Archivierter Artikel vom 27.01.2014, 06:24 Uhr
Buenos Aires

Schindlers Liste: Der Mut der wenigen

Oskar Schindler ist seit 40 Jahren tot, seine Frau Emilie Schindler seit 13 Jahren. Doch in der Erinnerung bleiben sie lebendig – als Paar, das mit Schindlers Liste mehr als 1300 Juden vor Auschwitz rettete; in einer Zeit, als mehr als sechs Millionen Menschen zwischen 1941 und 1945 Opfer einer entmenschlichten Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten wurden.

„Ich werde von einer Zeit erzählen, in der der Wahnsinn des Krieges die Menschheit bis ins Innerste krank machte und will mit meiner bescheidenen Geschichte auch eine Botschaft des Friedens hinterlassen.“ Emilie Schindler (links) zu ihrer Biografin Erika Rosenberg (rechts)
„Ich werde von einer Zeit erzählen, in der der Wahnsinn des Krieges die Menschheit bis ins Innerste krank machte und will mit meiner bescheidenen Geschichte auch eine Botschaft des Friedens hinterlassen.“ Emilie Schindler (links) zu ihrer Biografin Erika Rosenberg (rechts)
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Von Birgit Pielen

Ein Sensationsfund: Viele Jahre nach dem Tod von Oskar Schindler tauchte auf dem Speicher seiner letzten Geliebten Schindlers Liste auf. Heute wird sie mit vielen anderen Schriftstücken von Schindler in Yad Vashem aufbewahrt.
Ein Sensationsfund: Viele Jahre nach dem Tod von Oskar Schindler tauchte auf dem Speicher seiner letzten Geliebten Schindlers Liste auf. Heute wird sie mit vielen anderen Schriftstücken von Schindler in Yad Vashem aufbewahrt.
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Emilie Schindler hat ihrer Biografin Erika Rosenberg vor dem Hintergrund dieser systematischen Vernichtung gesagt: „Auch wenn ich stolz darauf bin, gemeinsam mit meinem Mann zur Rettung von über 1300 Juden beigetragen zu haben, bringt mich der Gedanke daran, wie wenige das im Vergleich zu der großen Zahl derer sind, die der Grausamkeit der Nazis nicht entkommen konnten, zur Verzweiflung.“ Erika Rosenberg beschreibt Emilie Schindler als Frau, die zu Unrecht im Schatten ihres Mannes stand – und die in Steven Spielbergs berühmtem Film „Schindlers Liste“ (1993) zur Nebenfigur degradiert worden ist.

„Tatsächlich aber gehörte sie mit ihrem außergewöhnlichen Mut und ihrem großen Herzen zu einem Schlag Menschen, den es nur sehr selten gibt“, sagt die Autorin. Die 62-Jährige lebt in Buenos Aires (Argentinien), kommt aber jedes Jahr zu Vortragsreisen nach Deutschland – auch nach Rheinland-Pfalz. Vornehmlich in Schulen hält sie die Erinnerung an das Ehepaar Schindler wach – als außergewöhnliches Beispiel für Zivilcourage.

Erika Rosenberg lernt Emilie Schindler 1990 in Argentinien kennen. „Damit änderte sich mein Leben für immer“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Damals war ich auf der Suche nach mir selbst, nach den Wurzeln meiner Familie oder dem, was davon geblieben war.“ Ihre Eltern waren deutsche Juden, ein Jurist und eine Ärztin, die noch vor dem Holocaust 1936 aus Nazi-Deutschland über Paraguay nach Argentinien geflohen waren. Doch darüber erfuhr Erika Rosenberg kein einziges Wort.

„Als Kind wunderte ich mich, dass ich keinen Opa und keine Oma, keine Onkel und Tanten hatte“, sagt sie. Auf Fragen schwiegen die Eltern beharrlich. Alle waren in Nazi- Deutschland ermordet worden.

Zufall oder Schicksal?

Als Erika neun Jahre alt ist, stirbt der Vater. Ihre Mutter sagt, er sei nach Deutschland zurückgegangen und würde irgendwann nach Argentinien zurückkehren.

„Im Geiste sah ich meinen Vater sehr weit weg, genau 14 000 Kilometer weit, aber mit den Jahren verschwammen seine hohe Gestalt, sein Gesicht und seine großen Kirschaugen.“ Doch die Neugier auf diese geheimnisvolle Verbindung zwischen ihren Eltern und Deutschland wird immer größer.

Zufall oder Schicksal: 1990 recherchiert Erika Rosenberg zur deutsch-jüdischen Immigration und soll Emilie Schindler für die Deutsche Welle interviewen. Die beiden Frauen lernen sich kennen und freunden sich an – zu einem Zeitpunkt, als Emilie Schindler von der Öffentlichkeit vergessen ist.

Ihr Mann Oskar ist 1957 nach Deutschland zurückgekehrt und hat sie mit 90 000 Dollar Schulden zurückgelassen. Unterstützt von jüdischen Organisationen, lebt sie einsam in bescheidenen Verhältnissen.

„Was für ein trauriges Ende für eine Frau, die in ihrem Leben so viel geholfen und geleistet hat“, denkt Erika Rosenberg. Oskar und Emilie Schindler lernten sich Ende der 20er-Jahre kennen und heirateten rasch. Von der Mitgift kaufte sich der junge Industrielle einen Luxuswagen, den Rest verjubelte er gern im Beisein anderer Frauen. Es liege in seiner Natur, das Leben zu genießen, erklärte er Emilie. Sie gestand ihrer Biografin: „Er belog mich nach Strich und Faden.“

Durch die Weltwirtschaftskrise musste die Fabrik ihres Mannes geschlossen werden, das Paar zog 1936 von Zwittau nach Mährisch Ostrau (heute in Tschechien). Oskar Schindler wurde für die deutsche Spionageabwehr des Dritten Reiches angeworben, er sollte ausländische Spione in Polen und der Tschechei enttarnen.

1939 wurde er von einem Doppelagenten verraten, wegen Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt. „Die Hinrichtung wurde nur dadurch verhindert, dass deutsche Truppen in die Tschechoslowakei einfielen“, erzählt Emilie Schindler in ihrer Biografie. In Krakau (Polen) wurde ihm eine in Konkurs gegangene Emaillewarenfabrik angeboten. Schindler baute sie wieder auf, holte immer mehr jüdische Arbeiter.

Gleichzeitig gingen Wehrmachts- und SS-Offiziere bei ihm ein und aus. „Oskar war kein Mann mit politischen Prinzipien“, sagt seine Frau, „er war nur ein Mitläufer.“ Mit seiner Selbstsicherheit und Eloquenz überzeugte er selbst in schwierigsten Situationen. Sein Betrieb galt als judenfreundlich – und das war lebensgefährlich. Ende 1944 musste der Betrieb wegen des Vormarsches der Roten Armee geräumt werden.

Alle jüdischen Arbeiter sollten nach Auschwitz transportiert werden. Schindler wurde ein Rüstungsbetrieb in Brünnlitz angeboten. Mit seiner Frau beschloss er, die jüdischen Arbeiter, 799 Männer und 299 Frauen, in einer Liste zu erfassen. Sie alle sollten mit ihnen nach Brünnlitz übersiedeln. Seine Begründung gegenüber dem mörderischen Regime: Nur so könne er die „kriegswichtige Produktion“ aufrechterhalten. So entstand Schindlers Liste.

Seine Frau sagte: „Mir wurde klar, dass Oskar damit eine neue Aufgabe gefunden hatte, nämlich die höchst mögliche Anzahl von Menschenleben zu retten.“

Die Rettung vor dem KZ

Emilie Schindler war wesentlich daran beteiligt. Mal organisierte sie Brot, Mehl und Grieß, damit keiner der Arbeiter verhungerte, mit gefälschten Bezugsscheinen kam sie an Benzin, Stoff oder Zigaretten.

Sie schaffte ärztliche Hilfe herbei, wenn es vonnöten war, und ging dabei ein hohes persönliches Risiko ein. Kein einziger „Schindler-Jude“ wurde in ein KZ deportiert oder starb eines unnatürlichen Todes. Nach der Befreiung 1945 verteilten sich die Häftlinge in alle Welt. Einige von ihnen, wie die Eltern von Michel Friedman, der von 2000 bis 2003 Vize-Vorsitzender des Zentralrats der Juden war, ließen sich in Deutschland nieder.

Erika Rosenberg begleitete Emilie Schindler in den letzten elf Jahren ihres Lebens – und hält das Gedenken an ihr Wirken bis heute in Büchern und Vorträgen wach.

Von August bis Dezember 2014 ist Erika Rosenberg auf Vortragsreise in Deutschland. Am 15. September eröffnet sie am Gymnasium Traben-Trarbach (Kreis Bernkastel- Wittlich) eine Ausstellung über Oskar und Emilie Schindler.

Wer Interesse an einem Vortrag hat, hat sich bei ihr melden unter E-Mail erosenberg@netizen.com.ar. Über ihr Leben zwischen Argentinien und Deutschland bloggt sie unter http://rosenbergerika.blogspot.de