Archivierter Artikel vom 28.09.2010, 20:00 Uhr

Stammheim – Der Mythos lebt

Stuttgart-Stammheim – In den 70er-Jahren tauchte der Stuttgarter Stadtteil fast jeden Tag in den Nachrichten auf.

Lesezeit: 2 Minuten
Blick auf das Mehrzweckgebäude mit dem Verhandlungssaal (vorn) und dem  dahinterliegenden Gefängnisgebäude der Justizvollzugsanstalt Stammheim  in Stuttgart.
Blick auf das Mehrzweckgebäude mit dem Verhandlungssaal (vorn) und dem dahinterliegenden Gefängnisgebäude der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Stuttgart.
Foto: dpa

Stuttgart-Stammheim – In den 70er-Jahren tauchte der Stuttgarter Stadtteil fast jeden Tag in den Nachrichten auf. Der Prozess gegen die Top-Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), der spektakuläre Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan- Carl Raspe war Tagesgespräch.

Erinnerungen an diese Zeit werden wach, wenn vom kommenden Donnerstag (30. September) an die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker in jenem Hochsicherheits-Gebäude vor Gericht steht, das schon vor mehr als 30 Jahren einen Ansturm von Polizei, Verfassungsschutz, Medien und RAF-Sympathisanten erlebte. Die Bundesanwaltschaft legt der heute 58-Jährigen zur Last, Mittäterin bei der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seiner Begleiter am 7. April 1977 in Karlsruhe gewesen zu sein.

Staatsfeind Nummer 1

Das Gefängnis Stammheim ist für viele zum Inbegriff des Konflikts zwischen der RAF und dem Staat geworden. In den 70er Jahren saßen im siebten Stock des Hochhauses Ulrike Meinhof, Baader, Ensslin und Raspe hinter Gittern. Sie galten vielen als Staatsfeinde Nummer eins.

Ulrike Meinhof nahm sich im Mai 1976 nach Konflikten in der Gruppe als erste das Leben. Im Oktober 1977 begingen auch Baader, Ensslin und Raspe Selbstmord – nachdem der Versuch von Gesinnungsgenossen gescheitert war, sie mit der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer freizupressen. Schleyer wurde unmittelbar danach ermordet aufgefunden.

Das Gefängnis-Hochhaus, in dem die RAF-Führung damals einsaß, soll abgerissen werden. Eine Sanierung wäre laut Justizministerium unwirtschaftlich. Zuvor müssen jedoch neue Gebäude mit 580 Haftplätzen gebaut werden. Ob auch das marode Mehrzweckgebäude mit dem Verhandlungssaal dem Erdboden gleichgemacht wird, ist noch unklar. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus. Neben der Wirtschaftlichkeit werde auch die historische Bedeutung eine Rolle spielen, heißt es im Justizministerium.

Justizvollzugsanstalt und Gerichtsgebäude grenzen an Felder und Wohnhäuser. Das von 1959 bis 1963 gebaute Gefängnis stand einst für höchste Sicherheit. Modernere Gefängnisse sind inzwischen mit besserer Technik ausgestattet. Allerdings sind bisher erst drei Häftlinge aus Stammheim ausgebrochen.

Beton-Festung

Die 1975 für zwölf Millionen Mark (6,1 Millionen Euro) erbaute fensterlose und gepanzerte „Beton-Festung“ in Stammheim hat eine bewegte Geschichte: Ursprünglich sollten im Mehrzweckgebäude Häftlingsarbeitsplätze mit einer Werkstatt untergebracht werden. Zwischen 1975 und 2004 wurden dort nach Angaben des Oberlandesgerichts 25 Strafverfahren mit 35 RAF-Haupttätern geführt. In den 80er Jahren mussten sich dort Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar verantworten, die Anführer der zweiten RAF-Generation.

In den 90er Jahren fanden in Stammheim unter anderem Prozesse gegen RAF-Aussteiger statt. Zuletzt wurde 2004 die ehemalige RAF- Terroristin Andrea Klump wegen eines Sprengstoffanschlags 1991 in Budapest zu zwölf Jahren Haft verurteilt. In Stammheim gab es aber auch Prozesse gegen Rechtsradikale oder Islamisten. Wenn höchste Sicherheit geboten ist, ist das triste Gerichtsgebäude für viele Gerichte immer noch erste Wahl.

dpa