Archivierter Artikel vom 02.10.2014, 06:00 Uhr

Tag der Deutschen Einheit: Gedenken hilft der Gegenwart

Das Jahr 2014 ist zu einem wahrhaftigen Gedenkmarathon geworden. Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, der Mauerfall vor 25 Jahren – da droht der „reguläre“ Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober schon unterzugehen. Trotzdem sollte eine Gesellschaft niemals müde werden, sich ihrer Geschichte zu erinnern, sagt der Historiker Norbert Frei von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Das Interview:

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Universität Jena

Wofür braucht es Gedenktage wie den Tag der Deutschen Einheit?

Gedenktage sind ja Rituale insofern, als dass an einem bestimmten Tag das Gedenken an einen gesellschaftlichen Zusammenhang stattfindet. Solche Veranstaltungen werden deshalb auch manchmal abschätzig betrachtet, weil sie eben ritualisiert sind. Anders geht es aber nicht: Gesellschaften können sich nicht an einem x-beliebigen Tag verabreden, über irgendetwas nachzudenken oder einer wichtigen historischen Zäsur zu gedenken. Sie können das nur, wenn diese Daten feststehen und eben auch wiederkehren.

Reicht es, einen Tag zu benennen?

Er muss mit Inhalt gefüllt werden. Das kann man am Tag der Deutschen Einheit gut nachvollziehen. Der 17. Juni war der Gedenktag für den Aufstand in der DDR 1953. Der wurde als offizieller Feiertag nach der Wiedervereinigung fallengelassen. Der neue Gedenktag am 3. Oktober stieß anfangs auf Kritik. Es hieß, er sei ein bürokratisch gewähltes Datum und keines, mit dem sich ein wichtiges Ereignis auf dem Weg zur Einheit verbinden lässt. Das hat dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl einige Kritik eingetragen. Es gab viele, die es für sinnvoller hielten, den 9. November zu nehmen, diesen in der deutschen Geschichte vielfach bedeutsamen Tag. Die Bundesregierung hat sich darüber hinweggesetzt. Seitdem aber wird seitens des Bundes und der Länder viel getan, den 3. Oktober mit Reden und Festen mit Leben zu füllen.

Wird er auch „vom Volk“ als Gedenktag akzeptiert?

Umfrage
Tag der Deutschen Einheit, 3.10., oder 9.11.? Welches Datum soll es sein?

Das Jahr 2014 ist zu einem Gedenkmarathon geworden. Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, der Mauerfall vor 25 Jahren. Da droht der „reguläre“ Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober schon unterzugehen.

Ich bin für den 9. November. (Mauerfall)
11%
24 Stimmen
Der 9. November ist ein belastetes Datum, daher der 3. Oktober.
12%
27 Stimmen
Der 3. Oktober ist wichtiger, weil da Verträge unterzeichnet wurden.
12%
27 Stimmen
Die Mauer soll wieder her!
30%
68 Stimmen
Beide Tage sind wichtig für unsere Geschichte.
35%
79 Stimmen

Das ist mit Gedenktagen ja immer so eine Sache. Über den 17. Juni hat man schon in den 70er Jahren geklagt, dass er für viele einfach nur ein schöner zusätzlicher freier Tag sei und nur noch wenige den Tag in seiner Bedeutung würdigten. Aber vor dem Problem stehen alle Feiertage, die arbeitsfrei sind.

In diesem Jahr gibt es einen regelrechten Gedenkmarathon. Wird man dabei den Ereignissen gerecht?

Die größte Überraschung war in diesem Jahr das Gedenken an den Ersten Weltkrieg. Die Deutschen haben sich nach 1945 noch nie so intensiv mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs auseinandergesetzt. Das zeigt auch der Erfolg vieler Bücher, die zu diesem Thema erschienen sind. Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg ist dahinter ziemlich verblasst. Beim 25. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November bin ich gespannt. Bereits der 10. und der 20. Jahrestag wurden sehr intensiv wahrgenommen. Generell kann man sagen, dass sich eine Gesellschaft in den ersten Jahrzehnten nach einer solchen Zäsur wie dem Mauerfall noch anders verhält als bei länger zurückliegenden Ereignissen.

Woher kommt das plötzliche Interesse am Ersten Weltkrieg?

Vermutlich ist ein historischer Entlastungswunsch mit im Spiel: Anders als beim Zweiten Weltkrieg ist hier keine Rede von deutscher Alleinschuld. Man kann sich als Teil einer europäischen Gesellschaft der „Schlafwandler“ sehen, die in den Krieg hineinschlitterte. Die Ukraine-Krise hat das Ganze dann in eine unerhörte Aktualität gerückt. Durch die Krisenwahrnehmung und die Verunsicherung, in der wir uns befinden, ist die Aufmerksamkeit für das Gedenkjahr 2014 noch verstärkt worden.

Warum ist es wichtig, dass sich eine Gesellschaft erinnert?

Die einfachste Antwort, die von der Politik immer wieder gegeben wird: Weil sie aus der Geschichte lernen soll – und wenn sie klug ist, auch lernen will. Die Frage ist aber immer, was man lernt. Man kann aus der Geschichte auch das Falsche lernen, indem man Zusammenhänge verkürzt darstellt. Was feststeht: Wir blicken auf Vergangenheit niemals interesselos zurück. In den allermeisten Fällen schauen Gesellschaften und Individuen in die Geschichte zurück, um ihre Gegenwart besser verstehen zu können.

Was prägt: Geschichtsschreibung oder persönliche Erfahrung?

Das fließt zusammen. Wir alle fragen uns doch manchmal: Wo war ich, als dieses oder jenes wichtige Ereignis geschah? Wie habe ich zum Beispiel vom Mauerfall erfahren? So verbindet sich das Großereignis mit dem persönlichen Erleben. Davon getrennt zu sehen sind die wirklich rein privaten, familiären Geschehnisse. Es gibt aber so etwas wie ein Familiengedächtnis, in dem sich Gesellschaftliches und Privates immer wieder miteinander verbindet und überschneidet.

Wann wird Geschichte instrumentalisiert?

Diese Gefahr ist immer gegeben. Aber dort, wo ein offener und herrschaftsfreier Diskurs möglich ist, gibt es Rede und Gegenrede. Dort kann das alles kritisch reflektiert werden. Schwierig wird es unter totalitären und diktatorischen Bedingungen, wenn ein bestimmtes Geschichtsbild verordnet wird. Das haben die Deutschen im Nationalsozialismus und natürlich auch in der DDR erlebt.

Wodurch verändert sich der Blick auf ein historisches Ereignis?

Dadurch, dass wir heute in einer anderen Situation leben als vor 50 Jahren zum Beispiel. Die Gesellschaft ist eine andere, in ihrer sozialen Zusammensetzung, in ihrem Bewusstseinsstand, in ihren Erfahrungen, die sie seither gemacht hat. In gewisser Weise lebt eben auch die Vergangenheit.

Das Gespräch führte Rena Lehmann