Archivierter Artikel vom 17.11.2015, 20:07 Uhr

Psychoanalytiker im Interview: Wie aus Enttäuschung Hass wächst

Die Deutschen, sagt der Psychoanalytiker Werner Dinkelbach, sind ein Volk der enttäuschten Seelen. Die Bindung zu den Eliten von Gesellschaft und Politik hat sich gelöst, diagnostiziert der Geschäftsführer des Instituts für Psychotherapie und Psychoanalyse Rhein-Eifel in Andernach. Schuld daran sind auch die Affären im Fußball und bei VW – bis vor Kurzem identitätsstiftende Institutionen. Die Folgen sind fatal: Teile der Bevölkerung leiden unter Verlustängsten und richten ihre Wut gegen Flüchtlinge. Die Terroranschläge von Paris verstärken diese Reaktion, sagt Dinkelbach im Interview mit unserer Zeitung:

Foto: dpa

Wächst durch die Anschläge in Paris der Fremdenhass in Deutschland?

Ich befürchte ja. Der Fremdenhass ist ja eine affektive Abwehr einer paranoid gefärbten Fremdenangst. Bei dieser Angst gibt es zwei Grundmuster von Reaktionen: Kampf oder Flucht. Letzteres scheidet aus, also kommt es zu Gewalt und Aggression.

Tausende gehen jede Woche gegen Flüchtlinge und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung auf die Straße. Wie erklären Sie sich die Wut und den Hass?

Die Ansammlung von Wut und Hass kommt aus psychologischer Sicht auf zwei Ebenen zustande: die eine ist die Enttäuschung über die da oben. Es gibt eine zunehmende Entidealisierung und damit auch eine Entflechtung. Bindungen von unten nach oben lösen sich. Die Bindung an den Staat löst sich – siehe die Beteiligung an den Landtags- und Kommunalwahlen.

Das heißt, dass der Staat grundsätzlich nicht mehr als Vater Staat und damit als Möglichkeit der Identifizierung und als Halt gebende Instanz angesehen wird. Die zweite Enttäuschung, an der die Menschen leiden, sind der Deutsche Fußballbund und Volkswagen als Ansammlung von Betrügern und zwielichtigen Gestalten. Man darf nicht vergessen, dass Volkswagen zusammen mit dem Fußball tief in der deutschen Seele verankert ist. Wenn man sich die Bilder von 1954 anschaut, dann sieht man die heimkehrenden Weltmeister, die im Volkswagen fahren. Bis zuletzt war Volkswagen eine Halt gebende und stolz machende Instanz, mit der sich die Deutschen identifizieren konnten. Doch heute sind VW und der Fußball eine pure Enttäuschung – einschließlich dem großen „Kaiser“ Franz Beckenbauer.

Haben Fußball und VW wirklich noch eine solche Bedeutung?

Der Fußball hat eine unheimliche Kraft. Man denke nur an die enorme Begeisterung beim Sommermärchen, wo jeder Deutsche angesteckt war. Damals wurde eine deutsche Identität jenseits von Gewalt beschworen. Und es kam das Gefühl auf, dass der Fußball den Deutschen die Chance bietet, dass er stolz sein kann, Deutscher zu sein, was in der deutschen Geschichte immer sehr schwierig war.

Das gekaufte Sommermärchen und die Enttäuschung über die VW-Affäre kommen also zur Flüchtlingskrise noch hinzu?

Werner Dinkelbach
Werner Dinkelbach
Foto: ys

Ja. Die Vertreter des Fußballs und der Politik, die uns das Sommermärchen beschert haben, stellen sich als eine Ansammlung von Betrügern heraus. Gleiches gilt für VW. Die Deutsche Bank als Symbol des deutschen Wohlstands gilt ebenfalls als kriminelle Vereinigung. Die Kirchen als Halt gebende Instanz sind auch diskreditiert – durch den Missbrauchsskandal. Die Menschen fragen sich: Wem können wir noch vertrauen, wenn nicht mehr denen da oben?

Wie lautet die Antwort?

Sie vertrauen nur noch ihren niederen Instinkten und sich selbst. Und dann kommt noch eine Welt voller „Heuschrecken“, wie die Flüchtlinge auf Facebook genannt werden. Diese Welt ist uns fremd, auch wenn sie uns eigentlich menschlich nahesteht. Aber wir empfangen sie erst einmal mit Angst.

Furcht kann sich zwar auch in Neugierde verwandeln. Wenn das Fremde aber Angst auslöst, dann führt dies zu einem Abwehrreflex, der auf dem Affekt des Hasses beruht. Das heißt, dass man das Andere ausgrenzen möchte, weil massive archaische Ängste durch den Wegfall der identitätsstiftenden Instanzen entstehen.

Können Sie das näher erklären?

Der Kern der Fremdenangst und des daraus resultierenden Hasses ist: getötet, beraubt, geplündert und vergewaltigt zu werden. Diese Ängste tauchen von unten nach oben auf, weil nichts mehr sie bändigen kann, und werden auf einen vermeintlichen Täter projiziert. Daraus entsteht folgendes Phänomen: All das, was hinter diesem Hass an Ängsten steht, ist den Syrern real passiert: In Homs, in Aleppo wird man umgebracht, dort wird geplündert und dort werden die Frauen vergewaltigt. Das heißt, dass diese Menschen das erlebt haben, was in der Angstseele der Deutschen nach oben kommt.

Und was passiert, wenn beide aufeinanderstoßen?

Dann gibt es eine Täter-Opfer-Kollision. Das eigentliche Opfer wird zum Täter, weil ich mich selbst als hassender Deutscher, als eigentlicher Täter zum Opfer mache. Der Grundgedanke ist: Die Politik hat uns verkauft, verraten – wir werden zum Opfer. Da wir aber kein Täter werden möchten, machen wir das eigentliche Opfer zum Täter.

Warum wendet sich die Angst der Menschen nach den Anschlägen jetzt so stark gegen Flüchtlinge?

Auf dieser archaischen Ebene, wo es um Leben und Tod geht, differenziert das Hirn nur sehr schwer. Es wird Opfer der Simplifizierung. Die Angst war vorher ja latent schon da. Jetzt erfolgte quasi eine Bestätigung. Man kann nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.

Da man die Menschen zuerst einmal ja nicht kennt, kann jeder von denen in der Fantasie ein versteckter Killer sein. Ohnmacht und Aggression werden in dieser einfachen Projektion abgewehrt, und das Individuum macht sich damit scheinbar handlungsfähig. Die Flüchtlinge sind von daher leider die ideale Zielgruppe. Dagegen kommt die Vernunft nur schwer an. Die Frage ist: Wer schützt die Flüchtlinge vor dem Terror aus unserer Mitte?

Es scheint, dass dieser Mechanismus und die archaischen Instinkten auch beim Judenhass der Nazis und vieler Deutscher zum Tragen kam.

Das stimmt. Denn damit diese archaischen Instinkte in Handlungen umgesetzt werden können und damit sie auch einer Legitimation zugeführt werden können, bedienen sie sich eines ideologischen Konzeptes. Diese archaischen Instinkte kann ich etwa bis heute in den Südstaaten der USA zwischen Schwarzen und Weißen beobachten. Sie toben sich überall dort aus, wo das Fremde mit Angst empfangen wird. Die Angst ist, dass das Fremde stärker und mächtiger sein könnte als das eigene kleine Selbst.

Hinter dieser Angst steckt eine Schwäche der Identität. Diese beruht darauf, dass es keine Halt gebenden Instanzen mehr gibt. Die Politiker sind verlogen, VW und DFB sind diskreditiert. Identität bildet sich aus der Identifizierung mit dem anderen. So könnte Solidarität entstehen. Aber wir erleben eine zunehmende Vereinzelung. Identifizierung findet also auf der Grundlage von Ablehnung etwa auf Facebook statt.

Kanzlerin Angela Merkel war lange Zeit bei vielen Bürgern sehr beliebt, hat Gemeinsamkeit gestiftet. Hat ihre Wende in der Flüchtlingspolitik dies zerstört?

Ja. Interessanterweise wird Angela Merkel „Mutti“ genannt. Es ist nicht mehr Vater Staat. Und jetzt hat uns „Mutti“ verraten, ist die Botschaft in rechten Kreisen. „Mutti“ hat die Schwarzen, die Muslime und ihre Kinder mehr lieb als uns. Und sie holt Konkurrenz ins Land, die uns etwas wegnehmen will.

Das klingt sehr kindlich.

Das ist es auch. Das sind psychologische Mechanismen aus der Kindheit. Wenn schon das Väterliche in Gestalt der DDR im Osten untergegangen ist, gab es wenigstens noch „Mutti“. Doch jetzt holt „Mutti“ – im Jargon der Rechten – „Pack“ und „Dreck“ ins Land.

Aber Fremdenhass ist ja längst nicht nur ein Problem des Ostens.

Als kollektives Phänomen findet Fremdenhass schon vorwiegend im Osten statt. Das hat sich unterschwellig auch im Westen durchgesetzt. Nur sind die Kontrollmechanismen der Menschen im Westen stärker ausgeprägt. Weil die NS-Zeit im Osten nie aufgearbeitet worden ist, ist die Nazi-Ideologie dort bis heute hoffähig.

Dennoch: In Teilen von NRW gibt es einen ausgeprägten Fremdenhass. Welche Rolle spielen denn soziale Gründe und Abstiegsängste?

Sie spielen aus psychologischer Sicht beim Gefühl des Verlassenwerdens auch eine Rolle. Ich fühle mich etwa in Bochum oder Dortmund verlassen, weil niemand dafür gesorgt hat, dass ich einen Arbeitsplatz bekomme. Das Gefühl des Verlassenseins zieht sich von Ost nach West.

Und im Westerwald? Dort ist Pegida ja auch sehr präsent.

Das Gefühl des Verlassenseins ist nicht nur bei der Unterschicht zu beobachten – es durchzieht auch alle Schichten der Gesellschaft. Und wenn ich verlassen wurde, dann fühle ich mich nicht geschützt. Dann muss ich mich zwangsläufig selbst schützen. Und wenn Menschen zu mir kommen, die mir Angst machen, dann muss ich mich vor denen schützen, indem ich sie ablehne.

Menschen haben Angst, dass sie wegen der Flüchtlinge weniger Rente bekommen. Tatsächlich könnten diese aber helfen, dass die Rente sicherer wird. Warum sind Emotionen trotzdem wirkmächtiger als die Vernunft?

Weil der Mensch zuerst einmal ein Gefühlsmensch ist. Es hat mich aber auch gewundert, dass die rationale Erkenntnis nicht greift, dass Zuwanderung in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft notwendig, ja sogar ökonomisch vorteilhaft ist. Das liegt daran, dass die Bindungen verloren gegangen sind. Man traut niemandem mehr. Das überlagert alles. Und in Deutschland finden die Verteilungskämpfe historisch immer von arm zu arm statt. Jeder Fünfte krebst an der Altersarmut herum. Je mehr die Sicherheit und der Wohlstand durch das Land selbst bedroht werden, umso mehr nehmen Verteilungskämpfe zu. Davor hat auch die Mittelschicht Angst.

Versuchen AfD und Pegida dieses Vakuum zu füllen?

Ja. Wenn Menschen kein Ideale mehr haben – Wertvorstellungen oder Institutionen -, dann suchen sie einen gemeinsamen Inhalt und eine Person, die diesen Inhalt repräsentiert. Bei AfD und Pegida ist aber noch nicht die richtige Führerfigur mit dem Charisma da.

Die Gefahr besteht also darin, dass sich eine solche Figur findet?

Ja, dass sich eine Führungsfigur herausbildet, die die enttäuschten, verbitterten und angsterfüllten Menschen unter einer ideologischen Zielsetzung versammelt. Und das macht denen da oben Angst.

Nach 1945 gab es Millionen Flüchtlinge, sogenannte Vertriebene. Warum können sich die denn nicht mit den Flüchtlingen von heute identifizieren, zumal sie die gleichen Erfahrungen gemacht haben?

Weil sie ja in der Situation sind, dass sie sich etwas aufgebaut haben, und jetzt kommen Menschen, die ihnen dies wieder wegnehmen wollen. Und dann verlieren sie das, was sie sich aufgebaut haben, ein zweites Mal. Das verstärkt also ihre Verlustängste.

Was kann Politik denn tun, um in der Flüchtlingskrise eine Verbindung zum Volk wiederherzustellen?

Ich würde zwei Dinge tun: eine Pflicht zum sozialen Jahr einführen und zur allgemeinen Wehrpflicht zurückkehren. Beim verpflichtenden sozialen Jahr würde ich den Schwerpunkt auf Integration legen. Wir wissen von Begegnungen zwischen Juden und Palästinensern in Friedensprojekten außerhalb von Israel, dass die Teilnehmer erkennen, dass der vermeintliche Feind nichts anderes ist als man selbst. Die Wehrpflicht würde ich nicht mit dem Ziel einführen, das Kontingent für Auslandseinsätze sicherzustellen.

Das sollte Zeit- und Berufssoldaten vorbehalten bleiben. Aber: Die Wehrpflicht zieht Jugendliche von der Straße. Und die Bundeswehr stärkt durch ihr Prinzip der Inneren Führung die Bindung der Menschen zum Staat. Der Staat verankert sich wieder bei jungen Menschen, beispielsweise im staatsbürgerlichen Unterricht bei der Bundeswehr, und bietet damit Identifizierung auch auf der Ebene von Staatsgehorsam im Sinn des Grundgesetzes.

Was könnte man denn noch unmittelbarer tun?

Der Abbau von Vorurteilen gelingt am besten über Arbeit. Wenn wir also jetzt Wohnungen oder Häuser für Flüchtlinge bauen oder herrichten, dann sollten wir die Flüchtlinge als künftige Bewohner einbeziehen. Zusammen arbeiten heißt auch, sich gegenseitig einzuladen, zum Couscous oder eben zum Putenbraten. Und man kann zusammen essen und zusammen reden.

Politik möchte gerade ihre Macht zeigen und das Volk beruhigen, indem sie den Flüchtlingsstrom begrenzt. Was halten Sie davon?

Nichts, weil diese Begrenzung nicht möglich ist. Wir haben eine Völkerwanderung. Jeder Klimaforscher prognostiziert, dass in den nächsten 20 Jahren eine Milliarde Menschen auf Wanderschaft ist, weil die Städte in Meeresnähe untergehen werden. Also werden sie weiter kommen. Man kann es den Menschen doch nicht verdenken, dass sie dorthin hingehen möchten, wo sie sich sicher fühlen und wo sie in Wohlstand leben können.

Das Gespräch führte Christian Kunst