Archivierter Artikel vom 09.08.2012, 09:15 Uhr
Berlin

Spenderorgane: Vergabe auf Herz und Nieren prüfen?

Die Vergabe Hunderter Spenderorgane jedes Jahr auf Sonderwegen verunsichert die Menschen. Offensichtlich liegt einiges im Argen. Unklar ist bisher, welcher Reformansatz Erfolg verspricht. Hier sind die Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Woher rühren die jüngsten Zweifel an einer gerechten Organvergabe?

Normalerweise sollen Wartelisten und feste Kriterien bei der Organvergabe dafür sorgen, dass tatsächlich diejenigen Patienten Herz, Lunge, Leber oder Niere erhalten, die sie am dringendsten brauchen und bei denen die Erfolgsaussichten am größten sind. Doch immer mehr Organe stammen von Menschen, die älter sind, einen Tumor oder eine Viruserkrankung hatten. Transplantationskliniken lehnen diese Organe oft ab. Sie werden in der Regel nicht Patienten auf der allgemeinen Warteliste zugeteilt. Chirurgen bieten sie oft unter Zeitdruck persönlich ausgewählten Empfängern im eigenen Haus an. Rund 900 Organe wurden im Jahr 2011 in diesem beschleunigten Verfahren vergeben. Insgesamt wurden dabei 1200 Menschen nach ihrem Tod 3917 Organe entnommen.

Warum ist der Anteil der minderwertigen Organe im Vergleich zu den 90ern so gestiegen?

Zum einen ist die Zahl junger Unfallopfer zurückgegangen, zum anderen lehnen auch immer mehr Hinterbliebene eine Organentnahme bei potenziellen Spendern ab. Zudem werden vermutlich längst nicht alle Hirntoten gemeldet, da die Pauschalen, die für die aufwendige Organentnahme gezahlt werden, relativ gering sind. Dadurch steigt der Anteil der älteren, krankheitsbedingt vorbelasteten Organe an, womit auch der Schnellvergabe Tür und Tor geöffnet sind.

Wo liegen die Probleme der Schnellvergabe?

Die Vergabe folgt weniger objektiven Kriterien und mehr der Einschätzung der Ärzte als bei der Entscheidung rein nach Warteliste. Experten selbst in den Reihen der Ärzte und Krankenkassen finden, dass diese Praxis intransparent und oft schlecht dokumentiert ist.

Welche Änderungen sind geplant?

Die Bundesärztekammer will an diesem Donnerstag bei einem Sondertreffen der Prüf- und Überwachungskommissionen, an denen sie selbst beteiligt ist, stärkere Kontrollen und das Schnellverfahren insgesamt prüfen. Eurotransplant – die Stiftung, die für die Organvergabe zuständig ist – tritt für die Einrichtung einer Datenbank mit mehr Informationen zu Risikoorganen ein. Wenn die Transplantationszentren diese Informationen standardmäßig hätten, so die Überlegung, könnten diese Organe doch breiter verteilt werden.

Ist die Organvergabe nach dem Standardverfahren frei von Zweifeln?

Nein, denn die Kriterien für die Vergabe sind nicht rein wissenschaftlich festzulegen. So änderte die Bundesärztekammer vor sechs Jahren die Richtlinien für die Leber – Kritik kam danach an einer stärkeren Berücksichtigung der Dringlichkeit. Zwar sterben seither weniger Leberpatienten auf der Warteliste, doch die Überlebensrate der Patienten soll sich verschlechtert haben. Als offenes Feld der Manipulationen sehen Kritiker auch die vielen Herz- und Lungenpatienten mit dem Status hoher Dringlichkeit – sie bekämen Organe an den anderen Wartenden vorbei.

Warum liegt bei der Organvergabe so viel im Dunkeln?

Um die Spendebereitschaft der Bevölkerung nicht zu gefährden, entschlossen sich die Akteure, viele Aspekte unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu behandeln. So arbeiten die Prüf- und Überwachungskommissionen weitgehend im Verborgenen. Die Kontrollen werden zudem laut einem Untersuchungsbericht im Auftrag der Regierung nur stichprobenartig durchgeführt. Kritiker wenden ein, dass Auffälligkeiten nur selten ans Licht kommen würden.

Welche Alternative gibt es bei der Vergabe?

Eine wachsende Zahl von Politikern und Fachleuten fordert mehr staatlichen Einfluss. Das reicht von mehr Möglichkeiten, die beteiligten Mediziner zu kontrollieren, die Organtransplantation aber in Händen von Ärzten, Kliniken und Kassen zu lassen – bis hin zum Einrichten einer staatlichen Behörde. Die wenigen Spenderorgane dürften nicht nur nach fachlichen Maßstäben vergeben werden, fordert etwa der Kölner Verfassungsrechtler Wolfram Höfling in der „Berliner Zeitung“: „Was ist mit dem Patienten, der sich die Leber kaputt getrunken hat? Bekommt er eine Leber? Solchen Debatten muss sich die Politik stellen.“ Für den 27. August hat Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) zum Krisentreffen geladen.

Von Basil Wegener