Archivierter Artikel vom 17.01.2021, 21:00 Uhr
Berlin/Koblenz

Kommentar zur Wahl des CDU-Vorsitzenden: „Weiter so!“ – oder die Taktik eines Unterschätzten?

Die Wahl zum neuen CDU-Vorsitzenden hat einen klaren Gewinner, und der heißt – AfD! Mit der Nichtwahl von Friedrich Merz werden die Rechtsausleger einmal mehr sich heimatlos fühlenden Konservativen in der Union grinsend eine „Alternative“ anbieten. Damit dürfte nicht nur der im Ergebnis des ersten Wahlgangs klar abzulesende starke Flügel der Partei Konrad Adenauers geschwächt werden. Stattdessen folgt mit Armin Laschet ein verlässliches „Weiter so!“ in der Mitte – und damit im Ungefähren. Ganz so, wie es Angela Merkel in 18 Jahren an der CDU-Spitze durchaus mit Erfolg vorgelebt und ihr die glücklose Kurzarbeit-Vorsitzende aus dem Saarland nachgeeifert hat.

Chefredakteur Peter BurgerLesezeit: 3 Minuten

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Foto: Jens Weber

Dabei ließ und lässt die angebotene Personalalternative fürs Spitzenamt durchaus Optionen offen. Und ob im größten Landesverband NRW allein das Heil zu suchen und zu finden gewesen wäre, darf ebenso bezweifelt werden. Aber das ist Schnee von gestern. „Man kann nur mit den Mariechen tanzen, die im Saal sind“, sagt der Rheinländer. Und dass die ehedem große Volkspartei nach zehn quälenden Monaten des internen Wahlkampfes endlich reinen Tisch macht und sich nunmehr dem eigentlichen Wahlkampf um die Macht im Bund und in sechs Ländern (unter anderem Rheinland-Pfalz) zuwenden will, ist ja fast schon ein Wert an sich.

Trotz allseits beschönigender Worte über ein vermeintlich faires Miteinander überrascht die Wahl Armin Laschets am Ende (fast) nicht: Zu stark ist seine Basis im eigenen Landesverband. Zu stark sein Rückhalt im von Merz vor Wochen dünnhäutig und taktisch völlig unklug gescholtenen „Partei-Establishment“, in dem die Strippenzieher/innen nicht nur im Konrad-Adenauer-Haus, sondern vor allem im Kanzleramt sitzen: Weder Norbert Röttgen und schon gar nicht Friedrich Merz stehen in der Gnade Merkels.

Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass der Sauerländer offenbar wenig teamfähig ist, dann war es sein Foulspiel, als er nur wenige Stunden nach Laschets Sieg ins Kabinett rein crashen und Peter Altmaier rausdrängen wollte: Sein erster Test vom selbst gewählten Spielfeldrand, ob Laschet und Merkel springen, wenn er das Stöckchen hinhält – merzlos überschätzt! Das galt auch für seine Bewerbungsrede.

Überraschend stark, gar leidenschaftlich hingegen die Bewerbung Laschets: Der Bergmannssohn mit der Grubenmarke seines Vaters in Hand scheut gewöhnlich eher die großen Reden und löckt mit seiner „Öcher“-Rhetorik bisweilen unabsichtlich den Stachel wider den tierischen Ernst.

Als wär’s die „Rede seines Lebens“, nutzte er das ungewohnte digitale Format geschickt als Spielwiese für laute wie für leise Töne. Mal gelernter Regierungschef, mal höchst notwendiger Brückenbauer, mal ganz einfach einer aus der großen CDU-Familie: „...ich bin Armin Laschet!“, vier Worte, die ganz an Merkels Vertrauenswerbung erinnern: „Sie kennen mich!“

Anders als der forsche Friedrich verkniff sich Laschet wohlüberlegt, den Parteitagsdelegierten bereits vor der Wahl zum Vorsitzenden, seinen als CDU-Vorsitzender „angeborenen“ Anspruch aufs Kanzleramt in den Laptop zu diktieren. Und daran tat er gut: Zum einen bedrängte und überforderte er seine Partei nicht mit einer weiteren Grundsatzentscheidung, zum anderen provozierte er (noch) nicht den Vorsitzenden der Schwesterpartei CSU.

Markus Söder wird mit Interesse, trügerischer Vorfreude und muskelbildenden Umfragewerten im Rücken Laschets Wahl beobachtet haben. Vielleicht, weil der bayerische Löwe glaubt, so einen wie Laschet, anders als Merz, schon zum Frühstück verspeisen zu können. Ganz wie ehedem Stoiber mit Merkel in Wolfratshausen. Wenn er sich da mal nicht täuscht – in dem Bergmannssohn aus Aachen …

E-Mail: peter.burger@rhein-zeitung.net