Archivierter Artikel vom 15.10.2012, 15:15 Uhr

Studie legt große Wissenslücken bei Schülern über DDR offen

Die DDR? Das war doch dieser andere deutsche Staat, in dem nicht alles so super gelaufen ist. Und die Stasi? Muss so was wie die ostdeutsche Ausgabe von James Bond gewesen sein. Führende SED-Leute? War das nicht Kohl? Oder sonst Adenauer. Wer weiß das schon so genau?

Siegbert Schefke (links) war der Kameramann, der Roland Jahn die Aufnahmen aus Leipzig im Herbst 1989 auf spektakulären Wegen übermittelte.
Siegbert Schefke (links) war der Kameramann, der Roland Jahn die Aufnahmen aus Leipzig im Herbst 1989 auf spektakulären Wegen übermittelte.

So ähnlich muss nach einer Studie des Forschungsverbunds SED-Staat aus dem vergangenen Jahr das DDR-Bild vieler deutscher Schüler aussehen. Die Unwissenheit ist allerdings kein allein ostdeutsches Problem. Prof. Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin befragte vor drei Jahren mehr als 5200 Schüler aus Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern, überwiegend 16 oder 17 Jahre alt. Das Ergebnis: Für Roland Jahn und die Stasi-Unterlagenbehörde bleibt noch viel Aufklärungsarbeit zu tun.

Ostdeutsche Schüler sahen im Wissenstest besonders schlecht aus und beurteilten die DDR auch wesentlich milder. „Etwa zwei Drittel der Schüler in den westlichen Regionen erkennen den Diktaturcharakter des SED-Staates, aber nicht einmal die Hälfte in den ostdeutschen“, heißt es in der Studie.

„Im Westen interessiert man sich nicht für die DDR“, erläuterte Schroeder. „Je weiter Sie nach Westen kommen, desto mehr Leute sagen: ,Das ist deren Geschichte, nicht unsere.‘“ Im Osten wiederum sei das Bild der Schüler durch Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern schöngefärbt. „Die Leute, die das erlebt haben, leben eben noch. Und die kommen sofort und sagen: ,Das war doch gar nicht so.‘“ Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, beklagt Wissenslücken auch bei den Lehrern. „Viele haben noch zur Zeit der Entspannungspolitik studiert. Die Dimensionen der kommunistischen Verbrechen sind vielen nicht bekannt. Und das Interesse an Fortbildungsangeboten ist eher gering.“ Über die Deutung der DDR-Vergangenheit tobt nach wie vor ein Streit. Seit dem Fall der Mauer sind erst 23 Jahre vergangen.

Schroeder befürchtet, dass es zur Verklärung der DDR-Vergangenheit kommt. „Es war eine Diktatur, die Andersdenkende verfolgt hat, und Hunderttausende haben diese Diktatur mitgetragen“, stellt er klar.

Ähnlich scharf äußert sich auch Knabe: „Wenn es um Diktaturen geht, besitzt die Schule eine Aufklärungspflicht, die sie bei der DDR nur unzureichend wahrnimmt. Dass die Menschen doch nur das Beste gewollt hätten, hat man in meiner Jugend auch über den Nationalsozialismus gesagt.“ Der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands erklärte nach Veröffentlichung der Studie, dass die Lehrer ihre Lektion durchaus gelernt hätten. Es habe sich in den vergangenen Jahren viel getan. Auch dadurch, dass die Kultusminister-Konferenz 2009 empfohlen hat, den Schwerpunkt im Geschichtsunterricht noch mehr auf Zeitgeschichte zu legen.