Archivierter Artikel vom 19.02.2014, 21:51 Uhr

Proteste in der Ukraine: Kiew steht unter Schock

Ukraine. Der Mann hat eine Schramme im Gesicht, er kauert angekettet an einen Pfosten auf der Bühne des „Euromaidan“ im Provinzstädtchen Luzk. „Auf die Knie“, brüllt die Menge und: „Baschkalenko – in den Knast!“ Aleksandr Baschkalenko ist der Gouverneur von Wolhynien. Auch in dieser ärmlichen Region im Nordwesten der Ukraine ist die Revolution angekommen

Von unserer Osteuropa-Korrespondentin Doris Heimann

Von Angesicht zu Angesicht: Demonstranten haben sich hinter Blech- und Holzbarrikaden verschanzt ...
Von Angesicht zu Angesicht: Demonstranten haben sich hinter Blech- und Holzbarrikaden verschanzt ...
Foto: dpa

Am Morgen nach den blutigen Straßenschlachten in Kiew hatten Regierungsgegner das Gebäude der Gebietsadministration und das Polizeihauptquartier gestürmt. Als der Gouverneur versucht, die wütende Menge zu beruhigen, wird er von dem Mob gepackt. Er soll auf Knien um Verzeihung bitten und sein eigenes Rücktrittsgesuch unterzeichnen. Als Baschkalenko sich weigert, landet er angekettet auf der Bühne.

Szenen der Gewalt spielten sich in vielen Provinzstädten ab. In Lwiw besetzten Regierungsgegner das regionale Innenministerium, die Staatsanwaltschaft, die Zentrale des Geheimdienstes SBU sowie mehrere Polizeiwachen. Dabei kamen sie offenbar auch an Munition.

In Chmelnizki stürmten Demonstranten ebenfalls die Gebietsadministration. Nach Angaben der Partei Udar des Ex-Boxweltmeisters Vitali Klitschko wurde dort ein Demonstrant von einem Geheimdienstmitarbeiter erschossen.

Akten verbrannt

In Ternopol verbrannte eine wütende Menge Akten aus dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft. In Odessa am Schwarzen Meer scheiterte der Versuch, die Gebietsadministration zu besetzen, weil rund 100 Regierungsanhänger mit Baseballschlägern das Gebäude umstellt hatten.

In Kiew beruhigte sich die Lage etwas, blieb aber weiter angespannt. In der Nacht zum Mittwoch hatten „Berkut“-Einsatztruppen versucht, das Zeltlager der Regierungsgegner auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew zu stürmen. Die etwa 20 000 Demonstranten konnten den Platz aber die Nacht hindurch verteidigen.

Bei den Kämpfen waren nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 26 Menschen ums Leben gekommen, davon zehn Polizisten. In den Krankenhäusern der Stadt wurden demnach 263 verletzte Zivilisten und 342 Polizisten behandelt. Die Zahl der Regierungsgegner mit Verletzungen dürfte aber wesentlich höher sein. Viele Demonstranten lassen sich aus Angst vor einer Festnahme nicht in den Krankenhäusern behandeln, sondern in den medizinischen Versorgungspunkten, die die Opposition eingerichtet hat.

Foto: dpa

Auf dem Unabhängigkeitsplatz stehen sich weiterhin „Berkut“-Truppen und Demonstranten gegenüber. Brennende Zelte, Autoreifen und Holzstöße dienen den Regierungsgegnern als Sichtbarriere.

Pflastersteine verschwunden

Auf dem gesamten Maidan fehlen mittlerweile die Pflastersteine – die Demonstranten haben sie im Kampf mit der Polizei verbraucht. Das Gewerkschaftshaus, das der Opposition während der vergangenen zweieinhalb Monate als Zentrale diente, ist ausgebrannt. Die Regierungsgegner haben nun das gegenüberliegende Zentralpostamt in ihre Kontrolle gebracht. Das Notfall-Lazarett, das sich im dritten Stock des Gewerkschaftshauses befand, wurde in das Michailowski-Kloster verlegt. Ukrainische Medien zeigten Bilder von Verletzten, die zwischen Ikonen in der Kirche versorgt wurden. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen will nun Kliniken medizinische Ausrüstung zur Verfügung stellen.

Der Geheimdienst SBU kündigte eine „Anti-Terror-Aktion“ im ganzen Land an. „Radikale und extremistische Gruppierungen stellen mit ihren Handlungen eine reale Gefahr für das Leben von Millionen Ukrainern dar“, hieß es in einer Erklärung.

Die Opposition richtete sich für die Nacht auf eine weitere Offensive gegen den Unabhängigkeitsplatz ein. „Wir bitten alle Kiewer Bürger, die ihre Hauptstadt und ihr Land gegen eine kriminelle Okkupation verteidigen wollen, sich auf dem Maidan zu versammeln, um gemeinsam der Attacke zu widerstehen“, hieß es in einem Aufruf. Trotz Polizeisperren auf den wichtigen Straßen in Richtung Kiew waren mehrere Busse mit Oppositionsanhängern aus dem Westen des Landes in die Hauptstadt gelangt.