Archivierter Artikel vom 16.05.2011, 08:48 Uhr
Mainz

Kardinal Lehmann: Ein Mann des Dialogs wird 75

Karl Lehmann hat ein Alter erreicht, in dem der biografische Blick zurück bereits so weit reicht, das gern nach der Lebensbilanz gefragt wird. Was waren die bittersten Niederlagen, was die stärksten Momente? „Ach, wissen Sie“, meinte der Mainzer Kardinal jüngst, „ich bin niemand, der so leicht Höhepunkte glorifiziert.“ Und auch niemand, der Niederlagen dramatisiert, möchte man hinzufügen.

Kardinal Lehmann, der Mainzer Bischof, will eine lebendige Kirche
Kardinal Lehmann, der Mainzer Bischof, will eine lebendige Kirche

Mainz – Karl Lehmann hat ein Alter erreicht, in dem der biografische Blick zurück bereits so weit reicht, das gern nach der Lebensbilanz gefragt wird. Was waren die bittersten Niederlagen, was die stärksten Momente? „Ach, wissen Sie“, meinte der Mainzer Kardinal jüngst, „ich bin niemand, der so leicht Höhepunkte glorifiziert.“ Und auch niemand, der Niederlagen dramatisiert, möchte man hinzufügen.

Diese kleine Episode sagt viel über den Bischof von Mainz, der heute 75 Jahre alt wird. Karl Lehmann ist zwar ein Mann Gottes und damit von einer emotionalisierenden Glaubensbotschaft beseelt, aber trotzdem prägt ihn eine bodenständige Nüchternheit. Wenn man dafür eine Charakterformel finden müsste, könnte man es vielleicht so formulieren: Karl Lehmann ist ein Glaubensmann mit gesundem Menschenverstand.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Das macht noch keinen Radikalen aus ihm – und schon gar keinen Kirchenrebellen. Aber das verhindert, dass Lehmann je zum fundamentalistischen Flügel in der katholischen Kirche zählte oder zu den Eiferern, die die reine Lehre über den Menschen stellen. Am besten lässt sich das sympathische Naturell des Mainzer Bischofs an zwei Niederlagen illustrieren, die er in seinem langen kirchenpolitischen Leben erleiden musste. Das eine ist der vergebliche Kampf um den Verbleib der katholischen Beraterinnen im staatlichen System der Schwangerenkonfliktberatung (1999) – an deren Ende freilich auch eine Abtreibung stehen kann. Die zweite Niederlage ist Lehmanns gescheiterte Initiative (mit zwei weiteren Bischöfen), wiederverheiratete Geschiedene leichter zur Kommunion zuzulassen (1993). In beiden Fällen wurde Lehmann als Progressiver in den reformerischen Himmel gehoben. Doch all das wird dem Kirchenmann aus dem Schwabenland nicht gerecht. Gleich, ob er als Theologieprofessor oder später als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz agierte, Lehmann wollte eine behutsame Veränderung. Ihm ging es lediglich darum, die Lücke zwischen kirchlicher Lehre und dem Lebensgefühl vieler Menschen – so gut es geht – zu verkleinern.

In der Bischofskonferenz konnte er seine Gabe zur Moderation, sein Gespür für den Kompromiss verfeinern. Das hat ihm eine lange Amtszeit als Vorsitzender beschert. Im Dialog mit der Gesellschaft versuchte er, die katholische Kirche nah an den Menschen zu positionieren. Dabei kam ihm manchmal eine gewisse dogmatische Unbeweglichkeit des Vatikans in die Quere. Seine Beharrlichkeit bezahlte Lehmann damit, dass er erst sehr spät in den Kardinalsrang erhoben wurde. Aber schließlich konnten auch die Römer an dem verdienten Kirchenmann nicht vorbei, der zudem einen großen Rückhalt in der Weltkirche genießt. 2001 wurde er Kardinal.

Dabei ist Lehmann kein Würdenträger, der zur Illoyalität einem Papst gegenüber neigt. Lieber flüchtet er sich in einen seiner berühmten, gewundenen, sich schier endlos verschachtelnden Sätze, die dem Fragesteller die Lust am Insistieren nehmen. Der Kardinal weiß seine Kritik zu verpacken und zu dosieren. Und er hat dieses herzliche, ansteckende Lachen, das die Distanz zu anderen Menschen schwinden lässt.

Grundsätzlich ist natürlich auch Lehmann ein Konservativer. Was will man auch anderes als Repräsentant einer Institution mit einer 2000 Jahre währenden Vergangenheit sein? Die populistische Konzession an den Zeitgeist liegt ihm nicht, dafür denkt er zu komplex, zu tief. Mit ihm sitzt ein Gelehrter im Bischofshaus, der viel liest, reflektiert, am liebsten alles selbst schreibt. Sein Luxus sind Zeit und Nachdenklichkeit, von dem er in seinem arbeitsamen Leben immer zu wenig hatte. Menschen wie er zweifeln an, steuern um, geben sich nicht mit den schnellen Antworten zufrieden. Deshalb hatte er in der Bischofskonferenz immer seine Probleme mit den Verkündern plakativ verkürzter Botschaften wie dem einstigen Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba oder dem früheren Augsburger Bischof Walter Mixa. Beide verfochten ein erzkonservatives Kirchenbild, kaum verträglich mit dem moderaten Pragmatismus Lehmanns.

Der Mainzer Kardinal indes ist ein geistiges Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dort machte die katholische Kirche einen großen Schritt auf die Moderne zu. Dort wurde ein neues Kapitel im Dialog mit Andersgläubigen, aber auch mit Atheisten aufgeschlagen. Während der Jahre des Konzils (1962 bis 65), aber auch in der Phase davor brachen verkrustete Strukturen auf, diskutierten Bischöfe und Laien in Rom und auf der ganzen Welt so lebendig wie selten. Wer sich Lehmann annähern will, muss immer auch den Geist des Konzils sehen, von dessen inspirativer Kraft sein ganzes Schaffen geprägt war und das er als Mitarbeiter des Ausnahmetheologen Karl Rahner miterlebte.

Irgendwann war Lehmann dann selbst Professor, erst in Mainz, dann in Freiburg. Als er 1983 zum Bischof von Mainz ernannt wurde, freuten sich viele reformhungrige Katholiken. Manche enttäuschte er in den Jahren danach, weil Lehmann – auch im Verhältnis zu Rom – der Ausgleich wichtiger als die Attacke war.

In Amt und Würden hat er noch lange versucht, wissenschaftlich auf dem Stand zu bleiben, was nicht leicht ist, wenn man ein Bistum leiten muss und auch noch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz amtiert. Das Bedauern, seine wissenschaftliche Karriere geopfert zu haben, war bei dem Kirchenmann aus Sigmaringen gelegentlich spürbar. Was nicht heißt, dass ihm die Verkündigung keine Freude bereitete.

Kirche muss mit allen reden

Seine tiefe Überzeugung heute ist, dass eine Kirche eine „Kirche des Dialogs“ sein muss. So praktiziert er es in seinem Bistum, und so möchte er es auch in ganz Deutschland, vielleicht sogar in der Weltkirche gelebt sehen. Der Kardinal hat immer das Gespräch mit allen gesellschaftlichen Kräften gesucht. Auch da ist die Botschaft des Zweiten Vatikanums bei ihm lebendig. Wobei Lehmann realistisch sieht, „dass meine Generation, die vom Konzil geprägt wurde, jetzt den Stab weitergibt“.

Je älter der Kirchmann wird, desto näher fühlt er sich seinen Wurzeln. Er spürt Dankbarkeit für seine Eltern, die ihm Halt und ein solides Fundament an Werthaltungen gaben. Wenn er sich in ein paar Jahren vom Bischofsamt zurückzieht, will er sich gründlich in theologische Themen vertiefen, vielleicht noch ein paar Bücher schreiben. Viele Menschen werden gespannt sein, was der Kardinal aus Mainz zu sagen hat.

Von unserem Redakteur Dietmar Brück