Archivierter Artikel vom 17.12.2010, 07:45 Uhr
Rheinland-Pfalz

Ring-Chef will der „Anti-Kafitz“ sein

Er hätte Bilanzen studieren können, künftige Geschäftspartner treffen oder eine Ansprache an seine Mitarbeiter halten. Doch Hans-Joachim Kochs erste Amtshandlung als neuer Chef der Nürburgring GmbH war eine andere: Er schaffte den Chefparkplatz ab.

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Hans-Joachim Koch (52) ist seit einem Jahr Geschäftsführer der Nürburgring GmbH. Sein Vorgänger Walter Kafitz gilt als Hauptverantwortlicher des Finanzdesasters an der Eifel-Rennstrecke. Darum versucht Koch, sich nach Kräften von ihm zu distanzieren. Mit seiner ersten Amtshandlung schaffte er dessen Chefparkplatz ab. Die Kafitz'sche Dienstlimousine gab er zurück.
Hans-Joachim Koch (52) ist seit einem Jahr Geschäftsführer der Nürburgring GmbH. Sein Vorgänger Walter Kafitz gilt als Hauptverantwortlicher des Finanzdesasters an der Eifel-Rennstrecke. Darum versucht Koch, sich nach Kräften von ihm zu distanzieren. Mit seiner ersten Amtshandlung schaffte er dessen Chefparkplatz ab. Die Kafitz'sche Dienstlimousine gab er zurück.
Foto: Kevin Rühle

Von unserem Redakteur Hartmut Wagner

Rheinland-Pfalz – Er hätte Bilanzen studieren können, künftige Geschäftspartner treffen oder eine Ansprache an seine Mitarbeiter halten. Doch Hans-Joachim Kochs erste Amtshandlung als neuer Chef der Nürburgring GmbH war eine andere: Er schaffte den Chefparkplatz ab. Der 52-Jährige weigerte sich schlicht, den Parkplatz zu nutzen, obwohl er frei war, obwohl er direkt vor der Tür seines Dienstsitzes lag. Er suchte sich einen anderen Platz, nahm einige Meter Fußweg in Kauf.

Das war im Dezember 2009. Inzwischen ist Koch ein Jahr im Amt. Den Chefparkplatz nutzt er noch immer nicht. „Ich habe dort nie geparkt“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Seine Stimme ist ernst, seine Augen suchen Blickkontakt. Der 1,88-Meter-Mann mit dem kräftigen Körper will sagen: Mein Nein zum Chefparkplatz ist kein Klamauk. Es geht um eine Botschaft, es geht darum, dass ich anders bin. Ich bin nicht wie mein Vorgänger Dr. Walter Kafitz, ich bin der „Anti-Kafitz“.

Kafitz (60) gilt als Hauptverantwortlicher für das Finanzdesaster am Ring. Darum wurde er vor einem Jahr als Chef der Nürburgring GmbH gefeuert. Er herrschte 15 Jahre lang an der legendären Eifel-Rennstrecke wie ein Provinzfürst. Inzwischen verlangt die Nürburgring GmbH 8,3 Millionen Euro Schadensersatz von ihm. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Monaten gegen Kafitz und andere frühere und noch aktive Macher am Ring. Der Verdacht: Veruntreuung von Steuergeldern, Betrug oder Beihilfe.

Manager in Duisburg und Oklahoma

Kafitz war wegen seiner brachialen Wutausbrüche bei Mitarbeitern gefürchtet, zugleich wurde er als „Dr. Kann-Nix“ verspottet. Koch schimpft: „Kafitz hatte eine Aura der Angst.“ Woran er das festmacht? „Als ich sein Nachfolger wurde, bot ich meinen Mitarbeitern an, dass künftig jeder den Chefparkplatz nutzen kann. Aber es traute sich keiner.“ Lachend fügt er hinzu: „Irgendwann ordnete ich an, wann dort wer zu parken hat.“

Koch arbeitete jahrelang in leitenden Funktionen für große Konzerne, für Haniel in Duisburg, für eine RWE-Tochter in Oklahoma, für TNT in Amsterdam. Er ist erfahrener Manager, er weiß natürlich, dass es ihm nutzt, sich gegen Kafitz und dessen Selbstherrlichkeit zu positionieren. Und er weiß, dass die Regierung in Mainz das von ihm erwartet. Vielleicht spielt er den „Anti-Kafitz“ nur – aber das macht er perfekt.

Von Anfang an ging er auf Distanz zu seinem Vorgänger, gab sich bodenständig und bescheiden. Er lehnte den Kafitz'schen Hauptgeschäftsführer-Titel als „belastet“ ab, nannte sich schlicht Geschäftsführer. Er schaffte Kafitz’ Chauffeur ab und gab dessen Dienstwagen, einen 150 000 Euro teuren BMW M5, zurück an den Händler. Und: Er stoppte Kafitz’ persönliches Bauprojekt, ein Prachtbüro über der neuen Haupttribüne, mit Blick auf die Formel-1-Strecke, mit Ruhebereich und üppigem Balkon.

Koch bezog Kafitz’ altes Büro im rund 80 Jahre alten Verwaltungshaus B des Rings. Doch auch das schien ihm zu groß, sagt er. Er ließ eine Wand einziehen, trennte einen Teil des Raums ab, schaffte Platz für ein zusätzliches Büro. Sein Chefbüro hat heute fast die Größe eines Mitarbeiterbüros. Die alten Möbel behielt er – noch heute sitzt er an Kafitz’ Ex-Schreibtisch. Aber er stellte Tisch, Schrank und Anrichte um. „Ich wollte einen Neuanfang“, so Koch. „Darum ließ ich das Büro auch einige Tage leer stehen, erst dann zog ich ein.“

Kafitz war „Mister Nürburgring“, seine Macht fast unbeschränkt. Er entschied, wem der Ring millionenteure Aufträge erteilte und mit wem er zusammenarbeitete. Doch der Nürburgring der Ära Kafitz ist Geschichte. Die Rennstrecke erlebte im Mai den größten Umbruch ihrer 83-jährigen Geschichte: Was heute am Ring läuft, entscheidet nicht mehr der Chef der Nürburgring GmbH. Heute managen die Unternehmer Jörg Lindner und Kai Richter mit ihrer neuen Nürburgring Automotive GmbH den Ring. Sie haben die Hunderte Millionen Euro teuren Ring-Immobilen gepachtet.

Koch wirkte bei der Neuorganisation des Nürburgrings tatkräftig daran mit, dass der Ring-Chef entmachtet wurde – also er selbst. Heute hat er auf das Management des Rings keinen Einfluss mehr. Er verwaltet nur noch dessen Immobilien. Er wertet Bilanzen aus, steuert Buchhaltung und Controlling.

Personalwechsel im Jahr 2011?

Kochs Hauptaufgabe war es, den Umbruch am Ring im Sinne der Landesregierung über die Bühne zu bringen. Und er sollte verhindern, dass die damals 250 Ring-Mitarbeiter in Panik gerieten oder zu Protestdemos vor den rheinland-pfälzischen Landtag zogen.

Im Juli schickte das Land überraschend den Beamten Gerd Weisel als zweiten Geschäftsführer an den Ring (siehe unten). Doch Koch stört das nicht – im Gegenteil. „Ich wollte einen Partner. Vier Augen sehen einfach mehr als zwei.“

Koch bezeichnete sich immer als Interimsmanager am Ring. Inzwischen hat er den Großteil seiner Arbeit erledigt, sagt er. In einem halben Jahr will er mit der Landesregierung ausloten, ob er noch gebraucht wird. Ausgang ungewiss.