Archivierter Artikel vom 13.01.2015, 06:07 Uhr
Berlin

Studie: Eltern machen sich den Stress selbst

Wer heute Kinder großzieht, gehört nach eigenen Angaben zu der am meisten gestressten Elterngeneration. Doch Mütter und Väter machen sich den Druck überwiegend selbst – der Spagat zwischen Beruf und Familie ist weniger Ursache für die Belastungen. Das hat eine Studie ergeben, für die das Institut Forsa im Auftrag der Zeitschrift „Eltern“ rund 1000 Frauen und Männer mit Kindern bis zwölf Jahren in Deutschland befragt hat.

Lesezeit: 7 Minuten

Symbolbild: dpa
Symbolbild: dpa

Von Jan Drebes und Angela Kauer

Unter Strom stehen die Eltern demnach vor allem, weil sie ihre Aufgaben perfekt erfüllen und keine falschen Entscheidungen treffen wollen: Vom Schnuller bis zum Autositz müssen Produkte für den Nachwuchs optimal sein, später sollen Tochter und Sohn die beste Tagesbetreuung und Schulbildung bekommen. 40 Prozent der Mütter und Väter gaben an, dass der Druck aus den eigenen Ansprüchen entsteht, bei den Frauen sagt das sogar jede zweite.

Laut dem Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz sind es vor allem Mütter und Väter der Mittelschicht, die diese Art Druck verspüren. „Eltern aus den unteren Einkommensbereichen haben auch Stress, aber das ist oft ein ganz anderer Stress“, sagte er im Interview mit unserer Zeitung. „Sie leiden darunter, dass unsere Gesellschaft eine extrem vergleichende Gesellschaft ist – und dass sie merken, dass ihre Kinder das spätestens in der Schule zu spüren bekommen.“

Mirco Bernd, Redakteur in Bad Kreuznach: Die Probleme in der Erziehung sind andere als früher. Viele sind hausgemacht, weil es analog zum in meiner Kindheit durchaus reizvollen Baustellenschild „Eltern haften für ihre Kinder“ heute eher „Eltern haften an ihren Kindern“ heißen müsste. Man klammert mehr, nimmt viel mehr ab, was den eigenen Stresspegel erhöht und den Erfahrungsschatz der Kinder nicht erweitert. Davon können wir uns mit unserer Dreierbande zwischen elf und fünf Jahren nicht freisprechen. Was hilft, ist, sich klarzumachen: Man muss als Eltern nicht perfekt sein, und die Kinder müssen es ebenfalls nicht. Wurzeln und Flügel geben, Orientierung, Vertrauen, Liebe – das ist für mich die Basis, wenn auch keine Garantie. Keinesfalls ist es der Grundkurs Chinesisch für fortgeschrittene Einjährige, die nicht einmal schreiben können. Lieber versuche ich mich – wenn beruflich möglich – am Kauderwelsch der Kinder in den ersten Jahren, bevor es noch früh genug in die Kita geht. Dabei lernt Vater oder Mutter mehr. Und das Kind eventuell auch.

Nadja Hoffmann-Heidrich.

Patricia Lind, Redakteurin in Koblenz: Heute Mutter zu sein, ist grundsätzlich ganz anders, als es noch bei meiner Großmutter war. Die klassische Rollenverteilung ist aufgeweicht. Auch ich gehe trotz Nachwuchs arbeiten. Das macht die Sache nicht gerade einfach. Es gibt viele Betreuungsmodelle für alle Altersstufen. Diese müssen aber erst einmal gefunden werden und auch bezahlbar sein. Auch auf der emotionalen Ebene spielt sich einiges ab: Oft macht sich ein schlechtes Gewissen breit, weil ich mein Kind in fremde Hände gebe. So manches Mal ist der Spagat zwischen Job und Erziehung schwierig. Zum Beispiel wenn es darum geht, ein Mittagessen auf den Tisch zu zaubern, nachdem man mit wehenden Fahnen vom Schreibtisch aufspringt und nach Hause hetzt. Ich empfinde diese Situation oft als Doppelbelastung, die so manches Mal an meinen Kräften zerrt. Trotzdem möchte ich meinen Job nicht aufgeben – um den Anschluss nicht zu verpassen. Für mich ist es wichtig, auch fernab von Kind und Haushalt Wertschätzung für meine Fähigkeiten zu erfahren.

Andreas Nitsch, Redakteur in Idar-Oberstein: Den Nachwuchs großzuziehen, war früher kein Kinderspiel – und ist es auch heute nicht. Natürlich: Vieles ist leichter geworden. Von Kitaplätzen für Einjährige oder Ganztagsbetreuung in der Schule haben meine Eltern, die vier Jungs durchfüttern mussten, nur geträumt. Doch meine Mutter sagt auch immer ganz richtig: „Das waren früher halt andere Zeiten.“ Recht hat sie, und jede Zeit hat ihre Aufgaben. So sehe ich es als eine Aufgabe an, unseren Kindern – die Töchter (21 und 18) sind aus dem Gröbsten raus, Johannes (8) ist ein echter Wirbelwind – stets vor Augen zu halten, dass das derzeit angenehme Leben keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist. Auf die Palme jedoch bringt mich (53) regelmäßig, wenn ich sehe, wie junge Eltern aus ihren Kindern geradezu Weicheier machen. Wenn's regnet, darf der Junge nicht Fußball spielen. Schiebt sich auch nur eine Wolke vor die Sonne, muss das Mädel eine Jacke anziehen, und, und, und. Eins dürfte uns Eltern aber gemein sein – früher wie heute: Wir wollen nur das Beste für die Kids.

Sonja Roos

RZ

Michaela Cetto, Redakteurin in Bad Ems: Irgendwie habe ich es mir vor rund elf Jahren doch viel einfacher vorgestellt, den Journalistenberuf, den ich liebe, mit den Bedürfnissen einer Familie zu verbinden. Der hektische Alltag zwischen Windeln und Reportagen, Kinderkrankheiten und Gemeinderatssitzungen hat in den vergangenen Jahren mehr als einmal meine Stresstauglichkeit getestet und mich nicht selten in tiefe Verzweiflung gestürzt. Mama von drei Mädchen im Alter von zehn bis zweieinhalb Jahren zu sein, das bedeutet einen ständigen Spagat zwischen den Bedürfnissen der Kinder und den Ansprüchen, die die Arbeit und vor allem die man selbst an sich stellt. Getrieben von der (scheinbaren) Perfektion und Leichtigkeit, mit der andere Eltern ihren Alltag und andere Berufstätige ihre Arbeit bewältigen, erreicht man schnell einen Gemütszustand, in dem man glaubt, auf ganzer Länge zu versagen. Und dann gibt es aber wieder diese vielen kleinen Momente mit meinen Kindern und (seltener) in meinem Job, die zeigen, dass man doch jede Menge richtig macht.

Katrin Maue-Klaeser, Redakteurin in Diez: Zwei Teenager stellen mich vor täglich neue Herausforderungen, sie wollen so viele Entscheidungen schon selbst treffen und fordern dies auch vehement ein. Ihrem Reifeprozess – in dessen raschen Fortschritt ich im Interesse meines Nervenkostüms größte Hoffnungen setze! – möchte ich selbstverständlich nicht im Wege stehen. Und am liebsten wäre ich für Sohn und Tochter eine Freundin und Vertraute.Dieser Wunsch lässt sich allerdings mit der Vermittlung von Grundregeln eines guten familiären und gesellschaftlichen Miteinanders, von Respekt und Rücksichtnahme derzeit nicht vereinbaren. Bestenfalls schaffe ich es, eine Kommunikation – Verständigung möchte ich das noch nicht nennen – zwischen (Fast-)Erwachsenen zu führen und zu einem für alle Seiten tragfähigen Kompromiss zu kommen. Ist dies nicht möglich, bleibt mir nur, die Elternkarte zu spielen: eine missliebige Entscheidung zu fällen und notfalls mit Sanktionen zu drohen. Mich selbst tröste ich mit der Hoffnung: Zur guten Freundin werde ich dann später!

Job ist nicht Hauptstressfaktor

Der “Eltern„-Studie zufolge sehen nur 22 Prozent der Mütter und Väter die Ursachen für Druck und Hetze beim Arbeitgeber. Während also bisher die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor allem für Mütter als eines der Hauptprobleme galt, zeichnet die Studie ein etwas anderes Bild. Demnach sind drei Viertel der berufstätigen Eltern mit ihrer Arbeitszeitregelung zufrieden, fast 80 Prozent sagen, sie hätten mit dem Arbeitgeber selten oder nie Probleme gehabt.

Doch 70 Prozent der Eltern gaben an, dass sie den eigenen Ansprüchen gelegentlich oder häufig nicht gerecht werden, bei den Müttern sind es sogar fast drei Viertel. Heinz Bude, Professor für Soziologie an der Uni Kassel, nennt das die “Dramatisierung des Kinderschicksals„, die dazu führe, dass betroffene Eltern den selbst produzierten Stress auch nicht einfach zurückdrehen können. “Das Schicksal des Kindes wird auch von immer mehr Vätern als Gradmesser der eigenen Leistung gesehen„, sagte Bude. Seine Formel lautet: “Je weniger Kinder, desto mehr Stress machen sich die Eltern.„ Und der sei auch deswegen so hoch, weil sich Eltern heute in ihren Rollen immer weniger ergänzen, sondern gemeinsam um Kompromisse ringen, sagte Bude. Die heutige “Aushandlungsfamilie„, wie es der Experte nennt, sei geprägt von einem Vater, der sich mehr als früher in die Kindererziehung einmischt, und von einer Mutter, die neben dem Mann nun auch berufstätig sein möchte.

Kinder spüren Belastung der Eltern

Für Familienpolitiker bringt die Studie eine ernüchternde Erkenntnis: 55 Prozent der Befragten gaben an, dass die Maßnahmen der Politik nicht zu einer Erleichterung des Alltags beitragen würden. 23 weitere Prozent sagten, das könne der Gesetzgeber gar nicht leisten. Widersprüchlich ist jedoch, dass sich dennoch mehr als 40 Prozent der Eltern mehr finanzielle Unterstützung vom Staat wünschen – und schon auf Platz zwei den Wunsch nach mehr Gelassenheit an sich selbst richten (38 Prozent).

Dass Kinder ihre Eltern aber offenbar sehr gut analysieren können, beweisen die Ergebnisse einer ergänzenden Umfrage des Marktforschungsinstituts iconkids&youth unter 700 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Dort sagten 36 Prozent der Befragten, dass ihre Eltern gestresst sind, “weil sie immer alles perfekt machen wollen". Und ebenso viele Kinder sagten, sie seien oft allein, weil ihre Eltern viel arbeiten würden. Doch am Ende stellen die befragten Kinder ihren Eltern fast durchweg ein Kuschelzeugnis aus. 92 Prozent sagten, sie könnten sich keine besseren Eltern vorstellen, 91 Prozent fühlen sich bei Mama und Papa immer wohl.