Archivierter Artikel vom 26.02.2011, 08:21 Uhr

RING-DRAMA 7: Fall CST – Richter machte am Ring richtig Kasse

Das Ring-Drama, Teil 7: Am Nürburgring gab es bislang viele Verlierer, aber immer einen GewiRheinland-Pfalz. Die jüngere Skandalgeschichte des Nürburgrings füllt längst ganze Bände. Darin ist von geplatzten Millionenschecks und explodierenden Kosten die Rede. Darin wird berichtet, wie ein Finanzminister gehen musste und ein Hauptgeschäftsführer mit Schimpf und Schande davongejagt wurde. Doch über eine Firma mit dem komplizierten Namen Cash Settlement & Ticketing GmbH (CST) war bisher wenig bekannt. nner. Das belegt ein Geheimpapier.

Rheinland-Pfalz. Die jüngere Skandalgeschichte des Nürburgrings füllt längst ganze Bände. Darin ist von geplatzten Millionenschecks und explodierenden Kosten die Rede. Darin wird berichtet, wie ein Finanzminister gehen musste und ein Hauptgeschäftsführer mit Schimpf und Schande davongejagt wurde.

Doch über eine Firma mit dem komplizierten Namen Cash Settlement & Ticketing GmbH (CST) war bisher wenig bekannt. Dieses Unternehmen könnte man als eine Art blinden Fleck in der öffentlichen Wahrnehmung bezeichnen.

Das wird sich durch einen vertraulichen Entwurf eines Rechnungshofberichts ändern. Die CST erscheint darin als Synonym für Verschwendung öffentlicher Gelder – bar jeder Kontrolle. Und in der brisanten Expertise nimmt etwas Konturen an, das man als das „System Kai Richter“ bezeichnen könnte. Bezogen auf jenen Düsseldorfer Unternehmer, der an der Eifel-Rennstrecke als instinktsicherer Geschäftsmann gilt: mit einem Sinn für Vertragskonstrukte, bei denen er kassiert, während die öffentliche Hand die Risiken absichert und die Hauptlast der Finanzierung trägt. Zum Nachteil der Steuerzahler.

Wie kam es zu dieser Fehlentwicklung? Die ursprüngliche Geschäftsidee schien so simpel wie clever. Der Nürburgring sollte bargeldfrei betrieben werden. Dafür erhielt und erhält bis heute jeder zahlende Gast eine sogenannte „ringcard“, eine aufladbare Geldkarte, die auf dem Ringgelände Währung und Eintrittsticket zugleich ist. Vorteil für die Nürburgring-Betreiber: kein personalintensives Kassieren, kein Ärger mit dem Wechselgeld, ein schlankes, automatisiertes System, das zudem noch die Besucherzahlen dokumentiert. Die Investitionen in Kassenautomaten und nötige Software würden sich schnell bezahlt machen, dachten die Ring-Verantwortlichen 2007. Zumal sie mit gewaltigen Besucherströmen rechneten. Die Vorteile für die Ringbesucher: so gut wie keine. Denn Betreiber solcher bargeldloser Bezahlsysteme haben häufig hässliche Hintergedanken. Sie kalkulieren damit, dass die Besucher ihr Kartenguthaben nicht komplett aufbrauchen und dass der Rest einfach verfällt. Die Ring-Verantwortlichen bauten sogar besonders dreist auf diesen Effekt, wie der geheime, uns vorliegende Entwurf eines Rechnungshofberichts dokumentiert. Doch dazu später mehr.

Um mit dem bargeldfreien Ring richtig Geld verdienen zu können, wurde am 7. Februar 2008 jene Betriebsgesellschaft, die Cash Settlement & Ticketing GmbH (CST), aus der Taufe gehoben. Gesellschafter: zu 50 Prozent die nahezu landeseigene Nürburgring GmbH, zu 50 Prozent die Düsseldorfer MI-Websolutions GmbH und spätere MI-Beteiligungs- und Verwaltungs-GmbH (MI). Nun kommt besagter Kai Richter ins Spiel. Jener Düsseldorfer Unternehmer, der bereits als „Privatinvestor“ am Ring aktiv war. Ihm gehörte die MI zu 80 Prozent, und er fungierte als Geschäftsführer. Ansonsten war nur noch ein Mann namens Klaus König beteiligt, über den nahezu nichts bekannt ist.

Und was kritisiert jetzt der Rechnungshof? Seine Analyse der CST hat rund 50 Seiten, aber nur eine Botschaft: In Rheinland-Pfalz lohnt es sich offenbar, mit dem Staat Geschäfte zu machen. Die nahezu landeseigene Nürburgring GmbH ließ sich jahrelang auf unglaubliche Weise von dem Unternehmer Kai Richter übervorteilen. Dabei gingen sämtliche kaufmännischen Grundregeln über Bord. Der alerte Investor nutzte ein Firmengeflecht rund um die CST, um die Kuh Nürburgring finanziell zu melken.

In dem vorläufigen Gutachten durchleuchtet die Speyerer Behörde den gesamten CST-Komplex bis hin zur Neuorganisation, die im Dezember 2010 ihren vorläufigen Abschluss fand. Der Entwurf der Expertise ist bereits knapp vier Monate bei der Landesregierung im internen Umlauf. Angeblich liegt sogar schon der Abschlussbericht vor. Inhalt: unbekannt. Doch allein der Entwurf ist brisant genug. Denn der Rechnungshof arbeitete auf, wie überflüssige Firmen gegründet und Leistungen überteuert eingekauft wurden. Meist waren es Kai Richter und seine Geschäftspartner, die einen Nutzen aus der aufgeblähten Struktur zogen. Vor allem in der Ära von Ingolf Deubel und Walter Kafitz geriet strenge Kostenkontrolle zur Rarität. Deubel (SPD), als Finanzgenie gepriesen, amtierte bis zu seinem Rücktritt im Juli 2009 als Finanzminister und zugleich als Aufsichtsratschef der Nürburgring GmbH. Walter Kafitz war bis zu seiner fristlosen Kündigung im Dezember 2009 als Hauptgeschäftsführer der Macher am Ring.

Die CST-Expertise lässt den Schluss zu, dass beide Hauptprotagonisten der Nürburgringaffäre – warum auch immer – alle Sicherungen beiseite ließen. Wirtschaftspläne fehlten, ein solides Controlling sowieso, auf Ausschreibungen wurde verzichtet, Schätzungen über Besucherzahlen waren haltlos. Ein wirtschaftlicher Blindflug ohnegleichen. Der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH schien mit Ausnahme von Ingolf Deubel eine Statistenrolle einzunehmen – mehr schlecht als recht informiert. Konsequente Kontrolle? Fehlanzeige! Doch was beanstandet der Rechnungshof konkret? Dazu einige frappierende Beispiele:

Keine Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen: Bei der Gründung der CST (2008) rechnete man damit, dass für das bargeldfreie Bezahlsystem Kosten von bis zu 5 Millionen Euro anfallen würden. Dennoch wurden weder die technische Machbarkeit noch der wirtschaftliche Nutzen geprüft. Bislang kamen diese Prepaid-Systeme vor allem in Fußballstadien zum Einsatz – etwa in Kaiserslautern. Das ist aber nicht mit dem Nürburgring vergleichbar. Ein teurer Geburtsfehler: Der Rechnungshof empfiehlt, das Kartensystem wieder abzuschaffen. Selbst bei günstigstem Verlauf wird es bis 2014 Verluste von insgesamt 9,29 Millionen Euro erwirtschaften.

Geschäftspartner nicht überprüft: Der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH erfuhr bei der Gründung der CST nur beiläufig, dass statt Richters Firma Mediinvest (einschlägig bekannt) nun das völlig unbekannte Unternehmen MI-Websolution GmbH als Gründungspartner auftrat. In den Jahresabschlüssen der MI 2005 bis 2007 lagen die flüssigen Mittel jeweils unter 2000 Euro. Obwohl der Rechnungshof in früheren Berichten massiv darauf gedrängt hatte, Mitgesellschafter sorgfältig auszuwählen, fand keinerlei Überprüfung von Finanzkraft und Kompetenzen der MI statt. Es zeigt, wie Richter offenbar nach Belieben mit Firmen und Beteiligungen jonglieren konnte, ohne dass ihm jemand auf den Zahn fühlte.

Preiswertere Alternativen nicht erwogen: Der Rechnungshof legt klipp und klar dar, dass die CST (mit Richter als Geschäftsführer) eigentlich überflüssig war. Denn das Unternehmen payment solution AG (ps), Experte für bargeldlose Systeme, übernahm später faktisch die Betriebsführung bei der CST. Die Firma aus München bietet zudem Komplettlösungen an. Über Nachfragen des Aufsichtsrats der Nürburgring GmbH ist nichts bekannt.

Mangelnde Information: Der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH wurde von Ring-Geschäftsführer Kafitz nicht darüber informiert, dass die Nürburgring GmbH bereits seit April 2009 die komplette Finanzierung der nahezu insolventen CST übernommen hatte. Ein Verstoß gegen den Gründungsbeschluss, der von einem 50:50-Verhältnis ausging. Noch bis zum September 2010 wurde der Aufsichtsrat kaum ins Bild gesetzt. Ein Wirtschaftsprüfer generell zur Arbeit des Aufsichtsrats: „Er gab sich im Wesentlichen mit mündlichen Äußerungen zufrieden und ist selbst nicht tätig geworden.“

Fragwürdige Geschäfte mit Restguthaben: Im Oktober 2009, also anderthalb Jahre nach der Gründung der CST, erhielt der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH erstmals einen Businessplan, also einen Nachweis der Wirtschaftlichkeit. Der ging nicht nur – höchst unrealistisch – davon aus, dass pro Geschäftsjahr 1,5 Millionen Karten ausgegeben werden. Es wurde auch damit kalkuliert, dass 40 Prozent der Kunden ein Restguthaben von im Schnitt 2,75 Euro pro Karte verfallen lassen würden. Dabei können die Besucher die Beträge im Zeitraum von vier Jahren zurückfordern.

Chaotische Buchungen: Obwohl Richters Firma Mediinvest für die laufende Geschäftsbesorgung zuständig war und allein für das Geschäftsjahr 2009 dafür 54 000 Euro kassierte, wurden für 2009 zusätzlich ein Düsseldorfer Steuerberater und – direkt von Kai Richter – eine Wirtschaftsprüferin engagiert. Unberechtigte Kosten bis September 2010: gut 71 000 Euro. Zudem war die Buchführung so chaotisch, dass zum Teil doppelt gebucht wurde. Gut 190 000 Euro waren als „Irrläufer“ aufgeführt, knapp 150 000 unter „Konto falsch“ notiert.

Weitere Verschwendung: CST-Geschäftsführer Richter vereinbarte mit Richters Firma Mediinvest völlig überteuerte Stundensätze für die kaufmännische Verwaltung (50 Euro). Ein ähnlich gelagerter Fall: Richters Mediinvest schloss mit der Jung Produktion GmbH (JP, gehört zu 50 Prozent Richters Mediinvest) einen viel zu hoch dotierten, langfristigen und vor allem unkündbaren Werbevertrag (Volumen 150 000 Euro). JP verdiente an der „Projektsteuerung“ für zwei Büro-Containeranlagen mit Leistungen, die schon im Lieferumfang der Containerfirma enthalten waren. Zudem vermittelte Richter der „Richter und Jung GbR“ zu hohe Mieterlöse für Lagerräume.

Unverantwortliche Ausgaben: Richter engagierte die UBK GmbH, eine IT-Gesellschaft, ohne Ausschreibung und Aufgabenbeschreibung. Ein Blankoscheck im Wert von 290 000 Euro. Auch fragwürdig: Zwei Mitarbeiter telefonierten in drei Monaten für satte 13 000 Euro. Und noch heftiger: Die CST hätte 720 000 Euro sparen können, wenn sie – auf Empfehlung der payment solution AG – 2008 statt 1,5 Millionen Karten für das Bezahlsystem nur 500 000 kostengünstiger bestellt hätte. Nur ein Bruchteil der 1,5 Millionen wurde tatsächlich gebraucht. Schließlich gab es zwei Geschäftsführer der CST – Richter und der Vertreter der Nürburgring GmbH. Nur einer erhielt 2500 Euro monatlich. Wer war das wohl? Kai Richter.

Von unserem Redakteur Dietmar Brück