Archivierter Artikel vom 12.11.2013, 06:43 Uhr
Manila

Philippinen: Nach dem Taifun bricht das Chaos aus

Eine junge Frau streckt die Arme über den Zaun am Flughafen. Mit Tränen in den Augen fragt sie: „Habt ihr Wasser?“ Ihre Stimme ist rau. Hinter ihr wird geschubst und gestoßen. Die Überlebenden des Taifuns „Haiyan“ auf den Philippinen warten seit Tagen auf Hilfe.

Bilder eines außer Kontrolle geratenen Landes: In Tacloban, das von dem Taifun besonders hart betroffen ist, plündern hungrige Überlebende des gewaltigen Wirbelsturms ein Geschäft. Der Regierung gelingt es bislang nicht, Hilfsgüter in die Notgebiete zu transportieren.
Bilder eines außer Kontrolle geratenen Landes: In Tacloban, das von dem Taifun besonders hart betroffen ist, plündern hungrige Überlebende des gewaltigen Wirbelsturms ein Geschäft. Der Regierung gelingt es bislang nicht, Hilfsgüter in die Notgebiete zu transportieren.
Foto: DPA

Trauer, Verzweiflung und Ohnmacht der Opfer schlagen langsam in Wut und Frust um. „Wir haben nichts, hier kommt nichts an“, sagt Gilda Malinao aus Tacloban. Der Taifun hat ihre Heimatstadt dem Erdboden gleichgemacht.

„Bitte, bitte schickt uns Hilfe, bitte helft uns“, fleht sie. Hunderttausende in der Katastrophenprovinz Leyte teilen ihr Schicksal. Sie haben Freunde und Familie verloren, viele werden vermisst. Es sind Bilder von unvorstellbarer Zerstörung. Was einst Stadt war, ist nun Trümmerfeld. Von den Häusern und Hütten ist nichts übrig geblieben. Zeugen berichten von starkem Verwesungsgeruch. Der Ausbruch von Seuchen bedroht die Überlebenden.

Hungrige plündern Geschäfte

Die Regierung der Philippinen schafft es auch am dritten Tag nach der Katastrophe kaum, Hilfsgüter in alle zerstörten Regionen zu bringen. Hungrige Überlebende plünderten Läden, um an Lebensmittel, Wasser oder Medikamente zu gelangen. Es wird befürchtet, dass die Lage außer Kontrolle gerät, wenn nicht bald Hilfe eintrifft. Präsident Benigno Aquino versicherte den Menschen, dass Unterstützung unterwegs ist.

Zerstörte Straßen, Flughäfen und vor allem unterbrochene Kommunikationsverbindungen erschweren den Helfern die Arbeit. Auch die Koordination mit den Behörden vor Ort ist schwierig. „Die Verwaltung vor Ort ist zusammengebrochen“, beklagte Aquino. Diese müsse zuerst reagieren, die Helfer seien auf sie angewiesen.

„Zu viele von ihnen waren ebenfalls betroffen und sind nicht mehr zur Arbeit erschienen.“ Die Zentralregierung werde nun übernehmen. Militär und Polizei werden entsandt, um weitere Plünderungen zu verhindern. Auch kritisierte der Präsident, dass manche Provinzen die Gefahr auf die leichte Schulter genommen hätten. Die Gouverneurin der Provinz Samar, Sharee Ann Tan, wies dies zurück. Man sei vorbereitet gewesen, aber „Haiyan“ habe eben alles weggeschwemmt.

Auch Energieminister Jericho Patilla sagt: „Man kann niemals genug auf einen Sturm mit 300 Kilometern in der Stunde vorbereitet sein. Das ist einfach zu groß.“

Zehn Millionen betroffen?

Ein Hubschrauber hat die Opfer erreicht. Er bringt Hilfsgüter und rettet Menschen aus dem Katastrophengebiet. An Bord sind Alte, Kranke, Frauen und Kinder.

Eine Mutter drückt ihr krankes Baby an sich. Angst spiegelt sich in seinen Augen. Der Mutter rinnen Tränen übers Gesicht. Die UN-Hilfswerke schätzen, dass zehn Millionen Menschen von dem Sturm betroffen sind. Einige fanden Zuflucht in einer katholischen Kirche in Tacloban. Andere versuchen, die Stadt zu verlassen. Doch auf dem Flughafen der 220 000-Einwohner-Stadt herrscht Chaos. Der Airport dient als Kommandozentrum für das philippinische Militär und als Leichenhalle.

Inmitten der Trümmer haben Helfer in der Nähe auch eine provisorische Krankenstation errichtet: Verletzte weinen vor Schmerz. Weil es am Notwendigsten fehlt, müssen viele ohne Betäubung und Antibiotika behandelt werden. Die Medien überschlagen sich mit Berichten über Emily Ortega Sagales, die inmitten des vom Sturm verwüsteten Flughafens eine Tochter zur Welt brachte. Die Anwesenden applaudieren, Sanitäter der Armee hatten der 21-jährigen Mutter assistiert.

Dass es Bea Joy gut geht, grenzt an ein Wunder: Als der Sturm die Stadt traf, musste Mutter Emily durch die Fluten schwimmen und sich irgendwo festklammern, bis sie in Sicherheit gebracht wurde. Umso treffender ist der Name des Babys: Joy heißt auf Englisch Freude.

Girlie Linao/John Grafilo/ Nicola Glass