Archivierter Artikel vom 09.05.2014, 06:00 Uhr

Rethage geht – alle Probleme bleiben

Nun ist er endlich weg, der große Störenfried am Flughafen Hahn: Heinz Rethage macht den Abflug an dem Hunsrück-Airport. Oder etwa doch nicht so ganz? Wenn man dem stockenden Vortrag von Innenminister Roger Lewentz (SPD) im Ministerium am Schillerplatz lauschte, klang das nach einem entschiedenen Sowohl-als-Auch.

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Einerseits setzt das Land dem unbequemen und ungeliebten Sanierer den Geschäftsführer-Stuhl vor die Tür. Andererseits soll Rethage weiter für den Flughafen arbeiten – vom Innenministerium aus. Geht der Plan des Hauptgesellschafters Land auf, geht es um so wichtige Projekte wie die Neuordnung der Kerosinversorgung und den Anschluss des Flughafens an die nahe gelegene Nato-Pipline. Ein Vorhaben, das Millionen Euro an Einsparungen bringen könnte. Für dieses Schlüsselprojekt scheint also noch genug Vertrauen vorhanden, obwohl es insgesamt zerrüttet ist. Nun gut.

Lob klang reichlich bemüht

Das Bemühen des Landes dürfte nicht nur fachlich motiviert sein. Innenminister Lewentz will den Eindruck vermeiden, dass seine Entscheidung für Rethage ein Fehlgriff war. Daher auch die ein wenig bemüht wirkende Lobeshymne auf die Erfolge des Aufräumers, mit dem der Minister oft genug selbst aneinandergeriet. Die Opposition hat Lewentz ohnehin schon lange auf dem Kieker. Nürburgring, Kommunalreform, die gescheiterte Änderung des Kommunalwahlgesetzes, Hahn-Chaos – mit allem bringt die CDU Lewentz in Verbindung. Sie baut das Bild des „Flop-Ministers“ auf, den Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) schleunigst aus dem Verkehr ziehen sollte. Wohlwissend, dass Lewentz als SPD-Vorsitzender unantastbar ist. In diese Strategie passt, dem mächtigen Minister auch noch eine „Fehlentscheidung Rethage“ anzukreiden. Zumal Lewentz inzwischen auch in den eigenen Reihen durchaus Kritiker hat.

Doch die Wirklichkeit ist wie immer komplizierter. Denn Rethage mag am Ende an sich selbst, sprich an seiner ruppigen, kompromisslosen und zuweilen auch untaktischen Art gescheitert sein – ein eindeutiger Missgriff war seine Auswahl dennoch nicht. Um das zu belegen, muss man sich nur einen Moment auf das Gedankenexperiment einlassen, Rethage hätte es nie am Hahn gegeben. Nicht unwahrscheinlich, dass der alte, eher bräsige Aufsichtsratschef Hans Endler dann noch im Amt wäre und nicht entnervt das Handtuch geworfen hätte. Vermutlich wäre auch im Aufsichtsrat alles beim Alten geblieben: Man kennt sich, man mag sich, man hört, was die Geschäftsführung zu sagen hat – und liest mal kursorisch über die dicken Vorlagen, die ohnehin erst kurz vor der Sitzung eintreffen. Man hat ja auch sonst genug zu tun.

Skandal wäre untergepflügt worden

Den Skandal um die Passagierabfertigung hätte man vermutlich – wie all die Jahre zuvor – irgendwie untergepflügt. Sanieren ja, aber am liebsten mit Samthandschuhen. So oder ähnlich ist der Flughafen ohne Bremsfallschirm in die Miesen gerauscht. Bis er kurz vor der Insolvenz stand. Und sich alle wunderten, dass die Welt im Hunsrück doch nicht ganz so schön war, wie sie offenbar vom alten Flughafenchef Jörg Schumacher lange Zeit nach Mainz gemeldet wurde. Einem Geschäftsführer, der vielleicht in Aufbauzeiten der richtige Mann war – in der Krise aber offensichtlich zunehmend an seine Grenzen stieß. Vom Untreueverdacht, dem die Staatsanwaltschaft nachgeht, ganz zu schweigen.

Natürlich hätte es ohne Rethage auch weniger Ärger am Hahn gegeben – gar keine Frage. Der Ingenieur gehört zu den Menschen, die immer gefährdet sind, das, was sie aufgebaut haben, selbst wieder einzureißen, weil sie häufig den Punkt verpassen, wo Zurückhaltung einen Sieg umso süßer macht. Und sicher wären auch weniger Menschen mit Grabenkriegen, In-trigen, Anzeigen, Flurfunk und Co. beschäftigt gewesen. Doch angesichts der selbstzufriedenen Dümpelei all die Jahre zuvor war Rethage vielleicht auch die Adrenalinspritze, die der Hahn gebraucht hat. Auch deswegen hatte Rethage so viele hartnäckige Unterstützer in Wirtschaftskreisen. Sie sahen und sehen in ihm endlich einen Hoffnungsträger, der unerschrocken (und eben auch ungeschickt) die Fassaden wegriss, hinter denen die Probleme am Hahn seit Jahren in stickigen Räumen wie Schimmelpilze wucherten.

Vermeidbar war der Rückzug Rethages dennoch nicht. Wenn zwei Züge aufeinander zufahren, muss der kleinere dem größeren weichen. Oder anders formuliert: Bei Machtkämpfen sticht Oben Unten. Oben saß der Aufsichtsratschef Salvatore Barbaro (SPD), unten sein aufmüpfiger Geschäftsführer. Rethage selbst wurde nach einer cleveren Choreografie abserviert. Das Feld der Demontage wurde so lange beackert, bis Erntezeit herrschte. Als Rethage seinen letzten Auftritt im Aufsichtsrat erzwang, hatte er längst verloren. Ihm blieb nur noch, einen letzten Rest Gesicht zu wahren und auf das Angebot Lewentz' einzugehen. Barbaro hatte das Kontrollgremium voll und ganz hinter sich. Damit hat der Finanzstaatssekretär nach dem Chaos zuvor doch einen Erfolg verbucht, der auch in den Augen von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zählen dürfte.

Markus Bunk muss jetzt liefern

Doch ob Barbaros Engagement am Hahn seine Karriere befördern wird, hängt auch am Erfolg seines Mannes Markus Bunk, dem einzigen verbliebenen Geschäftsführer. Der Mann aus Dortmund wirkt manchmal ein wenig zu entspannt angesichts der Herkulesaufgabe, die vor ihm liegt. Wenn er sich Akzeptanz erarbeiten will, muss er mehr als wolkige Ansprachen halten. Klar ist: Auch wenn Rethage geht, bleiben die Probleme. Die EU muss die Entschuldung akzeptieren und einen milden Entschluss im Beihilfeverfahren fällen, sonst ist der Flughafen am Ende. Der Hahn braucht dringend Neugeschäft und einen privaten Investor. Denn selbst wenn der Sanierungsplan konsequent abgearbeitet wird, fährt der Hunsrück-Airport immer noch ein paar Millionen Euro Miese ein. Das wird die EU-Wettbewerbsbehörde nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist nicht mehr akzeptieren.

Ein Hoffnungszeichen ist indes die Berufung des Wirtschaftsprüfers Hansgünter Oberrecht zum Compliance-Beauftragten, also zum zentralen Ansprechpartner für Querelen in der Belegschaft und etwaige Unregelmäßigkeiten. Diese Personalie könnte verhindern, dass jetzt die Messer am Hahn gewetzt werden und sich eingefleischte Rethage-Gegner an Rethage-Anhängern rächen. Nichts wäre fataler für den Flughafen. Doch Oberrecht mit seiner besonnenen, ausgleichenden Art ist zuzutrauen, dass er Gräben zuschüttet. Das wäre ein wichtiger Schritt nach vorn – ein großer sogar.