Archivierter Artikel vom 13.11.2015, 21:29 Uhr
Rheinland-Pfalz

Scania gibt Gas für gesunde Zukunft: Koblenzer Deutschlandzentrale entwickelt viele Ideen

Bernd Velbinger hat nur zu Demonstrationszwecken auf dem kleinen Rollhocker Platz genommen. Als Koordinator für Sicherheit, Gesundheit und Umwelt sitzt er normalerweise am Schreibtisch – an einem höhenverstellbaren wohlgemerkt: Jeder Mitarbeiter soll ergonomisch richtig sitzen können, ob er klein oder groß, jung oder alt ist. Schon die Azubis bekommen einen solchen Schreibtisch, auch ein Zeichen der Wertschätzung bei Scania Deutschland mit Sitz in Koblenz.

Bernd Velbinger hat auf dem Rollhocker Platz genommen, der normalerweise in den Werkstätten von Scania zum Einsatz kommt: Die Monteure sollen sich nicht bücken müssen, wenn sie Räder montieren. Eine von vielen Ideen, um die Beschäftigten fit zu halten. Foto: Jörg Hilpert
Bernd Velbinger hat auf dem Rollhocker Platz genommen, der normalerweise in den Werkstätten von Scania zum Einsatz kommt: Die Monteure sollen sich nicht bücken müssen, wenn sie Räder montieren. Eine von vielen Ideen, um die Beschäftigten fit zu halten.
Foto: Jörg Hilpert

Von unserem Redakteur Jörg Hilpert

Der Rollhocker wiederum kommt in der Werkstatt zum Einsatz: Die Mechaniker sollen sich nicht bücken müssen, wenn sie die Schrauben der riesigen Lkw-Räder lösen. Ergonomie: ein wichtiger Punkt, um die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten. Deshalb gibt es im Lager auch höhenverstellbare Transportwagen: Der Mitarbeiter kann schwere Teile einfach aus dem Regal ziehen, ohne sie anheben zu müssen.

Damit die Botschaft des kraftsparenden, sicheren und langfristig gesundheitsförderlichen Arbeitens ankommt, hat Scania kurze Videos gedreht, die auch bei YouTube zu finden sind. Da springt beispielsweise ein Lkw-Fahrer aus dem Fahrerhaus – und erntet ein dickes rotes Minus dafür, weil dies die Gelenke unnötig belastet. Der nächste Kandidat steigt ordentlich über die drei Stufen aus: grünes Plus, so ist es richtig.

Scania nimmt bei dem Thema also sogar die Kunden in den Blick, auch die sollen ja gesund bleiben und lange beschwerdefrei arbeiten können. Wer bei der VW-Tochter einen neuen Lkw bestellt hat, erhält bei der Fahrzeugübergabe ein kleines Päckchen: ein Thera-Band ist da drin – und eine Broschüre der Scania Fahrerakademie, in der einfache „Dehnungs- und Trainingsübungen für unterwegs“ beschrieben werden. „Das kommt bei den Fahrern gut an“, hat Velbinger beobachtet.

Wer so weit denkt, nimmt auch all seine Beschäftigten mit: Ein Unternehmen demografiefest zu machen, heißt nach Ansicht von Bernd Velbinger nicht (allein), besonders auf die Bedürfnisse der Älteren zu achten. Bei Scania kommen Sport-, Gesundheits- und Bildungsangebote jedem zugute – ob jung oder nicht mehr ganz so jung. Der Azubi mag zwar noch fit sein und keinen Gedanken ans Alter verschwenden – aber er soll auch gesund bleiben und rechtzeitig damit anfangen, etwa Sport zu treiben.

Scania hat dazu eine Kooperation mit dem Koblenzer Sportsclub Dany geschlossen. Bis zu 500 Euro pro Mitarbeiter und Jahr kann ein Arbeitgeber laut Gesetz steuergünstig als Zuschuss gewähren, damit die Beschäftigten für kleines Geld in den Klub kommen. Der innere Schweinehund lässt sich leichter überwinden, wenn die sportliche Betätigung nicht auch noch viel kostet.

Gute Mitarbeiter halten

Und wer dann so richtig fit ist, kann beispielsweise im Scania-Team am Münz-Firmenlauf teilnehmen. Das schweißt zusammen – und auch dies ist ein wichtiger Aspekt mit Blick auf die demografische Entwicklung. Wer gute Mitarbeiter halten kann, muss nicht ständig nach den knapper werdenden Fachkräften suchen. In der „Scania-Familie“, die auch in Deutschland ein Stück skandinavische Unternehmenskultur atmet, scheint das zu funktionieren. Velbinger zeigt auf einen Kollegen, der gerade vorbeikommt: Eigentlich hätte der schon in Rente gehen können, aber er macht freiwillig weiter, bis ein geeigneter Nachfolger gut eingearbeitet ist.

Wie sehr die Gesunderhaltung das Unternehmen prägt, zeigt auch die Tatsache, dass ein Kantinenausschuss auf die richtige Ernährung achtet – oder der Erfolg der Raucher-Entwöhnungskurse: Rund 120 der etwa 1400 Beschäftigten deutschlandweit haben sich angemeldet – der Kursanbieter hatte mit nicht mal halb so vielen gerechnet. Neuestes Projekt ist das „Jobrad-Leasing“ – analog zum Dienstwagen. „Es gibt da keine Grenzen und immer neue Ideen“, sagt Velbinger.

Jung und Alt profitieren

Und mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung, die im Lkw sowieso schon weit fortgeschritten ist, gilt einmal mehr: Scania bringt Jung und Alt zusammen, es gibt keine speziellen Kurse für die eine oder die andere Gruppe. Kathrin Möslein, Professorin für Innovation und Wertschöpfung (Uni Erlangen-Nürnberg/HHL Leipzig), findet so etwas wichtig: „Mitarbeiter mit unterschiedlichen Wissens- und Erfahrungsschätzen in Unternehmen können wirklich voneinander profitieren.“ Die Botschaft ist bundesweit in einigen Unternehmen angekommen, auch wenn sie anderswo noch nicht gehört wird. Die Nürnberger Firma Datev beispielsweise geht da ganz gezielt ans Werk. In einem Projekt bringen junge „digitale Eingeborene“ den älteren Kollegen bei, wie Social Media funktioniert – in einem anderen prüfen die alten Hasen, ob die Ideen der jungen Kreativen tatsächlich umsetzbar sind. Mal lernt die eine, mal die andere Seite.

Die Vorteile der „digitalen Eingeborenen“ will Thomas Leubner zudem nicht überbewerten. Der Leiter der globalen Aus- und Weiterbildung bei Siemens sagt: „Es ist natürlich kein Nachteil, wenn man Digital Native ist. Es ist aber ein Unterschied, ob ich auf Spotify Musik streame oder mit Daten von Lieferanten auf einer Datenplattform arbeite.“ Das macht den Älteren Hoffnung: Auch sie können das digitale Handwerkszeug erlernen. Und müssen es.