Archivierter Artikel vom 04.09.2017, 19:49 Uhr
Berlin

Merkel versus Schulz: Ein Duell mit zwei Siegern

Vor dem Studio in Adlershof wird getrommelt, gesungen, gerufen. „Möge die Bessere gewinnen“, haben junge Christdemokraten auf ihre Plakate geschrieben. Auf den roten Ballons der Jusos steht: „Martin macht's“. Abgeschirmt von allem Gejohle und ohne Publikum geht drinnen das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Martin Schulz über die Bühne. Rundherum allerdings veranstalten Meinungsmacher und Parteigänger während der 97 Minuten Duell ein Spektakel wie bei einem Fußball-WM-Finale.

Rena LehmannLesezeit: 4 Minuten
Screenshot des TV-Duells
Screenshot des TV-Duells zwischen Angela Merkel und Martin Schulz.
Foto: dpa

Beim Fußballfinale gibt es allerdings immer nur einen Gewinner, das ist hier anders. Als Angela Merkel nach der Sendung zu ihren Anhängern kommt, bricht Jubel aus. „Sie hat gewonnen, ganz klar“, sagen sie alle. Als kurz darauf Martin Schulz auf seine Anhänger trifft, spielt sich Ähnliches ab. Schulz versinkt in einer Menschentraube aus Fans und Fotografen. „Angela Merkel war einfach nicht eindeutig in ganz vielen Dingen“, sagt Malu Dreyer in die Kameras. Nicht nur die Schlusserklärung von Martin Schulz war dagegen „bärenstark“.

Die Fernsehsender machen aus dem einzigen direkten Aufeinandertreffen der beiden Spitzenkandidaten von Union und SPD einen Meinungszirkus. Eine ganze Studiohalle neben dem Studio, in dem Merkel und Schulz antreten, ist für die etwa 600 Beobachter, Journalisten und Anhänger wie Gegner der beiden Kandidaten vorbereitet. Ein schwarzer Saal von der Größe einer Turnhalle, im Hintergrund läuft seichte Musik, Kategorie Hotellobby. An der Bar gibt es Cocktails namens „Vorpommersche Teezeit“ (in Anspielung auf Merkels Wahlkreis) und „Würselener-Jungenspiel“ (der passende Drink für Martin-Schulz-Fans). Unter imposanten Kronleuchtern wird auf weißen Polstermöbeln Platz genommen. Schon gegen 17.30 Uhr füllt sich der Saal. Pressesprecher streifen unruhig umher. Hat die CDU diesmal mehr Leute hier als die SPD? Die Promidichte der eigenen Partei ist nicht unwichtig, wenn es darum geht, möglichst viele anwesende Journalisten von der Überlegenheit des eigenen Kandidaten zu überzeugen. Auch für den Szenenapplaus während des Duells braucht es Personal. Bei der Union scharen sich schon die ersten Beobachter um CDU-Generalsekretär Peter Tauber und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, als zwei SPD-Frauen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Malu Dreyer, im knallroten Jackett, kommt mit Mecklenburg-Vorpommerns neuer Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (im knallroten Kleid). In der Sitzecke der SPD hat sich da bereits ein wenig Prominenz aus Kultur und Film eingestellt. Ein paar Meter weiter klärt die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner Journalisten schon über Martin Schulz' Wissenslücken auf. Das Duell hat hier drinnen längst begonnen.

Zu einer tieferen Diskussion über andere Themen kommt es mangels Zeit nicht mehr. Die Schlusserklärungen beider Kandidaten geraten holprig. Schulz wirkt kurzzeitig, als hätte er seinen Text vergessen. Er fragt erst, wie viel Zeit er noch hat, um dann länger als die vereinbarten 60 Sekunden zu sprechen. Seine letzten Sätze gehen zwischen den Aufforderungen der Moderatoren, zum Ende zu kommen, unter. Merkel erinnert noch daran, dass man über wichtige Zukunftsthemen nicht gesprochen habe. Dann, wieder ganz gelassene Staatsfrau, wünscht sie den Zuschauern „noch einen schönen Abend“.

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

TV-Duell: Moderator Claus Strunz erntet viel Häme

Während des TV-Duells hat Moderator Claus Strunz im Netz viel Häme geerntet. Bis zum Ende der Sendung gab es auf Twitter mehrere Tausend Nachrichten zu dem Sat.1-Moderator. Schon am Anfang der Liveübertragung musste sich Strunz von Schulz korrigieren lassen: Er hatte den SPD-Chef mit einer Flüchtlingsaussage verkürzt zitiert. Später fragte Strunz Kanzlerin Merkel und Schulz, ob sie es gut fänden, dass die Fußball-WM 2022 in Katar stattfindet. „Echt jetzt, Strunz fragt wirklich nach der WM in Katar?“, schrieb Linke-Parteichef Bernd Riexinger auf Twitter.

Ein anderer Twitter-Nutzer teilte ein kurzes Video des legendären Ausrasters des früheren Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni, der 1997 an die Adresse seines damaligen Spielers Thomas Strunz zeterte: „Was erlauben Strunz?“ Ironisch kommentierte Satiriker Jan Böhmermann: „Ich guck nur wegen Claus Strunz. #TVDuell“

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