Archivierter Artikel vom 06.03.2014, 07:00 Uhr
Moskau

Krim-Krise: Putin fühlt sich vom Westen hintergangen

Kremlchef Wladimir Putin bestreitet den Einsatz russischer Truppen auf der Krim. Einem ukrainischen Fernsehteam in Jewpatoria gelang es nun, die rätselhaften Kämpfer in den Uniformen ohne Abzeichen selbst zu einer Aussage zu bringen, woher sie kommen.

Von unserer Osteuropa-Korrespondentin Doris Heimann

„Wir sind russische Militärangehörige“, sagt der Chef einer Kampfeinheit vor laufender Kamera. Auf die Frage des Journalisten von Ukr-Stream TV, warum seine Uniform keine Erkennungszeichen habe, sagt der Militär: „Ja, gucken Sie denn kein Fernsehen?“ Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu nannte die Aufnahmen eine Provokation. Bei den Soldaten handele es sich „absolut nicht“ um russische Kräfte. Putin hatte am Dienstag eine Militärinvasion auf der Krim bestritten. Die Männer in der professionellen Kampfausrüstung gehörten zur „Selbstverteidigung“ der Krim.

Wie die russische Zeitung „Kommersant“ unter Berufung auf diplomatische Quellen in Moskau schreibt, erklärt sich die heftige Reaktion des Kremls auf die Ereignisse in der Ukraine auch dadurch, dass Putin sich von der EU und der ukrainischen Opposition betrogen fühle. Am 21. Februar hatten sich der damals noch amtierende ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch und die Oppositionsführer auf einen Kompromiss geeinigt, der einen friedlichen Machtwechsel durch vorgezogene Neuwahlen vorsah. Diesen hatten die Außenminister Frankreichs, Polens und Deutschlands ausgehandelt. Doch auch der Kreml spielte dabei eine wichtige Rolle: Polens Chefdiplomat Radek Sikorski sagte später, Putin habe im Verlauf des 21. Februars in einem persönlichen Telefongespräch Janukowitsch überredet, der Opposition entgegenzukommen.

Staats- und Regierungschefs wollten vermitteln

Diese Darstellung des polnischen Außenministers bestätigte nun ein namentlich nicht genannter Diplomat im „Kommersant“. Demnach hätten US-Präsident Barack Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatsoberhaupt François Hollande und der polnische Premier Donald Tusk zuvor den Kremlchef gebeten, „auf Janukowitsch einzuwirken“. Die westlichen Staats- und Regierungschefs hätten im Tausch versprochen, sie würden die ukrainische Opposition dazu bringen, dem Kompromiss zuzustimmen. Das Abkommen vom 21. Februar sah die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, vorgezogene Neuwahlen und die Abgabe aller illegalen Waffen vor. Stattdessen sei es aber am 22. Februar zum Umsturz gekommen. „Janukowitsch hat alle Vereinbarungen eingehalten. Die Opposition hielt sich an gar nichts“, beklagt der namentlich nicht genannte russische Diplomat. Putin hatte die Vorgänge in Kiew als „verfassungswidrigen Umsturz und bewaffnete Machtübernahme“ bezeichnet.

„Warum war das nötig? Janukowitsch hatte seine Macht praktisch schon abgegeben, ich hatte ihn überzeugt, dass er sich auch einer Neuwahl nicht noch mal stellen kann“, so der Kremlchef. Die neuen politischen Kräfte bezeichnete er als „entfesselte Neonazis, Nationalisten und Antisemiten“.

Russland beharrt jetzt auf einer Rückkehr zu der Vereinbarung vom 21. Februar. Außenminister Sergej Lawrow unterstrich bei einem Treffen mit der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am Vortag, dass der von EU-Außenministern ausgehandelte Kompromiss zur Krisenbewältigung in Kiew bisher nicht umgesetzt sei. Er forderte die Bildung einer nationalen Einheit. Zudem sei eine Verfassungsreform nötig, die die Interessen aller Regionen berücksichtige.