Archivierter Artikel vom 07.04.2010, 07:44 Uhr

Ring-Drama Teil V: Finanzierer war eine Briefkastenfirma

Nürburgring/Usingen – Die Nürburgring-Affäre zwang Finanzminister Ingolf Deubel zum Rücktritt. Doch die Pinebeck-Firmen, ein Dreh- und Angelpunkt der Affäre, existieren bis heute. Der gescheiterte Finanzdienstleister: Teil 5 unserer Serie DAS RING-DRAMA. Er hatte nie eine eigene Telefonnummer, nie eine eigene Anschrift, nie ein eigenes Büro...

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Ring-Finanzierer war eine Briefkastenfirma
Bis zum Scheitern seines Finanzierungsmodells am Nürburgring warb der Finanzdienstleister Pinebeck an seinem Sitz im hessischen Usingen mit zwei Schildern (linkes Foto). Mehr war dort nicht. Pinebeck war eine reine Briefkastenfirma. Seit Sommer 2009 sind die Schilder weg (Foto rechts).
Foto: Seibt/Wagner

Nürburgring/Usingen – Die Nürburgring-Affäre zwang Finanzminister Ingolf Deubel zum Rücktritt. Doch die Pinebeck-Firmen, ein Dreh- und Angelpunkt der Affäre, existieren bis heute. Der gescheiterte Finanzdienstleister: Teil 5 unserer Serie DAS RING-DRAMA.

Er hatte nie eine eigene Telefonnummer, nie eine eigene Anschrift, nie ein eigenes Büro. Der Finanzdienstleister Pinebeck, der 200 Millionen Euro am legendären Nürburgring investieren wollte, war eine reine Briefkastengesellschaft. Und seine Geschäftsführer hatten nichts vorzuweisen – keine Erfolge, keine Expertise, kein Geld. Trotzdem wollte der frühere rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel (60) ausgerechnet sie zum großen Finanzdienstleister in der Eifel machen. Wa-rum? Darüber rätseln Politiker und Steuerzahler bis heute. Zumal die Staatsanwaltschaft gegen die Pinebeck-Chefs seit Monaten wegen Provisionsbetrug ermittelt.

Rückblick: Seit 2007 baut die Nürburgring GmbH, die zu 90 Prozent dem Land gehört, am Ring ein Freizeit- und Geschäftszentrum. Das Projekt „Nürburgring 2009“ kostet inzwischen rund 330 Millionen Euro. Im schlimmsten Fall macht es in den nächsten zehn Jahren 250 Millionen Euro Verlust.

Pinebeck wollte zuletzt einen Teil der neuen Immobilien für 200 Millionen Euro kaufen: die Haupttribüne, eine Sportarena, eine überdachte Flaniermeile, ein Erlebnismuseum sowie eine bis heute nicht funktionierende Achterbahn. Der Finanzdienstleister wollte die Immobilien so günstig an die Nürburgring GmbH zurückvermieten, dass sie im Vergleich zu einem Bankkredit bis zu 50 Millionen Euro spart. Doch er kann die Millionensumme nicht auftreiben. Im Juli 2009 scheitert das Geschäft spektakulär. Ministerpräsident Kurt Beck erlebt seither die schwerste Krise seiner fast 16-jährigen Amtszeit.

Der gescheiterte Finanzminister Deubel musste zurücktreten. Der gescheiterte Finanzdienstleister Pinebeck aber ist bis heute aktiv. Während seiner Geschäfte mit der Nürburgring GmbH hatte er seinen Sitz im hessischen Taunus-Städtchen Usingen: 13 000 Einwohner, schmucke Fachwerkhäuser, buckelige Straßen. Mitte März 2010 verlegte er seinen Sitz nach Ost-Berlin, Bezirk Treptow-Köpenick .

Der frühere Pinebeck-Sitz in Usingen: Im Gewerbegebiet „Am Riedborn“ zwischen Lidl, einem Mitsubishi-Händler und der städtischen Straßenmeisterei steht ein dreistöckiger Flachbau. In den Obergeschossen wohnen Familien, rechts im Erdgeschoss eröffnete kürzlich ein Kosmetiksalon, links hat der Steuerberater Joachim Zender seit Jahren sein kleines Büro. Wäre alles nach Deubels Plan gelaufen, säße heute hier – 150 Kilometer vom Ring entfernt – der Eigentümer eines Großteils der Ring-Immobilien.

Bis zum spektakulären Scheitern der Pinebeck-Finanzierung hatte Zender zwei große blaue Schilder vor der Tür. „Pinebeck GmbH“ und „Pinebeck Nürburgring GmbH“ stand dort in weißen Lettern. Im Sommer 2009 entfernte er die Schilder. Heute wirbt an ihrer Stelle ein Kosmetiksalon für seine Dienste. Zender, ein Mittvierziger im unauffälligen Business-Look, spricht nicht mehr gern über Pinebeck. Als ihn ein Reporter unserer Zeitung besucht, blockt er sofort ab. „Ich darf Ihnen zu diesen Unternehmen überhaupt nichts sagen. Ich muss mich an das Steuergeheimnis halten.“

Vom Taunus nach Berlin

Unsere Recherchen haben ergeben: Die Pinebeck Nürburgring GmbH (Stammkapital: 25 000 Euro) besteht bis heute. Aber seit 18. März ist ihr Sitz nicht mehr in Zenders Büro, sondern in der Wilhelminenhofstraße 83-85 in Berlin. Das Unternehmen wurde im Herbst 2008 gegründet. Es entstand durch Umbenennung des Luxemburger Finanzdienstleisters „Gesellschaft für Internationale Projectcoordination“, kurz IPC.

Ursprünglich waren in Usingen zwei weitere Pinebeck-Unternehmen gemeldet: Die Pinebeck GmbH hat ihren Sitz ebenso nach Berlin verlegt, die Pinebeck Eifel-Projekt GmbH wurde gelöscht. Während der Zusammenarbeit mit dem Nürburgring hatte keines der drei Pinebeck-Unternehmen eine eigene Anschrift oder einen eigenen Mietvertrag. Alles lief über das Büro von Zender. Die Unternehmen nutzten auch offiziell seine Telefonnummer. Zweck der Pinebeck-Gruppe, zu der früher auch die Luxemburger Pinebeck S.A. gehörte, sind Immobilienhandel, Projektkoordination, Beratung.

In Usingen ist der Finanzdienstleister Pinebeck, der in Rheinland-Pfalz für so viel Aufsehen sorgt, völlig unbekannt. „Pinebeck? Der Name sagt mir nichts“, räumt Petra Reuter von der Wirtschaftsförderung der Stadt ein. Pinebeck? Schulterzucken auch beim Mitsubishi-Händler, dem Nachbarn von Steuerberater Zender. Und Zenders Vermieter, ein älterer Herr mit Strubbelfrisur und Hornbrille, sagt über Zender: „Mir ist egal, was der macht. Hauptsache, er zahlt die Miete.“

Hinter Pinebeck stehen in erster Linie Michael Merten (52) und Normann Böhm (47). Sie arbeiteten von 2006 bis 2009 als Finanzmakler für den Ring, erst als Chefs von IPC, später von Pinebeck. Sie behaupten, mit der „Weltmarke Nürburgring“ könne man ein Milliardengeschäft machen. Darum wollen sie für 200 Millionen Euro einen Teil der Ring-Immobilien kaufen – haben aber kein Geld. Drei Jahre lang suchen sie nach einem Geldgeber und kassieren von der Nürburgring GmbH dafür 1,2 Millionen Euro Provision. Wären sie erfolgreich gewesen, hätten sie weitere acht Millionen Euro als Prämie erhalten.

Durch welche Referenzen sich Merten und Böhm das Vertrauen am Ring erworben haben, ist schwer zu erklären. Merten lehnt Presseanfragen ab. Aber er war Sprecher der 2009 aufgelösten Hilfsorganisation Global Wealth Initiative und veröffentlichte auf deren Internetseite einen Lebenslauf. Demnach ist er verheiratet und hat zwei Kinder. Ab 1979 lebt er zehn Jahre in Kenia (Ostafrika) und entwickelt Hilfsprojekte. Anfang der 1990er-Jahre reorganisiert er eine insolvente Immobilienfirma, 1996 renoviert er historische Häuser. Merten behauptet in seiner Vita, dass er von 1996 bis 2000 Assistent des Direktors beim Zirkus Sarrasani war. Doch dort sagte man unserer Zeitung: Merten war nie Assistent, er half nur sporadisch beim Zeltaufbau. Seit 2002 ist Merten nach eigenen Angaben Mitglied der Führung von IPC, aus der später Pinebeck wird. 2005 versucht er als Geschäftsführer der Luxemburger Immobilienfirma Ziller ASS Projekt S.A. den Bau eines 126 Millionen Euro teuren Freizeitzentrums in Wolfsburg zu finanzieren – und scheitert.

Über das Vorleben von Mertens Kompagnon Böhm ist wenig bekannt. Er war einer der Gründer der in Wolfsburg aktiven Firma Ziller. Wie Merten bezeichnet er sich gern als Kaufmann. Erst nach dem Scheitern des Ring-Geschäfts kommt heraus, dass Böhm einige Vorstrafen hat und auch Merten wegen Insolvenzverschleppung vorbestraft ist.

Leere Versprechungen

Merten und Böhm arbeiteten mit dem dubiosen Schweizer Kreditvermittler Urs Ba-randun (49) zusammen. Ex-Finanzminister Deubel empfängt ihn zu Gesprächen in Mainz. Barandun, der angeblich fließend fünf Sprachen spricht, wirkt auf den Minister weltläufig und seriös. Er verspricht, über seine Kontakte in die internationale Finanzwelt jemanden zu finden, der Pinebeck das Geld für dessen Finanzierungsmodell am Ring (siehe Kasten) gibt. Barandun tönt, er habe eine Unterschriftsvollmacht über 15 Milliarden US-Dollar für den Staatsfonds von Dubai. Aber sein Versprechen hält er dennoch nicht. Wieder einmal, wie inzwischen klar ist.

Barandun, der 2008 wegen angeblicher Scheck-Streitigkeiten drei Wochen in Dubai in Haft war, lockte schon oft mit lukrativen Geschäften, aber enttäuschte seine Partner regelmäßig. Ein Beispiel: 2008 bringt er das Unternehmen „Haus der Immobilie“ in Rottenburg (Baden-Württemberg) angeblich dazu, sich am Bau eines Betonwerks in Dubai zu beteiligen. Die Rottenburger verlieren drei Millionen Euro – und gehen pleite.

Bis heute ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen Merten, Böhm und Ba-randun wegen des Verdachts des Betrugs. Sie sollen möglicherweise nur vorgetäuscht haben, einen Geldgeber für den Ring finden zu können, um von der Nürburgring GmbH üppige Aufwandsentschädigungen zu kassieren. Die Staatsanwaltschaft durchsuchte 2009 Wohnungen und Firmenräume. Auch das Büro des Usinger Steuerberaters soll dazugehört haben.

Der Betrugsverdacht gegen Merten und Böhm hat sich bisher aber nicht erhärtet, so die Staatsanwaltschaft. Ein Rechtshilfeersuchen an die Wells Fargo Bank in den USA, soll klären, ob Baranduns präsentierte Schecks gedeckt waren. Erst dann steht fest, ob der ehemalige Judolehrer Deubel von Betrügern auf die Matte gelegt wurde.

Um Licht ins Dunkel der Nürburgring-Affäre zu bringen, soll das Trio auch vor dem Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags aussagen. Wann ist aber noch völlig unklar. Jedenfalls machen die drei weiter Geschäfte. Sie sind an einer unüberschaubaren Firmenzahl in Deutschland und andernorts beteiligt.