Archivierter Artikel vom 29.03.2010, 11:09 Uhr
Berlin

Pflegekräfte brauchen für ihre Patienten Geduld und Freundlichkeit

Es ist kurz nach 6 Uhr morgens, Uwe Thiele ist auf dem Weg zu seinem ersten Patienten in einer Seniorenwohnanlage im Berliner Bezirk Wedding. Am Kiosk kauft der Hauspfleger für Herrn J. die Zeitung und wird sie neben die Frühstücksstulle legen, die er ihm schmiert. Mittags geht er ein zweites Mal hin, dann ist Herr J. aufgestanden und wird Thiele vor die Frage stellen, ob er sich waschen lässt.

Pflegekräfte brauchen für ihre Patienten Geduld und Freundlichkeit
Helfende Hände werden nicht üppig entlohnt.
Foto: dpa

Das Waschen rechnen die Sozialstationen als Grundpflege ab - den täglichen Kampf darum kann Thiele nirgendwo abrechnen. Da sind Geduld und Freundlichkeit gefragt, denn Herr J. ist ein schwieriger Patient. Thiele hat viele solcher Patienten. Seit 18 Jahren arbeitet er als Hauspfleger bei der Sozialstation Biedermann in Wedding, und weil der 50-Jährige, der gerade noch einmal Vater geworden ist, körperlich und psychisch belastbar ist, versorgt er viele schwierige Fälle.

Es sind vor allem alleinstehende Männer, die der Alkohol kaputtgemacht hat. Männer um die 50 sind dabei, die kaum noch denken und nicht mehr laufen können. „Wir haben immer mehr von dieser Klientel“, sagt Thiele. „Natürlich muss eine Gesellschaft darüber reden, wie das finanziert werden soll.“ Aber nicht so, wie FDP-Chef Guido Westerwelle das vor Kurzem vorgeführt habe, meint er.

Er selbst, meint Thiele, habe von Westerwelle und dessen „Leistungsgerechtigkeit“ ohnehin nichts zu erwarten: Die FDP sei gegen Mindestlöhne. Thiele hingegen hält 9,50 Euro in der Stunde für angemessen „bei der Verantwortung, die wir haben“. Er selbst verdient einen Grundlohn von 8,50 Euro in der Stunde - das ist exakt der Mindestlohn, der vermutlich ab 1. Juli im Westen Deutschlands für Pflegekräfte gezahlt wird (siehe Kasten). Diesen Lohn kann er durch Zuschläge für Mehrleistungen aufbessern. Im Umland Berlins sind die Stundenlöhne niedriger, Zuschläge gebe es in der Regel nicht, sagt Michael Biedermann, Thieles Chef.

Thieles Arbeit umfasst alles, was in der ambulanten Pflege jenseits der medizinischen Pflegeleistungen notwendig ist. Er wäscht die Patienten, fragt sie, wie es ihnen geht, muntert sie auf und zieht sie um. Er kauft ein, putzt und macht die Wäsche. Er lässt sich anschreien, wenn einer einen schlechten Tag hat. Er macht Termine bei Friseur und Fußpflege. Er hält Kontakt zu den gesetzlichen Betreuern der Patienten, und er verwaltet das Haushaltsgeld. Er weiß, was das Duschgel für Herrn J. kosten darf und welche Buletten Herr P. mag.

Heute hilft Thiele Herrn P. beim Waschen und cremt ihm die trockene Haut an den Füßen ein. Er redet mit dem Mann, der wieder in seinen Sessel zurückgesunken ist, über den Platz in der Tagesstätte. Herr P. war einmal zur Probe da und erinnert sich, dass man dort Karten spielen kann. Ansonsten zeigt er keine Regung. Thiele macht den Abwasch und räumt den Einkauf ein, den er mitgebracht hat. Herr P. sitzt im Sessel und sagt: „Ich habe kein Vertrauen mehr zu Menschen.“

Der 63-jährige Mann ist völlig vereinsamt. Neulich hat es geklingelt, da ist er nicht zur Wohnungstür, sondern zur Balkontür gegangen. Aber da war niemand. Das hat er Thiele dann erzählt. Herr P. hat dunkles Haar und lange Koteletten. Thiele findet, es könnte mal wieder geschnitten werden. Herrn P. ist das egal. Aber er fährt sich über den Kopf und stimmt zu. „Ich rufe Sie heute Mittag noch mal an“, verspricht Thiele. Auf den Abrechnungsbögen heißt das „soziale Betreuung“.

Thiele will den Job noch bis zur Rente schaffen. Er lastet die geringe Bezahlung nicht seinem Arbeitgeber an, sondern den Bedingungen in der ambulanten Pflege. Ihm hilft, dass er seine Arbeit mag. Er ist gelernter Kaufmann, doch er wusste schon früh, dass er „was mit Fürsorge“ machen wollte. Heute früh, noch vor Dienstbeginn, war er schnell bei Henry, einem Trinker, der in einer Schrebergartenhütte wohnt. „Ich hatte ihn drei Tage nicht gesehen und hab' mir Sorgen gemacht.“ Henry ging es gut, Thiele war zufrieden. „Aber abrechnen kann man das nirgendwo“, sagt er.