Archivierter Artikel vom 17.05.2021, 12:02 Uhr

Nach Nazi-Äußerung

Kellers Rücktritt mit harscher Kritik an DFB-Widersachern

Fritz Keller vollzieht den angekündigten Rückzug und tritt nach. Schon wieder braucht der Deutsche Fußball-Bund einen neuen Präsidenten. Die Nachfolgesuche hat öffentlich längst begonnen.

Fritz Keller
DFB-Präsident Fritz Keller hat seine Bereitschaft zum Rücktritt erklärt.
Foto: Boris Roessler/dpa

Frankfurt/Main (dpa) – Fritz Keller nutzte den Moment der größten persönlichen Niederlage für einen krachenden Rundumschlag.

In seiner Rücktrittserklärung prangerte der DFB-Präsident „Befindlichkeiten“ und „interne Machtkämpfe“ im Deutschen Fußball-Bund an, fast verbittert beklagte er „Widerstände und Mauern“ bei der Umsetzung seiner hehren Ziele. Sein Abgang, meinte der wegen seiner Nazi-Äußerung tief gefallene 64-Jährige, werde zudem die Probleme nicht lösen. Angesprochen waren, wenn auch nicht namentlich erwähnt, auch seine Widersacher: Vizepräsident Rainer Koch und Generalsekretär Friedrich Curtius.

Keller forderte „eine personelle Erneuerung der Spitze des DFB, ohne die ein glaubwürdiger Neuanfang nicht möglich ist“. Dabei müsse der Verband seine Unabhängigkeit gegenüber Personen, „die als Beschuldigte in unterschiedlichen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen geführt werden“, bewahren. „Der DFB muss sich verändern“, schrieb er. Ein Nachfolger ist noch längst nicht in Sicht.

Im Gegensatz zu Keller und Curtius hatte Koch in der vergangenen Woche nicht seinen unmittelbaren Rücktritt angekündigt – im Gegenteil. Wie der DFB mitgeteilt hatte, wird der 62-Jährige den Verband gemeinsam mit dem gleichberechtigten Vizepräsidenten Peter Peters (58) bis zum nächsten Bundestag, der Anfang 2022 durchgeführt werden soll, interimsmäßig führen. Erst dann will Koch nicht zur Wiederwahl in sein aktuelles Amt antreten. Mit Curtius (44) verhandelt der DFB über eine Vertragsauflösung.

Der Generalsekretär war öffentlich in die Kritik geraten, weil via Verband ein Dienstleister mit dem Ausbau des Wikipedia-Eintrags über ihn beauftragt worden war. Die vermeintlich hohen Kosten dafür hatte der DFB nicht bestätigt. Keller kritisierte, im Verband sei es „viel zu häufig“ unter anderem „um das „Arbeiten“ am eigenen Bild in der Öffentlichkeit“ gegangen.

Der interne Machtkampf war in den vergangenen Wochen ausgeartet, ehe Keller sich zu der folgenschweren Äußerung hatte hinreißen lassen, die ihm zum Rücktritt zwang. Der DFB-Präsident hatte Koch während einer Präsidiumssitzung Ende April als „Freisler“ bezeichnet. Roland Freisler war Vorsitzender des Volksgerichtshofes im Nationalsozialismus. Die Forderung von Kellers Gegnern nach einem Rücktritt waren absehbar.

Er übernehme die persönliche Verantwortung für seine „Entgleisung (...), die trauriger Tiefpunkt der desolaten Führungssituation des DFB bleiben soll“, schrieb Keller. „Mein Fehlverhalten erfolgte in einem für den DFB beschämenden Umfeld.“ Am vergangenen Freitag hatte die Ethikkammer des Sportgerichts in der Sache verhandelt, ein Urteil wird für diese Woche erwartet. Einfluss auf die Rücktrittsentscheidung hat es nicht mehr.

Keller ist nach Wolfgang Niersbach (70) im November 2015 und Reinhard Grindel (59) im April 2019 der dritte DFB-Präsident, der sein Amt innerhalb kurzer Zeit wegen eigener Verfehlungen räumen muss. „Als Präsident bin ich angetreten, weil der DFB bereits im Herbst 2019 ein Sanierungsfall war mit unzähligen ungelösten Themen und „Baustellen““, schrieb Keller und nahm den im März 2012 abgetretenen Theo Zwanziger (75) in die Rechnung auf: „Der DFB-Führungsstil hatte in wenigen Jahren vier Präsidenten verschlissen.“

Als Baustellen waren zuletzt Steuerverfahren hinzugekommen. Im Oktober 2020 waren die Geschäftsräume des DFB sowie Privatwohnungen mehrerer Funktionäre von Steuerfahndern während einer öffentlichkeitswirksamen Razzia durchsucht worden. Keller betonte, für die Ursprünge „keinerlei Verantwortung“ zu tragen. Es ging um Ungereimtheiten bei der Besteuerung von Bandenwerbung vor Kellers Zeit.

„Die Durchsetzung meines Programms und meines Auftrages durch den DFB-Bundestag wurde mir an vielen Stellen immer wieder schwer- bis unmöglich gemacht“, schrieb Keller, der auch auf einen Beratervertrag einging, der für enorme Unruhe gesorgt hatte. „Mit ordnungsgemäßer Verbandsführung hatte und hat das alles nichts zu tun – insbesondere bezüglich des Abschlusses und der Durchführung eines unschlüssigen Vertrages mit einer Kommunikationsagentur“, meinte der preisgekrönte Winzer.

Wer auf Keller folgt, ist völlig offen. Genannt wurden bereits unter anderem die Namen von Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge (65) und Rio-Weltmeister Philipp Lahm (37), zuletzt wurde auch die frühere Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus (42) ins Spiel gebracht. Keller forderte eine „komplette Professionalisierung in der Führungsspitze und schnelle Einführung völlig neuer Strukturen“. Er selbst war 2019 von einer Findungskommission des DFB und der Deutschen Fußball Liga vorgeschlagen worden.

Hermann Winkler, Präsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes, sprach sich für mehr Frauen in den DFB-Führungspositionen aus. „Wir brauchen die Erfahrungen, die Kompetenz der Frauen“, sagte Winkler dem Deutschlandfunk. „Und deshalb darf es für mich nicht bloß eine Phrase bleiben, sondern wir müssen wirklich alle gemeinsam versuchen, uns in den nächsten Jahren in allen Gremien diverser aufzustellen, als wir das bisher sind, damit wir wirklich ein Bild der Gesellschaft abbilden, was der Wahrheit entspricht.“ Hannelore Ratzeburg ist derzeit die einzige Frau im DFB-Präsidium.

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