Archivierter Artikel vom 19.09.2010, 22:00 Uhr

Liebesgrüße aus Moskau: Tetris wird 25

Vielleicht war es der letzte große Triumph des Ostens über den Westen vor dem Fall des Eisernen Vorhangs: Tetris, ein kleines Computerspiel mit nur 27 Kilobytes wurde vor rund 25 Jahren zum sowjetischen Exportschlager.

Foto: K. Dielenhein

Vielleicht war es der letzte große Triumph des Ostens über den Westen vor dem Fall des Eisernen Vorhangs: Tetris, ein kleines Computerspiel mit nur 27 Kilobytes, wurde vor rund 25 Jahren zum sowjetischen Exportschlager.

Von unserem Reporter Daniel Weber

Die Lage in der altehrwürdigen Akademie der Wissenschaften war ernst: Ein Virus hatte das sowjetische Zentrum der Computertechnik in Moskau außer Gefecht gesetzt. Ein tückischer Virus, hatte er doch nicht einfach die Rechner befallen, sondern die Menschen, die nun wie gelähmt vor ihnen saßen. Statt Flugbahnen von Satelliten zu berechnen oder sich der Erforschung Künstlicher Intelligenz zu widmen, starrte die Informatiker-Elite des Ostens seit Tagen gebannt auf auf kleine Klötzchen, die auf ihren Monitoren hinunterpurzelten.

Schuld an der Moskauer Misere im Sommer 1985 waren aber keine West-Agenten, sondern ein junger Programmier der Akademie. Alexej Paschitnow, damals 29, hatte Monate zuvor damit begonnen, in seiner Freizeit ein Computerspiel zu entwickeln – inspiriert durch das in Russland beliebte Brettspiel Pentomino: Unterschiedlich geformte Blöcke fallen von oben in einen Behälter und müssen so gedreht werden, dass sie möglichst wenig Platz ungenutzt lassen. Wenn eine Reihe komplett ohne Lücke gefüllt ist, verschwinden die Klötze und machen Platz für die oben nachfallenden Steine. Ist der Behälter bis oben hin gefüllt, hat man verloren. Weil sich jede der sieben Figuren aus vier Quadraten zusammensetzt, nannte Paschitnow das Spiel Tetris – nach tetra, dem griechischen Wort für vier.

Mit 27 Kilobytes zur Game-Legende

So simpel wie das Spiel, so minimalistisch war auch das Erscheinungsbild der ersten Tetris-Version: Mit Paschitnows sowjetischem Computer ließen sich zwar Programme für Raketenantriebe schreiben, Grafik darstellen konnte der „Elektronika 60“ jedoch nicht. Paschitnow standen nur die Zeichen einer normalen Tastatur zur Verfügung, und so bastelte er die Tetris-Bausteine aus eckigen Klammern zusammen: 27 Kilobytes, 1600 Pascal-Programmzeilen – genug Datenmenge für eine Legende.
Kaum hatte der Erfinder die Urversion ans Laufen gebracht, da war er selbst vom Fieber befallen. „Anfangs dachte ich, mit mir wäre etwas nicht in Ordnung“, erinnert sich der heute 54-Jährige in der BBC-Doku „Tetris – From Russia with Love“, „ich konnte einfach nicht aufhören zu spielen.“ Doch bald schon merkte er, dass es ihm nicht alleine so erging. Alle, denen er das Spiel zeigte, waren gleich davon gefesselt.

In jenem Sommer 1985 programmierte Paschitnow Tetris für den PC um, auf Basis des westlichen DOS-Betriebssystems. Er wollte Farbe, Sound und Grafik ins Spiel bringen. Sein Schüler Wadim Gerasimow, damals 16, half ihm. „Er war einer dieser genialen Hacker, kannte DOS bis aufs kleinste Bit“, schwärmte Paschitnow in einem Interview. Von nun an war der Siegeszug der bunten Klötzchen nicht mehr aufzuhalten. Binnen kurzer Zeit flimmerte Tetris auf fast allen Monitoren des Moskauer Computercenters, gearbeitet wurde kaum noch. Von dort aus griff das Virus seuchengleich um sich. Softwareläden gab es im Ostblock nicht – Tetris wurde einfach auf labberige 5,25-Zoll-Disketten kopiert. „Zwei Wochen nach dem ersten Test lief das Spiel auf jedem Rechner in Moskau“, erinnert sich Paschitnow. Und es dauerte nicht lange, da hatte Tetris Russland und den gesamten Ostblock erobert. Erst am Eisernen Vorhang kam das Fieber zum Erliegen – vorerst.

Bei einem Ungarn-Besuch im Sommer 1986 lernt der Engländer Robert Stein Tetris kennen – und ist gleich fasziniert. Der Software-Einkäufer nimmt Kontakt mit Moskau auf. Er will eine Lizenz, um das Spiel im Westen vermarkten zu können. Doch während Stein das große Geschäft wittert, sind die Russen von dessen Interesse völlig überrascht. Sie schicken ein Telex, in dem sie lapidar ihr Interesse bekunden. Stein genügt das als Grundlage für sein Vorhaben – Tetris hatte den Eisernen Vorhang überwunden.

Balalaikas in den Spielhallen des Westens

Der Erfinder des Spiels hatte bis dato keinen Gedanken daran verschwendet, dass er mit Tetris viel Geld verdienen könnte. In der Sowjetunion gab es kein geistiges Eigentum, kein persönliches Urheberrecht. Alles gehörte allen – auch Paschitnows Spiel war im Besitz des Staates. Erst Jahre später sollte er erstmals Tantiemen für sein Werk sehen. Da hatten viele im Westen sich längst eine goldene Nase mit Tetris verdient: In den Spielhallen dudelte auf den Automaten Balalaika-Musik. Tetris-Logos wurden wahlweise mit den Türmen von Basilius-Kathedrale und Kreml oder mit Hammer und Sichel verziert, dazu Untertitel wie „From Russia with Fun“ oder „Die sowjetische Herausforderung“.

Beim kapitalistischen Erfolg mit der kommunistischen Errungenschaft verwundert es nicht, dass ab 1988 ein wahrer Ost-West-Thriller um die Videospiellizenzen entbrannte (siehe Text unten), aus dem Nintendo als Sieger hervorging. Für den japanischen Konzern erwies sich Tetris als Glücksgriff, trug es doch ab 1989 maßgeblich zum Millionenerfolg des Game Boy bei.

Während die Sowjets und Nintendo mit Tetris Reibach machten, schaute Paschitnow noch lange in die Röhre. Er hatte die Rechte für zehn Jahre an die Lizenzbehörde Elorg abgetreten und war nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 in die USA übergesiedelt. In Seattle gründete er eine Software-Firma, doch weil diese schlecht lief, gab er seine Selbstständigkeit 1996 auf und stieg bei Microsoft ein. Er programmierte auch weiterhin Spiele – sein Tetris-Coup aber blieb einmalig: „Ich habe mal versucht, ein besseres Spiel zu machen. Das hat nicht geklappt. Tetris konnte einfach nicht mehr verbessert werden“, sagt Paschitnow.

Der Virus grassiert weiter

Seit 2005 lebt der Tetris-Erfinder im Vorruhestand; er kassiert Dividende als Mitaktionär von Microsoft – und Gebühren für Tetris, seit ihm die Lizenz 1996 wieder zugefallen war. Auch wenn das Spiel schon da längst nicht mehr so viel Geld wie in den Jahren zuvor abwarf, sieht sich Patschinow nicht als Betrogener: „Für mich ist das Größte, zu wissen, dass mein Spiel heute überall auf der Welt gespielt wird“, sagt er.
Tatsächlich grassiert das Virus weiter in unzähligen Varianten: ob zwei- oder dreidimensional, ob klassisch mit Klötzchen oder mit anderen herabfallenden Dingen, ob auf Konsole, Computer oder Mobiltelefon. Heute hält die Rechte eine Tetris-Holding, die unter tetris.com aktuelle Titel aufführt. Paschitnow selbst hat mit tetrisfriends.com ein Webangebot gestartet, auf dem man zehn Varianten online spielen kann.