Archivierter Artikel vom 18.08.2015, 16:01 Uhr

Nach mutmaßlichem Brandanschlag: Nazi-Gegner wollen bleiben

„Wir gehen hier nicht weg.“ Birgit und Horst Lohmeyer wollen auch nach dem Brandanschlag auf ihrem Anwesen bleiben. Die Lohmeyers leben in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern namens Jamel, das seit Jahren fragwürdigen Ruhm genießt. Unter Neonazis wird es als sogenannte „national befreite Zone“ bejubelt, sozusagen als rechtsfreier Raum, wo Rechtsradikale unter sich sind und nach ihren eigenen Regeln leben. Nur die Lohmeyers „stören“ die Neonazi-Idylle.

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Birgit und Horst Lohmeyer wollen ihr Forsthaus in Jamel nicht aufgeben. Die gegenüberliegende Scheune brannte nach einem Brandanschlag nieder. Der Ort gilt als Hochburg der Neonazis.

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Birgit und Horst Lohmeyer wollen ihr Forsthaus in Jamel nicht aufgeben. Die gegenüberliegende Scheune brannte nach einem Brandanschlag nieder. Der Ort gilt als Hochburg der Neonazis.

Rena Lehmann

Birgit und Horst Lohmeyer wollen ihr Forsthaus in Jamel nicht aufgeben. Die gegenüberliegende Scheune brannte nach einem Brandanschlag nieder. Der Ort gilt als Hochburg der Neonazis.

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Als das Paar vor elf Jahren in das alte Forsthaus zog, suchten beide nur einen ruhigen Platz zum Leben. Stattdessen leben sie heute ein Leben im ständigen Widerstand gegen Rechts. Wir sprachen mit Birgit Lohmeyer über die Folgen des Brandanschlags. Das Interview:

Was ging Ihnen in den vergangenen Tagen durch den Kopf?

Wir haben gerade nicht wirklich Zeit, uns etwas durch den Kopf gehen zu lassen, außer Absprachen, Aufräumarbeiten, das Festival, die Sicherheitsbehörden... Wir werden oft gefragt, wie es uns jetzt geht und wissen es selbst gar nicht, weil wir uns ein wenig mit der Arbeit betäuben. Dieser Schock, dieser Mordanschlag auf uns, das ist aber schon etwas, was uns sehr getroffen hat.

Sehen Sie es als Mordanschlag?

Natürlich. Wir gehen einfach davon aus, dass es Ortskundige waren, die das Feuer gelegt haben und dass sie genau wussten, wie nah das Wohnhaus an der Scheune gelegen ist. Es sind nur sechs Meter Abstand. Wir hatten wahnsinniges Glück, dass unser Haus nicht in Brand geriet. Wir hatten auch Feriengäste in der Ferienwohnung, eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Es waren also sechs Menschenleben in Gefahr.

Was haben sie gemacht, als sie die Flammen sahen?

Unser Urlauber hat meinen Mann auf das Feuer aufmerksam gemacht, er rief sofort die Feuerwehr. Ich schlief schon und bin schließlich durch das Knacken des Feuers und die seltsamen Geräusche aufgewacht. Ich bin dann wie in Trance aufgesprungen, hab mir was angezogen, bin runter. Es ging erstmal darum, die Urlauberfamilie zu schützen. Dann haben wir versucht, wichtige Papiere in Sicherheit zu bringen. Ich habe mein Laptop geschnappt und eine Kamera, all das, was man meint, dann in Sicherheit bringen zu müssen. Dann haben wir auf die Feuerwehr gewartet.

Das Dorf besteht nur aus ein paar Häusern. Kamen Ihre Nachbarn zu Hilfe?

Es war eine völlig bizarre Situation. Als die Löscharbeiten begannen, schauten wir vorn an der Einfahrt ins Dorf: Nicht eine einzige Lampe brannte in einem der Häuser. Sämtliche Nachbarn haben sich totgestellt und haben weder in der Brandnacht noch bis heute mit uns den Kontakt gesucht. Das war bei den Nazis auch nicht zu erwarten, aber es gibt auch noch zwei, drei andere Familien im Dorf.

Bisher wird in alle Richtungen ermittelt, ein rechtsextremistischer Hintergrund der Tat scheint naheliegend. Haben Sie eine Vermutung, wer das getan haben könnte?

Es ist natürlich sehr wahrscheinlich, dass es einen politischen Hintergrund hat. Ob es tatsächlich jemand aus der Szene im Dorf war, können wir nicht beurteilen. Da möchten wir auch keine Vorverurteilungen treffen.

Können Sie jetzt noch ruhig schlafen?

Wir haben zurzeit Polizeischutz, das ermöglicht uns schon unsere Nachtruhe. Aber wir müssen schauen, wie lange das von den Sicherheitsbehörden noch aufrecht erhalten wird.

Wie weit kann Engagement gehen, wenn das eigene Leben in Gefahr gerät?

Für uns war schon in der Brandnacht ganz schnell klar, dass wir unser jährliches Musikfestival nicht ausfallen lassen, nach dem Motto „Jetzt erst recht“. Der Anschlag ist ein Grund mehr, es stattfinden zu lassen. Außerdem steht für uns fest, dass wir uns hier nicht vertreiben lassen. Wir hoffen, dass wir von Verwaltung, Behörden, Politik dafür auch weitere Unterstützung bekommen. Wir sehen uns auch in der Verantwortung gegenüber den Menschen, die uns jetzt Hunderte von Solidaritätsbekundungen geschickt haben. Da fühlen wir uns auch moralisch in der Pflicht, hier zu bleiben.

Sie wollten nur zurückgezogen leben. Jetzt leben Sie ein Leben in der Öffentlichkeit und im ständigen Protest gegen Rechts. Warum tun Sie das?

Das ist eine Frage, die Horst und ich glaube ich beide mit unserem gesellschaftlichen Ansprüchen und unserem Gewissen beantwortet haben. Wir schätzen unsere Gesellschaftsform und finden, dass wir nicht nur für uns selbst verantwortlich sind, sondern auch Verantwortung haben, dass hier auf deutschem Boden nicht irgendwann die dritte deutsche Diktatur errichtet wird. Da wir spüren, dass gerade hier bei uns in der Region der Protest gegen Neonazis relativ verhalten ist, ist man einfach herausgefordert, laut zu werden und Stellung zu beziehen.

Wie erklären Sie, dass es mitten in Deutschland ein Nazi-Dorf wie Jamel geben kann?

Das ist natürlich die Kehrseite unserer wunderbaren, pluralistischen Gesellschaft, die wir sehr schätzen und nicht abschaffen wollen. Aber wenn Häuser auf dem freien Immobilienmarkt die Besitzer wechseln, wenn Leute wegziehen und sie in vollem Bewusstsein an bekannte Neonazis verkaufen, kann der Staat da nicht gegensteuern. Wenn Bürger es billigend in Kauf nehmen, dass hier ein Nazi-Dorf entsteht, dann ist das die Verantwortung dieser einzelnen Menschen.

Sie leben jetzt seit mehr als zehn Jahren in Jamel, wie gut kennen Sie die Bewohner? Wie würden Sie sie beschreiben?

Wir kennen hier keinen Bewohner gut. Wir kennen nicht einmal die Namen von vielen, die nach uns hierher gezogen sind. Die Nazi-Familien haben sich uns ja nie vorgestellt, wir kennen sie nur vom Sehen. Es sind keine Menschen mit Bildung, eher einfache Leute, so ist mein Eindruck.

Kommt man ins Gespräch? Kann man überzeugte Neo-Nazis überzeugen?

Also überzeugte Neonazis nicht mehr. Da ist jedes Wort zu viel und vergebene Liebesmüh. Was besonders schlimm ist: Wir haben hier indoktrinierte Kinder aller Altersstufen im Dorf. Dass sich da nicht die Jugendämter einschalten und die Kinder in Schutz nehmen, kann ich nicht nachvollziehen.

Erfahren Sie vor Ort Unterstützung von Politik und Zivilgesellschaft?

Wenn wir unser ehrenamtliches Festival veranstalten, kommen natürlich schon manche Lokalpolitiker dazu. Aber es gibt keine Strategien: Weder auf der Ebene des Landkreises, noch des Bundeslandes, noch des Bundes. Es gibt niemanden, der sich gezielt Gedanken macht, wie man diese NPD-Strategie, gezielt Dörfer zu besetzen, durchbrechen kann. Anscheinend nimmt man das Problem immer noch nicht besonders ernst. Was hier in Jamel passiert, passiert in anderen kleinen Dörfern der Bundesrepublik ja auch. Gezielten Zuzug von Nazis gibt es auch anderswo. Sie kaufen leerstehende Häuser auf und nehmen so nach und nach ein Dorf in Besitz. Und wenn Politik und Verwaltung nicht endlich begreifen, dass wir dagegen etwas tun müssen, dann haben wir wirklich bald in der Fläche eine organisierte Nazi-Szene.

Haben Sie den Eindruck, dass die aktuelle Debatte um Flüchtlinge die Stimmung aufheizt?

Natürlich. Angefangen hat es mit dieser unsäglichen Pegida-Bewegung. Da sind sozusagen völlig die Hemmungen verschwunden, nicht nur verbal, sondern auch tätlich gegen Menschen vorzugehen, die nicht die richtige politische Einstellung haben oder von denen man sich bedroht fühlt. Da bricht sich der Hass Bahn. Und natürlich springen jetzt die Neonazis auf das Thema Flüchtlinge. Denen schwimmen ja auch die Felle weg. Sie haben Nachwuchssorgen, und ihnen droht ein Parteiverbot.

Können Sie die Scheune wieder aufbauen?

Das werden wir nicht schaffen und nicht wollen. Sie hatte 240 Quadratmeter, wir haben nur einen kleinen Teil als Abstellraum genutzt. Was seltsam ist: Wir hatten Anfang des Jahres beim Landkreis einen Antrag eingereicht, eine Kulturscheune Jamel einzurichten, also eine Art Kulturzentrum für Veranstaltungen darin zu schaffen. Vielleicht wollte auch jemand mit dieser Brandstiftung verhindern, dass hier noch mehr Öffentlichkeit ins Dorf kommt.

Sie feiern Ende August ein Musikfestival in Jamel. Können Sie denn noch vor die Sicherheit der Besucher garantieren?

Auf jeden Fall. Wir haben ja schon seit Jahren einen sehr guten Sicherheits-Service. Wir sprechen aber jetzt mit der Polizei, ob noch zusätzliche Maßnahmen notwendig sein werden.

Das Gespräch führte Rena Lehmann

Das Musik-Festival in Jamel gegen Rechts ist in diesem Jahr vom 28. bis 29. August und soll trotz des Brandanschlages stattfinden. Mehr Infos zum „Forst Rock für eine bunte Welt“ auf www.forstrock.de. Auf der Seite befindet sich auch ein Hinweis für ein Spendenkonto.

Unsere Autorin hatte vor drei Jahren eine Reportage über die Lohmeyers veröffentlicht: Lohmeyers leben im Widerstand – Allein unter Rechtsradikalen