Archivierter Artikel vom 17.12.2012, 14:33 Uhr
Newtown

Nach Amoklauf: Newtown sucht verzweifelt Halt

Wie soll man das verstehen? Jaden, Kate und Claire reden und reden, aber sie verstehen es nicht, es hat keinen Zweck. Dass ein Junge aus ihrer Mitte 20 Erstklässler tötet, ausgerechnet hier, in Newtown, wo sie weder ihre Haustüren abschließen noch ihre Autos verriegeln, weil es sich in Newtown so sicher lebt wie in Abrahams Schoß. „So surreal“, sagt Jaden Albrecht, eine 13-Jährige mit Zahnspange, die sich seit Freitag die Augen rot geweint hat. „Als würde ein Horrorfilm auf einmal Wirklichkeit.“

Wie in einem Horrorfilm: In der US-Kleinstadt ringen die Menschen um Fassung und versuchen verzweifelt, das Geschehene zu verarbeiten.
Wie in einem Horrorfilm: In der US-Kleinstadt ringen die Menschen um Fassung und versuchen verzweifelt, das Geschehene zu verarbeiten.

Schock ist ein zu mildes Wort, um zu beschreiben, wie Newtown sich fühlt, eine Kleinstadt mit 27 000 Einwohnern, malerisch zwischen bewaldeten Hügeln gelegen. Eigentlich keine Stadt, sondern eine Ansammlung stiller Dörfer und schmucker Eigenheimsiedlungen, die man unterm Verwaltungsdach einer Großgemeinde zusammengefasst hat. Sandy Hook ist so ein Dorf, vielleicht das schönste in Newtown. Ein glasklarer Gebirgsbach, verwitterte Steinbrücken, mittendrin ein American Diner, ein chromblitzender Imbiss, in dem man 50er-Jahre-Filme drehen könnte. Nun aber steht Wolf Blitzer von CNN in grellem Scheinwerferlicht vor dem Diner, nun parken die Übertragungswagen die Hauptstraße zu.

Trotzig gegen die Trauer

Vor einem Spielzeugladen steht ein trotziger Kreidespruch auf einer Tafel: „Unsere Herzen sind gebrochen, doch im Geist sind wir stark.“ Die größte Kirche, St. Rose of Lima, ein katholisches Gotteshaus, schließt ihre Pforten nicht mehr, damit die Bürger zu jeder Tag- und Nachtzeit dort beten können. Oder einfach nur sitzen und ihren Gedanken nachhängen.

Den Ort des Grauens, den Flachbau der Sandy Hook Elementary School, hat die Polizei weiträumig abgesperrt, mit roten Plastikbändern, auf denen das Wort „Danger“ steht, „Gefahr“. Und auf einem Sportplatz tritt ein beleibter State Trooper mit breitkrempigem Hut alle zwei, drei Stunden hinter einen Wald aus Mikrofonen, um die neuesten Ermittlungsergebnisse zu verkünden. Paul Vance setzt Puzzlestücke zusammen, manchmal auch korrigierend, was zu früh und falsch oder halbwahr vermeldet wurde. Langsam ergibt sich ein genaueres Bild.

Demnach fuhr Adam Lanza, der 20-jährige Amokschütze, am Freitag noch verwechselt mit seinem Buchhalter-Bruder Ryan, mit vier Waffen zur Sandy Hook School, zwei Pistolen und zwei halbautomatischen Gewehren, von denen er eines im Kofferraum ließ. Den Weg in die Schule hat er sich gewaltsam gebahnt, indem er eine Scheibe zerschoss, niemand ließ ihn freiwillig durch die Sicherheitsschleuse. Und der Sohn einer Lehrerin, wie es anfangs hieß, ist er auch nicht. Seine Mutter war nicht in der Schule beschäftigt.

Fest steht nur: Die allermeisten Schüsse fielen in nur drei Minuten, zwischen 9.36 und 9.38 Uhr, in zwei Klassenzimmern. Alle getöteten Kinder waren Erstklässler, alle wurden sie mehrfach von Kugeln getroffen, ein kleiner Körper allein elfmal. Lanza richtete seine hilflosen Opfer so furchtbar zu, dass der Leichenbeschauer Wayne Carver sagte, so etwas habe er in 31 Berufsjahren noch nicht gesehen – und auch keiner seiner Kollegen.

Dawn Hochsprung soll versucht haben, dem Angreifer in den Arm zu fallen. Die Direktorin saß mit ihrer Stellvertreterin, der Schulpsychologin und der Mutter eines Zweitklässlers zu einer Beratung zusammen, als die ersten Schüsse fielen. Reflexartig rannten die drei Pädagoginnen hinaus auf den Flur, und nur eine, die Vizedirektorin, überlebte. Mary Sherlach, die 56-jährige Psychologin, soll nach zwei Dekaden an der Sandy Hook mit dem Gedanken an vorzeitigen Ruhestand gespielt haben.

Was sich im Klassenzimmer von Victoria Soto abspielte, weiß man bisher nur bruchstückartig, zumal zwei Versionen kursieren. Nach der einen soll Victoria Soto ihre Schutzbefohlenen in einem Nebenraum versteckt und Lanza zugerufen haben, sie seien alle in der Turnhalle. Nach der zweiten soll den Kindern die Flucht gelungen sein, nachdem ihre Lehrerin den Schützen abgelenkt hatte – noch weiß es niemand genau. Victoria Soto, 27, ist tot.

Vater geht tapfer in die Offensive

Robbie Parker hat Emilie verloren, die älteste seiner drei Töchter. Er will darüber reden, auch mit Journalisten. Es ist die seltene Ausnahme, denn verständlicherweise steht trauernden Eltern der Sinn nicht nach Pressekonferenzen. Parker aber tritt mit Tränen im Gesicht vor die Reporter und erzählt, was für ein großartiges Mädchen seine Emilie war. Wer traurig wirkte, dem schob sie lustige, aufmunternde Zeichnungen zu. Häufig hatte die Sechsjährige einen Satz bunter Stifte dabei, damit sie schnell zu Papier bringen konnte, was ihr durch den Kopf ging.

„Ich habe solches Glück, dass ich ihr Vater sein darf“, sagt Parker, er spricht in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit. „Wenn wir nach vorn schauen“, fügt er hinzu, „lasst uns dafür sorgen, dass das, was so vielen Menschen hier widerfuhr, nicht zu etwas wird, was uns für immer definiert.“ Auch für Lanzas Familie hält Parker tröstende Worte bereit: Er könne sich kaum vorstellen, wir hart diese Erfahrung für sie sein müsse.

Was Vances detektivisches Puzzle noch immer nicht beantwortet, ist die Frage nach dem Warum. Wieso hat Adam Lanza getan, was er tat? Einstige Klassenkameraden beschreiben ihn als hochintelligenten, schüchternen, manchmal jäh aufbrausenden Jungen, der anderen nicht lange in die Augen sehen konnte und sich lieber über seinen Laptop beugte. Adams Mutter Nancy, sein erstes Opfer, war seit vier Jahren von Peter Lanza geschieden, einem Geschäftsmann des Konzerns General Elec-tric. Offenbar lebte sie zuletzt von dem Geld, das sie nach dem Urteil eines Scheidungsrichters von ihrem Ex-Gatten erhielt.

Nancys Hobbys waren ihr Garten – und eine teure Waffensammlung. Ihre Söhne Adam und Ryan soll sie oft mitgenommen haben zum Üben auf einem Schießplatz. Was keiner in Newtown begreift: Wie konnte die Frau, die um die mentalen Probleme ihres Zweitältesten gewusst haben muss, ihre Flinten daheim aufbewahren, in Reichweite des Sohnes? „Da komme ich nicht mehr mit“, sagt Bocenna Stein. „Das ist doch ein Spiel mit dem Feuer.“

Bocenna Stein ist gekommen, um weiße Lilien neben Teddys und Enten aus Plüsch zu legen, am provisorischen Schrein an der Zufahrt zur Schule. Jemand hat 20 Teddybären zusammengebunden, für jedes tote Kind einen. Weiter hinten ein Sternenbanner. Fast 3000 Namen sind winzig klein auf die Stars and Stripes gedruckt, die Namen der 9/11-Opfer. Darüber, mit Nadeln befestigt, Zettel mit Nummern. Es sind 27 Zettel.

Barry Stein, Bocennas Mann, ein Historiker, sieht den Rubikon überschritten, den Rubikon der Waffendebatte. „Vergiss diese Idioten, die immerzu auf die Barrikaden gehen, sobald jemand schärfere Gesetze verlangt“, sagt er wütend. „Jedes Mal, wenn du über Waffenkontrolle redest, reden sie über Freiheit. Aber was, frage ich, ist mit der Freiheit dieser Kinder?“ Jetzt reiche es, meint Barry Stein, jetzt müsse etwas geschehen. Und doch bleibt er skeptisch. „Du hast schon oft gedacht, das ist die rote Linie. Und dann haben wir die rote Linie ein ums andere Mal überquert.“

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann