Archivierter Artikel vom 16.01.2012, 07:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

Menschen aus dem RZ-Land berichten: Panik, Chaos und eine überforderte Besatzung

Für mindestens sechs Menschen endete der Traumurlaub auf dem Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der toskanischen Küste mit dem Tod. Passagiere aus unserer Region, die gerettet wurden, berichten von Chaos und Panik auf dem Schiff – - darunter Waltraud und Hermann Becker aus Mainz, der Westerwälder Mathias G. und Sabine und Klaus-Dieter Rohrbeck aus Miehlen.

Rheinland-Pfalz – Für mindestens sechs Menschen endete der Traumurlaub auf dem Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der toskanischen Küste mit dem Tod.

Immer wieder schauen sich Sabine und Klaus-Dieter Rohrbeck die TV-Bilder an, "um zu realisieren, dass wir da rausgekommen sind".
Immer wieder schauen sich Sabine und Klaus-Dieter Rohrbeck die TV-Bilder an, „um zu realisieren, dass wir da rausgekommen sind“.
Foto: egenolf
Passagiere aus unserer Region, die gerettet wurden, berichten von Chaos und Panik auf dem Schiff – darunter Waltraud und Hermann Becker aus Mainz, der Westerwälder Mathias G. und Sabine und Klaus-Dieter Rohrbeck aus Miehlen

Schreckliche Minuten

Hermann Becker erinnert sich mit Grauen an die schrecklichen Minuten nach der Havarie. Die Schiffstour sollte das Weihnachtsgeschenk für seine Waltraud sein. Eine Kreuzfahrt. „Sie wollte doch schon immer mal mit so einem Schiff fahren“, sagt der 71-Jährige aus Mainz-Gonsenheim. „Wir sind wieder da, und das ist das Wichtigste“, ergänzt Waltraud Becker (67) noch immer ganz aufgeregt.

Buchstäblich mit dem, was sie am Leib trugen, konnten sich die beiden Gonsenheimer retten. „Wir saßen beim Abendessen, gegen 21.30 Uhr“, erinnert sich Hermann Becker. Erst am frühen Nachmittag waren die beiden an Bord gegangen. „Dann gab es ein Geräusch, als würde jemand mit einem Schraubenzieher an der Autotür entlangschrappen, bloß viel lauter“, beschreibt Becker die dramatischen Minuten.

Gläser rutschten vom Tisch

„Ein elektronisches Problem, alles im Griff“, habe es über die Schiffslautsprecher geheißen. „Dann bemerkten wir, wie ganz langsam unsere Gläser und Teller vom Tisch rutschten“, beschreibt Waltraud Becker die surreale Situation. „Die Besatzung war völlig überfordert. Die hatten ja mehr Panik als wir“, sagt sie.

„Alles Ostasiaten, ganz junge Leute“, fügt ihr Mann hinzu. Und jetzt? Wer kommt für den Schaden auf? Hermann Becker hat die Rennerei: „Wir machen eine Aufstellung von allem, was verloren ist. Von Unterhosen bis Schmuck.“ Eins steht für sie fest: Das war die erste und letzte „Kreuzfahrt“ der Beckers.

Aus dem Traum wurde ein Albtraum

Dramatische Stunden erlebten auch Sabine und Klaus-Dieter Rohrbeck aus Miehlen. Der 65-jährige Rentner aus dem Rhein-Lahn-Kreis hatte seiner Mutter eine Freude machen wollen und die Kreuzfahrt gebucht. Die Wiesbadenerin (85) hatte sich das ein Leben lang gewünscht, vier Monate nach dem Tod ihres Mannes hoffte sie auf ein wenig Ablenkung. Doch aus dem Traum wurde ein Albtraum.

Nur mit Mühe konnten sie ihr Leben retten. Dabei wurde Klaus-Dieter Rohrbeck von den Frauen getrennt, weil er keinen Platz mehr im Rettungsboot hatte. Er schaffte es an Land, aber seine Ehefrau (49) und die Mutter kämpften auf dem Schiff stundenlang ums Überleben. Das Rettungsboot konnte wegen der Schräglage nicht ausgefahren und ausgeklinkt werden.

Die Frauen mussten zurück aufs Schiff, dort über Leitern kletternd zwei Ebenen erklimmen, um sich dann mit letzter Kraft über einen Notausstieg an der Backbordaußenwand des schräg liegenden Schiffes in ein Rettungsboot zu kämpfen.

Schwere Vorwürfe

Rohrbeck erhebt schwere Vorwürfe gegen die Schiffsbesatzung. Als der Kreuzer bereits Schlagseite hatte, sei noch die beschwichtigende Durchsage gekommen, die Ingenieure arbeiteten an der Beseitigung des Problems. Erst mehr als eine Stunde nach der Kollision wurde der Alarm ausgelöst. „Da ist wertvolle Zeit verloren gegangen“, schimpft Sabine Rohrbeck.

An Bord habe das blanke Chaos geherrscht. Während der Evakuierung des Schiffes habe man keinen der „Leute mit den Schulterklappen gesehen, die eigentlich hätten Regie führen müssen“. Von einer koordinierten Rettungsaktion könne keine Rede sein. Rohrbeck sagt: „Uns wird jetzt erst richtig bewusst, dass unser Leben am seidenen Faden gehangen hat.“

Der Westerwälder Mathias G. (er will seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen) hat das Unglück auf dem italienischen Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ heil überstanden. Dank seiner Besonnenheit und Geistesgegenwart hat der 50-Jährige als einer der ersten Passagiere den Kreuzer mit einem Rettungsboot verlassen können.

„Ich habe keinen Sitzplatz mehr bekommen und mich auf den Boden des Rettungsbootes gekauert. Hunderte Menschen haben sich hier zusammengedrängt. Es war stockfinster und kalt.“ Auf der Insel Giglio angelangt, findet Mathias G. Unterschlupf in einem kleinen Hotel. Andere Gerettete verbringen die Nacht in Turnhallen, einer Kirche oder im Freien. Zu essen und trinken gibt es kaum etwas.

Gespenstische Situation

„Es war gespenstisch. Die vielen Menschen, die Verletzten auf den Tragen, Hubschrauber kreisten über uns, Sirenen heulten.“ Schwere Vorwürfe erhebt der Westerwälder gegen den Kapitän der „Costa Concordia“, den Italiener Francesco Schettino, und seine Crew. „Es gab überhaupt keine Warndurchsage. Es hieß nur, dass ein Generator ausgefallen ist, die Besatzung alles im Griff hat und es keinen Grund zur Panik gebe. Mehr nicht“, kritisiert er.

Der Kapitän hätte viel früher handeln und mit der Evakuierung beginnen müssen„, sagt der 50-Jährige, der seit Samstagabend wieder zu Hause ist, fassungslos. “Die Mannschaft war komplett überfordert. Nichts wurde koordiniert. Es herrschte das komplette Chaos„, schildert er. Viele Passagiere hatten keine Rettungsweste, weil diese in den Kabinen gelagert waren.

Dramatische Szenen

Der Westerwälder spricht von dramatischen Szenen an Bord. “Eltern suchten nach ihren Kindern, die sie in der Obhut der Animateure gelassen hatten. Mütter schrien verzweifelt durcheinander und liefen panisch über die Gänge. Viele ältere Menschen kamen mit den Rollstühlen und Krücken nicht die Treppen hinauf.

Die Aufzüge funktionierten nicht mehr. Die Menschen suchten verzweifelt nach einem Platz in den Rettungsbooten. Viele kamen nur mit Badehose und Handtuch, ohne Schuhe oder im dünnen Abendkleid„, erzählt er. “Viele Kinder haben geweint und laut geschrien", schildert er.

Von unseren Reportern Stephanie Kühr-Gilles, Jochen Dietz und Hans Georg Egenolf