert, die hat sich einen Jugendtraum erfüllt. Das war klasse. Sie hat zwar nachgefragt, aber in ihrem Altersheim wollte sonst keiner“, erzählt er und lacht sich kaputt bei der Erinnerung.

Derweil nimmt Silkes Arbeit Formen an, und zwar polynesische. „Ich hatte auf dem Oberarm schon einen Phönix, den wollte ich erweitern. Ich hab Silke erzählt, was ich mir so vorstelle und sie hat einen Entwurf gemacht. Der hat mir gleich gut gefallen“, sagt Janczyk, der mittlerweile Besuch von seiner Schwester Kathrin hat. Die guckt sich das vorgezeichnete Tattoo an, nickt zustimmend und rauscht dann erst mal wieder ab, um Silke und ihrem Bruder was zu essen zu kaufen. Die beiden haben noch eine gewaltige Sitzung vor sich. Gut sieben Stunden wird sie wohl brauchen, schätzt Silke, und ob man das überhaupt an einem Stück stechen kann, muss man abwarten. Die Haut ist irgendwann ziemlich strapaziert und auch für den ständig hoch konzentrierten Tätowierer wird es anstrengend.

Muster aus Samoa/Polynesien sind gefragt, ebenso Schriftzüge, Sterne und Porträts. Gerade bei Porträts sieht man, wie sich die Körperkunst entwickelt hat: Ein guter Tätowierer kann nahezu fotorealistische Porträts in die Haut stechen.

Faszination liegt in der Einmaligkeit

Fragt man Köhler, was die Faszination beim Tätowieren ausmacht, sagt er spontan: „Der Schmerz! Neee, Quatsch, Tätowieren ist eine uralte Tradition, das ist faszinierend. Schon Ötzi war tätowiert. Ein Tattoo ist ein persönliches Ding. Was Silke gerade sticht, das ist einmalig, kein anderer hat das. Darum geht es: um Individualität.“

Das Individuelle hat aber Grenzen. Manchmal kämen „junge Kerlchen“, die sich ein paar Sterne tätowieren lassen wollen, weil ihr Lieblingsstar das hat. Für Köhler haben solche Moden wenig mit wahren Tätowierungen zu tun. Übrigens: Verfassungsfeindliche Symbole oder von Kunden kreierte Vorlagen, die so hässlich sind, dass sie den guten Ruf seiner Studios versauen, die macht er nicht. Und manchmal muss man Kunden auch vor sich selber schützen, sagt Mitarbeiter Jochen: „Ich würde niemanden an Händen oder Hals, also ganz auffälligen Stellen, tätowieren, wenn es das erste Tattoo ist. Das ist zu krass. Es gibt halt doch noch Vorbehalte gegen Tätowierte.“

Verbände setzen auf Richtlinien

Apropos guter Ruf: Da einige Tätowierer um eben den besorgt waren, haben sie 1995 den Tätowiererverband DOT gegründet. Seine Themen: mangelnde Hygiene, unseriöse Geschäftspraktiken etc... In Abstimmung mit anderen Experten, etwa von Gesundheitsämtern, wurden Richtlinien erarbeitet. Es gibt zwar auch Top-Tätowierer, die nicht DOT-Mitglied sind, aber die zu finden ist schwierig, wenn man sich nicht in der Szene auskennt. Köhler rät daher, sich über DOT oder sein europäisches Pendant UETA über saubere Studios zu informieren. Wer aber kein gutes Gefühl hat, sollte die Nadel nicht an sich ranlassen.

Janczyk zumindest hat ein gutes Gefühl, da können die Fratzen an der Wand noch so schräg gucken. Nur eins beschäftigt ihn: „Wegen meiner Schwester: Nicht dass das im Artikel so rüberkommt, als hätte ich Unterstützung gebraucht!“. Hiermit schwarz auf weiß: Von Handhalten kann keine Rede sein, Schwesterherz war nur neugierig. Alexandra Schröder

Schicken Sie uns Fotos von Ihren Tattoos und schreiben Sie in paar Zeilen dazu: tattoos@rhein-zeitung.net! Wir basteln daraus eine Bilderstrecke. Mehr Infos zum Thema: www.south-west-tattoo.de, www.dot-ev.de, www.ueta.org.