Archivierter Artikel vom 29.11.2020, 19:10 Uhr
Kalkar

Kommentar zum Parteitag in Kalkar: Meuthen legt den Geburtsfehler der AfD offen

Bei ihrem Parteitag hat sich die AfD als Pandora-Partei entlarvt. In der griechischen Sagenwelt öffnete die Pandora eine verschlossene Büchse und ließ damit alle Übel in die Welt. Mit seinem Angriff auf Teile der eigenen Partei hat AfD-Chef Jörg Meuthen den Geburtsfehler der AfD offengelegt.

Gregor MayntzLesezeit: 2 Minuten

Gregor Mayntz
Gregor Mayntz
Foto: RZ-Archiv

Sie hat die am rechten Rand über Jahrzehnte abgeschlossenen Radikalen in das Spektrum der deutschen Parteienwelt hineingelassen. Die fast zweistündige Debatte präsentierte eine AfD, in der sich Delegierte aus zwei Lagern mit Feindschaft und Hass überziehen. Sie halten sich gegenseitig vor, den Untergang der Partei zu riskieren. Und damit haben beide recht.

Denn Alexander Gauland hat mit bürgerlichem Gestus und gleichzeitigem Zündeln an Tabus als AfD-Anhängerschaft zusammengebracht, was nach den Zeiten der NS-Herrschaft in Deutschland nicht mehr zusammengehörte. Aber seine Rechnung ging auf: Aus einer instabilen Sammlung von Freaks, Neu-Rechten und Neo-Nazis einerseits und einem Aufsaugen von heimatlos gewordenen Konservativen andererseits wusste er eine politisch wirkungsvolle Größe zu bilden.

Damit schuf er ein unterschwellig ständig brodelndes Unwohlsein beider Teile über die Partnerschaft mit dem jeweils anderen. Er selbst prägte den Begriff vom „gärigen Haufen“. Meuthen sorgte dafür, dass das Gären mit Wucht an die Oberfläche drängte. Er war entschlossen, den Konflikt auf die Spitze zu treiben – einschließlich seines Sturzes. Im letzten Augenblick stoppten die Delegierten die Entscheidung, weil sie sahen, dass der Sieg der einen Seite die Niederlage für die andere bedeutet hätte und damit eine Spaltung hätte in Fahrt kommen können.

Die Verfahrensabstimmungen im Verlauf der ausufernden Beschädigung des eigenen Vorsitzenden haben mehrfach ein Ergebnis zufälliger Mehrheiten wie 49,7 und 50,3 Prozent ergeben, und damit war für beide Seiten wahrscheinlich, unterliegen zu können. Das ist die hinter den Schlagzeilen steckende Botschaft: Die von Rechtsaußen Björn Höcke geprägten Ostverbände stellen weniger als 20 Prozent der Delegierten. Der Einfluss des von Höcke geprägten „Flügels“ wurde bislang bei 30 Prozent vermutet.

Dass der Anti-Meuthen-Flügel nun bereits die Hälfte der Delegierten umfasst, spricht für sich. So leidenschaftlich sich das Meuthen-Lager mit beschwörender Bürgerlichkeit für ihren Matador in die Redeschlacht stürzte, diese Kräfteverhältnisse bleiben. Meuthen verfolgt den Kurs, die AfD als Ganze an einer Beobachtung durch den Verfassungsschutz vorbeizusteuern. Das Gegenteil hat die AfD in Kalkar klargemacht.

E-Mail: gregor.mayntz@rhein-zeitung.net