Archivierter Artikel vom 21.12.2012, 06:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Nahrungsnot: Hungrige Wildschweine verlieren ihre Scheu

Wildschweine verwüsten Gärten und Weinberge, jagen Spaziergängern Angst und Schrecken ein, rasen über Bahnsteige und Straßen oder sogar in eine Sektkellerei: In diesem Jahr häufen sich die Meldungen von Wildschweinschäden und Wildschweinunfällen.

Im Gespräch erklärt Erhard Bäder, Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Rheinland-Pfalz, woran das liegt und was es mit dem Klimawandel zu tun hat.

Trügen die Meldungen, oder gibt es in diesem Jahr tatsächlich mehr Wildschweine?

Das ist tatsächlich so. Vor drei, vier Jahren hatten wir schon mal einen hohen Schwarzwildbestand. Das wiederholt sich alle paar Jahre. Es liegt unter anderem daran, dass durch die Klimaerwärmung die Fruktifikation in den Wäldern (Anm. d. Red.: Fruchtbildung) wesentlich häufiger stattfindet als noch vor 20 Jahren. Dann liegen Hunderttausende Tonnen Bucheckern und Eicheln auf dem Waldboden. Das ist ein hervorragendes Nahrungsangebot für Wildschweine. Das hatten wir im Winter 2011/12 in ganz Rheinland- Pfalz. Gut konditioniert sind Wildschweine in das Jahr 2012 gegangen. Dann erhöhen sie die Reproduktionsrate bis auf 100 und noch mehr Prozent. Statt drei bis vier Junge kommen sieben bis acht zur Welt.

Das heißt, Wildschweine passen sich sehr schnell den Gegebenheiten an?

In der Biologie scheint bei den Wildschweinen einiges durcheinandergeraten zu sein. Normalerweise frischen sie im Februar, März. Es gibt inzwischen immer mehr Frischlinge, also Wildschweine unter einem Jahr, die bereits Nachwuchs bekommen und zur Unzeit frischen: bis in den Oktober oder November hinein. Ob die Jungtiere den Winter überstehen, ist allerdings fraglich.

Warum gehen die Sauen jetzt sogar in die Hausgärten? Das hat damit zu tun, dass das Nahrungsangebot im Wald jetzt gering ist. Wenn die Sauen satt werden wollen, müssen sie sehr mobil sein und weitere Strecken zurücklegen. Sie gehen aus dem Wald ins Feld, halten nach frisch eingesätem Getreide und anderem Fressbaren Ausschau. Sie überwinden ihre Scheu, gehen in Vorgärten, überqueren Straßen. Vergangenes Jahr hatten sie im Wald genug Nahrung und kamen kaum heraus.

Kann man die Wildschweinpopulation in Rheinland-Pfalz beziffern?

Es gibt keine wissenschaftlich anerkannte Methode dazu. Rehe und Hasen kann man zählen, Wildschweine nicht. Sauen können in einer Nacht zehn Kilometer und mehr laufen. Das macht es schwer, sie zu zählen. Schwarzwild ist sehr lernfähig und ein schlaues Wild. Das Reh ist im Vergleich regelrecht dumm. Normalerweise sagt man ja „du dumme Sau“, aber das stimmt nicht.

Inwieweit sind Sauen schlau?

Wildschweine lernen sehr schnell, wo sie Futter finden. Wenn man in der Nähe einer Lockfütterungsstelle einen Hochsitz baut und einmal aus einer Rotte ein Tier herausschießt, dann wird man die Sauen drei, vier Wochen lang nicht mehr sehen. Sie werden diesen Bereich meiden oder großräumig umkreisen, um festzustellen, ob es nach Jäger riecht. Das erlebt man beim Rehwild nie.

Rheinland-Pfalz ist eines der waldreichsten Bundesländer – ein Paradies für Tiere?

1990 gab es die Frühjahrsstürme „Vivien“ und „Wiebke“. Fast die Hälfte des rheinland-pfälzischen Nadelholzbestandes fiel den Stürmen zum Opfer. Auf all diesen riesigen Flächen sind inzwischen hervorragende Dickungen entstanden. Außerdem hat die Landesforst vom Monokulturbau zum naturgemäßen Waldbau umgestellt. Das heißt, man pflanzt Mischwaldungen oder überlässt die Flächen der natürlichen Verjüngung. Das kommt dem Wild ungeheuer entgegen: Es hat Deckung und wird satt.

Einen Wandel im Anbau gibt es auch in der Landwirtschaft.

Ja, die Landwirte bauen heute 40- bis 50-mal mehr Mais an als in den 60er-Jahren. Das Schwarzwild liebt Mais – ebenso wie Weizen. Landwirte bauen natürlich die Arten an, die im Moment besonders lukrativ sind. Mais wird ja inzwischen auch als nachwachsender Rohstoff für Biogasanlagen verwendet. Egal, wo die Wildschweine im Moment sind, sie finden überall ideale Voraussetzungen – nur nicht im Wald.

Wie sieht es mit den Abschussquoten beim Wildschwein aus?

Da gibt es, anders als beim Rehoder Rotwild, große Schwankungen, in der Tendenz erlegen wir aber mehr Tiere. Die größte Strecke hatten wir 2008/09: 80 175 Tiere wurden geschossen. Im Jagdjahr danach waren es nur 40 000 Wildschweine. Im laufenden Jagdjahr werden wir schätzungsweise auf eine Strecke von 70 000 kommen. Das entspricht fast einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr!

2010 gab es einen etwas skurrilen Vorschlag des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd: Er bat um militärische Hilfe gegen die Wildschweine, weil sie Äcker und Felder verwüsteten. Die Bundeswehr sollte her!

Dieser Vorschlag kommt immer wieder, dafür habe ich kein Verständnis. Wir wollen keinen Krieg gegen Wildtiere führen, sondern sie jagen. Im Kreis Neuwied forderte jetzt jemand, Nachtzielgeräte und Schnellfeuergewehre einzusetzen. Die Kriegstermini, die dabei verwendet werden, machen mir große Sorgen. Wir jagen tierschutzgerecht auf Lebewesen und führen keinen Vernichtungsfeldzug.

Welche natürlichen Feinde hat ein Wildschwein überhaupt?

Gar keine – außer eventuell aufflackernde Tierseuchen und natürlich dem Jäger.

Wie reagiert man denn am besten, wenn einem ein Wildschwein beim Spaziergang oder Joggen im Wald begegnet?

Am besten genießt man den Anblick, denn Wildschweine sind ein sehr uriges Wild. Wenn sie durch den Wald stöbern, ist das ein außergewöhnliches Bild, das man so schnell nicht vergisst. In 99,9 Prozent der Fälle sind sie nicht gefährlich. Wildschweine nehmen in der Regel Reißaus vor Menschen – es sei denn, das Tier ist verletzt oder man ist in der Nähe von Frischlingen. Dann kann die Bache angriffslustig werden.

Das Gespräch führte Birgit Pielen