Rheinland-Pfalz

RZ-INTERVIEW mit Sozialministerin Malu Dreyer: Alter muss nicht einsam machen

Sozialministerin Malu Dreyer (51) will seit 2004 die Menschen am Zukunftsthema Demografie beteiligen und mitnehmen. Aktuell diskutieren viele Bürger in Regionalforen und kommunalen Workshops landesweit über das Thema „Gut leben im Alter“. „Die Bürger sollen Lust bekommen, ihr Umfeld zu gestalten“, sagt Dreyer im Gespräch mit unserer Zeitung.

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Und wachrütteln will sie auch – Kommunalpolitiker ebenso wie Wohnungsbaugesellschaften. Wir fragten sie vor dem siebten Forum heute in Koblenz, wie die Beteiligung konkret aussieht und was aus den Vorschlägen am Ende wird.

Welcher Wandel ist absehbar?

Die Menschen im Land werden weniger und älter. In einigen Jahren wird ein Drittel der Bevölkerung im Land 60 Jahre und älter sein. Der Anteil der jungen Menschen sinkt. Besonders stark steigt der Anteil der über 80-Jährigen – von heute 4,9 auf 7,3 Prozent bereits im Jahr 2020. Das wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus.

Was wollen Sie mit der Bürgeraktion erreichen?

Die Menschen sollen ein Bewusstsein bekommen für die Herausforderungen, aber auch für die Chancen, die in diesem demografischen Wandel liegen. Wir möchten ihnen Lust machen und die Gelegenheit geben, Erwartungen an ein gutes Leben im Alter zu formulieren und auch ganz aktiv Lebensbedingungen mitzugestalten.

Die Menschen leben länger, auch länger gesund und aktiv. Welche Ängste und Hoffnungen haben Menschen denn bei den bisherigen Foren trotzdem umgetrieben?

Im Mittelpunkt steht immer wieder das Thema Wohnen und die Suche nach Wohnformen, die ältere Menschen nicht vereinsamen lassen, aber auch so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Eng verbunden mit der Altersfrage ist natürlich auch die nach der finanziellen Alterssicherung, nach Möglichkeiten der Teilhabe und der Beteiligung an der Gesellschaft und nicht zuletzt nach der medizinischen Versorgung.

Beim Thema Gesundheit sind Sie die Fachfrau. Gibt es denn auf dem Land in Zukunft noch gut erreichbar Ärzte und Krankenhäuser?

Unsere bisherige Gesundheitspolitik war schon immer davon geprägt, die medizinische Versorgung auch im ländlichen Raum zu sichern. Vor dem Hintergrund der demografischen Herausforderungen ist es eines unserer wichtigsten Ziele, gemeinsam mit unseren Partnern tragfähige Versorgungsstrukturen weiterzuentwickeln.

Auf die regionalen Foren folgen kommunalen Beteiligungsworkshops. Gibt es ausgesuchte Kommunen, kann jeder mitmachen? Und hocken da nur Gemeinderäte zusammen?

Interessierte Kommunen sind herzlich eingeladen, einen kommunalen Workshop zum Thema „Gut leben im Alter“ auszurichten. Unterstützt und beraten werden die Kommunen dabei von der Servicestelle „Gut leben im Alter“, die bei der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz angesiedelt ist. Da sich der demografische Wandel nicht aufhalten lässt, ist es wichtig, ihn aktiv zu gestalten. In den Workshops sollen nicht nur Kommunalpolitiker sitzen, sondern unter anderem auch die Wohlfahrtspflege, die Wirtschaft, Vereine sowie Ehrenamtliche und andere Bürgerinnen und Bürger vertreten sein. Sie sollen gemeinsam Impulse geben und überlegen, wie in ihrer Kommune konkret auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen ist. Da die Erwartungen an neue Wohnformen groß sind, dürften die Workshops auch für die Wohnungsbaugesellschaften interessant sein.

Am Ende soll ein Landesaktionsplan „Gut leben im Alter“ entstehen. Aber was verbirgt sich konkret dahinter? Eine Ideensammlung?

Wir wollen den Aktionsplan von 2010 fortschreiben. Dieser Aktionsplan fasst zusammen, was die Landesregierung in unterschiedlichen Bereichen tut, um den Menschen in Rheinland-Pfalz auch im Alter ein gutes Leben zu ermöglichen. Der Landesaktionsplan soll ergänzend dazu Handlungsempfehlungen geben, die aus den Regionalforen und den Workshops zusammengetragen werden. Daraus werden wir auch als Landesregierung sicher die eine oder andere neue Aufgabe mitnehmen. Und wir möchten einige der vielen guten praktischen Beispiele vor Ort zeigen. Nicht jede Kommune muss das Rad neu erfinden, sondern kann sich auch an Modellen anderer Gemeinden orientieren.

Die Entwicklung muss ja auch alle Ministerien umtreiben. Wer hat denn dabei den Hut auf?

Die Landesregierung hat sich das Ziel gesetzt, den demografischen Wandel – zum Beispiel mit familienfreundlichen Bedingungen – so weit wie noch möglich zu beeinflussen und vor allem seine Auswirkungen in den unterschiedlichen Lebensbereichen zu gestalten. Ich leite dabei eine interministerielle Arbeitsgruppe, in der alle Ministerien und die Staatskanzlei gemeinsam an dieser Aufgabe arbeiten. Die einzelnen Ministerien haben hier auch schon einiges auf den Weg gebracht, zum Beispiel mit einem Programm für Dorfläden ebenso wie mit der Förderung von Zweitpraxen. Das Infrastrukturministerium will mit seinen Mitteln Dorfkerne stärken. Das Finanzministerium, das auch fürs Bauen zuständig ist, ermöglicht es inzwischen, dass im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus bei Mehrgenerationen-Projekten auch die Gemeinschaftsräume gefördert werden. Das war früher nicht der Fall. Und das sind nur einzelne Beispiele. Aber eine Gesellschaft lebt nicht nur vom Anspruch, dass die Politik alles machen soll. Vor Ort ist es wichtig, dass man gemeinsam gestaltet. Dafür gibt es in einem Land, in dem sich 41 Prozent der Bürger ehrenamtlich engagieren, ein großes Potenzial.

Kann der Bürger letztlich nur hoffen, dass es im Rathaus seines Orts auch Vordenker gibt?

Ich denke, alle sind sensibilisiert. Wenn die Bürger antreibend mitmachen, umso besser. Das Leben in einer Kommune ist ja nicht ausschließlich davon geprägt, was die Kommunalpolitiker tun. Vereine, Unternehmen und auch einzelne Engagierte können sehr viel dazu beitragen, dass es sich in ihrem Dorf, in ihrem Quartier gut leben lässt. Dieses Potenzial möchten wir mit den kommunalen Workshops aktivieren.

Was raten Sie denen, die 2030 die Alten sind?

Ich denke, es ist wichtig, sich jetzt schon mit den Fragen auseinanderzusetzen: Wie möchte ich leben, wenn ich alt bin? Was kann ich selbst dazu beitragen? Ein Beispiel aus unseren bisherigen Regionalforen: Keiner will einsam sein. In den Foren haben sich deshalb viele vorgenommen, möglichst lange generationsübergreifende Kontakte zu haben. Einige bauen bewusst schon heute soziale Netzwerke für das Leben im Alter auf.

Kann die Landesregierung auch Zuwanderung organisieren? In Südeuropa sind viele gut ausgebildete junge Menschen ohne Arbeit.

Es ist wichtig, dass wir in einem offenen Europa eine Willkommenskultur pflegen, auch weil die deutsche Sprache eine hohe Barriere ist. Dieses Ziel verfolgt Rheinland-Pfalz mit seiner Integrationspolitik schon seit Langem.

Das Gespräch führte Ursula Samary