Archivierter Artikel vom 05.05.2014, 06:00 Uhr

NSU: Puzzle aus Tausenden Teilen

Am 80. Verhandlungstag passierte im NSU-Prozess etwas Neues, Ungewöhnliches: Beate Zschäpes Stimme war zu hören. Es war das erste Mal überhaupt, dass die 39-Jährige auf eine Frage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl direkt antwortete. Der wollte wissen, ob sie noch fit sei. „Sie haben zeitweise die Augen geschlossen.“ Auf der Pressetribüne war dann zu hören, dass Zschäpe sprach – nur nicht was. Ihr Mikrofon war ausgeschaltet.

Mehr als 100 Verhandlungstage, und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Angeklagten im NSU-Prozess: Beate Zschäpe, der NPD-Funktionär Wohlleben (oben links), Holger G. (unten links), Carsten S. (oben rechts) und Andre E. (unten rechts).  Fotos: Peter Kneffel/Tobias Hase/Marc Müller/Andreas Gebert/dpa
Mehr als 100 Verhandlungstage, und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Angeklagten im NSU-Prozess: Beate Zschäpe, der NPD-Funktionär Wohlleben (oben links), Holger G. (unten links), Carsten S. (oben rechts) und Andre E. (unten rechts). Fotos: Peter Kneffel/Tobias Hase/Marc Müller/Andreas Gebert/dpa

Ansonsten aber schweigt Zschäpe. Auch nach einem Jahr Prozessdauer, auch nach inzwischen 109 Verhandlungstagen. Am 6. Mai 2013 hatte der Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht begonnen. 246 Zeugen und Sachverständige wurden bereits befragt. Ein Ende ist nicht absehbar.

Weil Zschäpe nicht redet, muss das Gericht in mühevoller Kleinarbeit versuchen, ein Puzzle mit Tausenden Teilen zusammenzusetzen. Wusste Zschäpe von den Morden und Anschlägen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)? War sie im juristischen Sinne tatsächlich Mittäterin, wie es ihr die Bundesanwaltschaft vorwirft, etwa weil sie für die jahrelang funktionierende Tarnung sorgte?

Mittäterin = Mörderin?

Dann könnte sie als Mörderin bestraft werden – auch wenn es ihre Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gewesen sein sollen, die zwischen 2000 und 2007 neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft und eine deutsche Polizistin erschossen haben.

Fest steht: Im Brandschutt der letzten gemeinsamen Wohnung in Zwickau lagen zwölf Waffen und Munition – darunter jene „Ceska“, mit der neun der zehn Menschen ermordet wurden. Böhnhardt und Mundlos sind tot – sie brachten sich im November 2011 selbst um, um der Festnahme zu entgehen.

Nun muss sich Zschäpe als einzige Überlebende für sämtliche NSU-Taten verantworten – mit vier Mitangeklagten: dem Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben, André E., Holger G. und Carsten S., denen Beihilfe zum Mord oder die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen werden.

Gleichberechtiges Bandenmitglied

An jedem Verhandlungstag, Stunde um Stunde, Zeuge um Zeuge, setzt das Gericht weitere Puzzleteile zusammen. Eines der zentralen Argumente der Anklage lautet: Zschäpe soll nicht nur die Urlaubskasse, sie soll das gesamte Geld des Trios, die Beute aus vielen Banküberfällen, verwaltet haben. Sie sei also gleichberechtigtes Mitglied gewesen.

In einem Fall ist die Täterschaft Zschäpes ziemlich unbestritten: Sie hat, daran gibt es keine ernsthaften Zweifel, im November 2011 die letzte gemeinsame Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße in Brand gesteckt. Aber hat Zschäpe noch an der Wohnungstür der alten Nachbarin geklingelt? Oder nahm sie bewusst und billigend deren Tod in Kauf – und den zweier Handwerker.

All diese Fragen, all diese kleinen Details, all diese Mosaiksteine werden entscheidend sein, wenn das Urteil gesprochen wird, vermutlich irgendwann im kommenden Jahr. Für die Familien der Opfer ist die Frage, wann das Urteil kommt oder auch wie es ausfällt, am Ende aber vielleicht gar nicht so wichtig. Sie haben schon so lange gewartet. Darauf, dass ihnen jemand zuhört – und dass ihnen jemand glaubt. Dass sie nicht mehr – wie über so viele Jahre hinweg – selbst Verdächtigungen ausgesetzt werden.

„Ich bin Ismail Yozgat, der Vater des 21-jährigen Halit Yozgat, des Märtyrers, der am 6. April 2006 durch zwei Schüsse erschossen wurde und in meinen Armen gestorben ist“, ruft der Vater des Kasseler Mordopfers am 1. Oktober 2013 in den Gerichtssaal. Es ist einer der Momente des Prozesses, die lange in Erinnerung bleiben.

Ob Behörden-Versagen aufgearbeitet werden kann, ist fraglich

Das zweite große Anliegen, das der NSU-Prozess versuchen muss zu befriedigen: der Wunsch der Nebenkläger nach weiterer Aufarbeitung von Hintergründen der Verbrechensserie und des Versagens der Behörden. Auch wenn es in einem Strafprozess streng genommen nur um eines geht: Schuld oder Unschuld der Angeklagten.

Zschäpe schweigt derweil weiter – und wird dies wohl auch künftig tun. Trotz des Appells der Mutter des toten Halit Yozgat: „Ich bitte Sie um Aufklärung“, sagte Ayze Yozgat im Oktober, direkt an Zschäpe gewandt. „Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen. Denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann.“