Archivierter Artikel vom 29.09.2010, 21:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Rheinland-pfälzische Ärzte wollen Vorkasse für Patienten testen – Umfrage

Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz ist es leid: Sie will den Mangel bei den Ärztehonoraren nicht mehr verwalten. Stattdessen soll der Patient nun beim Arzt in Vorkasse treten und sich das Geld bei seiner Kasse zurückholen.

Rheinland-Pfalz – Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz ist es leid: Sie will den Mangel bei den Ärztehonoraren nicht mehr verwalten. Stattdessen setzen die Ärztevertreter auf den mündigen Patienten. Der soll beim Arzt in Vorkasse treten und sich das Geld bei seiner Krankenkasse zurückholen. Jetzt gibt es erste Gespräche über ein Pilotprojekt.

Von unserem Redakteur Christian Kunst

Die Zahlen liegen auf der Hand: Mehr als jeder vierte Hausarzt in Rheinland-Pfalz geht bis 2019 in den Ruhestand. Und viele Praxen, prognostiziert die Kassenärztliche Vereinigung (KV), werden nicht neu besetzt. Denn viele Nachwuchsmediziner locken besser bezahlte Jobs in Kliniken, oder es zieht sie gar ins Ausland.

Der Grund dafür liegt für KV-Chef Dr. Günter Gerhardt ebenfalls auf der Hand: das aktuelle Honorarsystem, das Masse statt Klasse belohne und die Massenabfertigung auch noch schlecht honoriere. Im Schnitt 18-mal pro Jahr geht der Deutsche laut Barmer Ersatzkasse zum Arzt, dreimal so häufig wie im übrigen Europa; pro Patient bleiben so im Schnitt nur acht Minuten Beratungs- und Behandlungszeit. Ein auf dem Land so wichtiger Hausbesuch bringt dem Mediziner derzeit nur noch 15,20 Euro, sagt Gerhardt – für solch einen Preis würde kein Außendienstmitarbeiter eines Unternehmens rausfahren.

Die KV will jetzt die Reißleine ziehen und die Patienten in die Pflicht nehmen. Sie sollen künftig bei jedem Arztbesuch wie Privatpatienten in Vorkasse treten und sich das Geld von ihrer Krankenkasse zurückholen. Allerdings sollen sie nicht alles ersetzt bekommen, sondern einen Teil auch selbst zahlen. Die Höhe der Selbstbeteiligung soll sich an der Zahl der Arztbesuche und an dem Portemonnaie des Patienten orientieren. Wer den Arzt selten besucht, kann wie bei den Privatpatienten sogar Geld zurückbekommen. „Wir wollen eine transparente und sozial gerechte Zuzahlungsregelung„, sagt KV-Vorstand Michael Siegert. Geplant sind Obergrenzen bei der Zuzahlung, ein Sozialausgleich und Ausnahmeregelungen für chronisch Kranke.

Vorbild sind für ihn Bahnangestellte wie Lokomotivführer, die bereits eine Rechnung vom Arzt bekommen und bis zu 30 Prozent der Kosten selbst bezahlen. Diese Gruppe geht laut Siegert deutlich seltener zum Arzt und überlege genau, ob eine Behandlung notwendig ist.

In einem Papier der KV heißt es dazu: „Ziel muss es sein, die Zahl der medizinisch nicht notwendigen Konsultationen zu reduzieren und die tatsächlich erbrachten Leistungen adäquat zu honorieren.“ Siegert will mit dem Kostenerstattungsprinzip an die Solidarität unter den Versicherten appellieren: „Jemand, der nicht so schwer krank ist, tritt zurück für jemanden, der chronisch krank ist. Denn wenn ich diese Menschen sinnvoll und beratungsintensiv behandeln will, dann brauche ich als Mediziner Zeit. Die habe ich aber im derzeitigen System nicht."

Siegert und Gerhardt sind überzeugt, dass sich dieses Kostenbewusstsein der Patienten für alle auszahlt. So könne im Gegenzug der Kassenbeitrag deutlich sinken. Auf Zuzahlungen für Medikamente oder die Praxisgebühr könne man eventuell ganz verzichten.

Derzeit spricht die KV mit der Techniker Krankenkasse (TK) über ein Pilotprojekt, um das Prinzip der Vorkasse zu testen. Anders als das Land (siehe Interview) und die AOK, die den Vorstoß rundum ablehnen, ist die TK gesprächsbereit, wenn auch skeptisch. Denn seit drei Jahren bietet die Ersatzkasse ihren Versicherten einen Wahltarif an, der eine Kostenerstattung vorsieht und zum Ende des Jahres ausläuft. Doch von bundesweit sieben Millionen Versicherten haben bislang nur einige Tausend den Tarif genutzt.