Archivierter Artikel vom 28.01.2011, 08:41 Uhr
Trier/Berlin

Katholische Kirche steht weiter am Pranger

Ein Jahr, nachdem Missbrauchsvorwürfe am Berliner Canisius-Kolleg einen beispiellosen Skandal losgetreten haben, sehen Kritiker die katholische Kirche unter Zugzwang.

Katholische Kirche steht weiter am Pranger
Die Unzufriedenheit mit der Kirche ist seit dem Skandal groß.
Foto: dpa

Von unserem Redakteur Christian Kunst

Trier/Berlin – Ein Jahr, nachdem Missbrauchsvorwürfe am Berliner Canisius-Kolleg einen beispiellosen Skandal losgetreten haben, sehen Kritiker die katholische Kirche unter Zugzwang.

„Solange die Bischöfe keine glaubwürdigen Antworten auf den Missbrauchsskandal und seine Ursachen liefern, bleibt die Kirche gelähmt und kann ihrer Aufgabe, der Verkündung des Evangeliums, nicht gerecht werden“, bemängelt die Laienorganisation „Wir sind Kirche“.

Und die Bewegung legt den Finger in eine große Wunde, die der Skandal in der katholischen Kirche aufgerissen hat: die Flucht Tausender Gläubiger aus der Amtskirche. Darüber, meinen die Laien, sollten die Kirchenoberen „alarmiert sein, denn es sind jetzt nicht nur die Randständigen, sondern die Aktiven, die sagen, dass sie dieses Kirchensystem nicht mehr finanziell unterstützen möchten“.

Tatsächlich ist die Zahl der Kirchenaustritte dramatisch, auch wenn sie am Ende des Jahres wieder deutlich zurückging. 7029 Menschen kehrten der Kirche allein im Bistum Trier bis Ende November den Rücken. Das ist deutlich mehr als im gesamten Jahr 2009 (4583). 2007 waren es nur 3528 Gläubige.

Für „Wir sind Kirche“ ist zentrales Problem, dass die Kirche zwar einen Dialog mit der Basis angekündigt hat, diesen aber nicht führe. Außerdem gebe es immer noch viele selbst verordnete Denkverbote. Zwar sei der Zölibat und die Beschränkung des Priesteramtes auf Männer nicht allein für den Skandal verantwortlich. Doch beide Prinzipien seien „Ausdruck der Sexual- und Frauenfeindlichkeit einer männerbündischen Kirche, die sexualisierte Gewalt und ihre Vertuschung fördert“.

So weit will Andreas Zimmer, Leiter der Missbrauchshotline der katholischen Kirche, nicht gehen. Doch auch er bemängelt, dass den Worten der Bischöfe keine Taten gefolgt seien. Er hält es für dringend nötig, „den Kulturwandel auch zu praktizieren – es muss um eine Kultur der Achtsamkeit gegenüber den Opfern gehen, wie sie Bischof Stephan Ackermann gefordert hat“. Dies heiße anzuerkennen, dass es in der Kirche Missbrauch gibt und dass man damit „entschieden und transparent“ umgeht. In ihren neuen Leitlinien hätten die Bischöfe dem zwar Rechnung getragen. Jetzt müsste man dies aber glaubhaft umsetzen.

Die zunehmende Unzufriedenheit über den Umgang der katholischen Kirche mit dem Missbrauchsskandal zeigt sich auch an der Hotline. 40 Prozent der bislang 606 Opfer von sexueller Gewalt, die sich gemeldet haben, seien mit der Aufklärung unzufrieden. Zimmer geht aber davon aus, dass die Zahl bei der Vorlage des Schlussberichts der Hotline im Herbst deutlich höher sein wird. Derzeit fragten auch immer mehr Anrufer nach einer Entschädigung. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass die katholische Kirche unter Zugzwang gerät. Vor allem wird aber zunehmend deutlich, wie weitreichend der sexuelle Missbrauch gewesen sein muss. 70 Prozent der Anrufer wurden mehrfach, weitere 14 Prozent andauernd missbraucht. Und die Zahl dieser Anrufer wächst.