Archivierter Artikel vom 30.10.2012, 14:29 Uhr

Kampagne zur Organspende startet schleppend

Berlin – Ungeachtet des jüngsten Skandals um die Transplantationsmedizin, startet Anfang November eine Kampagne für mehr Spenderorgane. Die Versicherten bekommen einen Organspendeausweis und Informationen zugeschickt. Die Techniker Krankenkasse (TK) kündigte bereits an, direkt zum Inkrafttreten der Organspendereform am Donnerstag, 1. November, mit dem Versand an ihre 6,9 Millionen Versicherten über 16 Jahre zu beginnen. Andere Kassen warten ab.

Berlin - Ungeachtet des jüngsten Skandals um die Transplantationsmedizin, startet Anfang November eine Kampagne für mehr Spenderorgane. Die Versicherten bekommen einen Organspendeausweis und Informationen zugeschickt. Die Techniker Krankenkasse (TK) kündigte bereits an, direkt zum Inkrafttreten der Organspendereform am Donnerstag, 1. November, mit dem Versand an ihre 6,9 Millionen Versicherten über 16 Jahre zu beginnen. Andere Kassen warten ab.

Bis Ende Oktober kommenden Jahres haben die Kassen nun für entsprechende Briefe Zeit. Das Ziel ist es zunächst, die Versicherten zu informieren, sagt TK-Chef Jens Baas. Die Versicherten könnten die Ausweise im Scheckkartenformat auch unausgefüllt lassen oder einer Organentnahme nach dem Tod widersprechen. Baas: „Wir wollen niemanden dazu drängen.“

Ziel der im Bundestag über die Fraktionsgrenzen hinweg beschlossenen Entscheidungslösung und der Kampagne ist aber schon eine Steigerung der Spendebereitschaft. Der nun umgesetzten Reform waren jahrelange Debatten vorausgegangen. Jetzt sollen alle Versicherten informiert und um eine Entscheidung gebeten werden. Bisher musste man sich aktiv um das Thema kümmern und gegenüber den Angehörigen oder per Ausweis seine Spendebereitschaft bekunden, wenn man nach dem Tod als Organspender infrage kommen wollte.

Die TK beginnt mit dem Versand an ihre Versicherten in Hamburg und Berlin. Alle zwei Jahre muss künftig erneut informiert werden. Dass andere Kassen noch abwarten wollen, stößt bei Baas auf Kritik: „Das ist Aus-der-Verantwortung stehlen.“

Nächstes Frühjahr angepeilt

Die größte Kasse, die Barmer GEK, fügt in Versichertenschreiben Flyer zur Vorabaufklärung und Motivation bei. „Anfang des kommenden Jahres findet die Kampagne ihren Höhepunkt, wenn die Versicherten vollumfängliche Informationen samt Organspendeausweisen per Post erhalten“, sagt ein Sprecher. Für die DAK-Gesundheit sagt ein Sprecher: „Wir werden erst im nächsten Jahr damit starten.“ Die Kasse peilt das Frühjahr an.

Die AOK informiert ihre Versicherten seit April im Internet, sagt ein Sprecher des AOK-Verbands. Mit dem Start des Gesetzes beginnt die AOK in einigen Regionen mit der schriftlichen Information. „Der Schwerpunkt der Versendung der Informationsmaterialien wird im kommenden Jahr sein.“

Die 111 Betriebskrankenkassen entscheiden jeweils selbst über den Zeitpunkt des Versandes. Der BKK-Bundesverband hat dazu ein Musteranschreiben erarbeitet. Die Siemens-Betriebskrankenkasse will die Versicherten noch nicht mit Ausweisen versorgen. „Der Skandal und die anhaltende Diskussion haben die Akzeptanz der Ausweise in den Keller gefahren – leider“, sagt ein Sprecher.

Rückgang der Spendebereitschaft

Tatsächlich hatte der Verdacht krimineller Tricksereien bei der Vergabe von Organen in Göttingen und Regensburg laut Umfragen zu einem Rückgang der Spendebereitschaft geführt. Bei einem Treffen von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) mit Vertretern von Ländern, Ärzten, Kassen und Kliniken waren im August schärfere Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten vereinbart worden. In der Koalition, vor allem aber bei SPD, Linken und Grünen blieben jedoch Zweifel und Forderungen nach mehr staatlicher Aufsicht.

Von den 12 000 Menschen, die in Deutschland auf eine Spende warten, sterben jeden Tag drei. Baas räumt ein, dass die Kampagne allein die Probleme nicht deutlich abmildern kann. Wie viele Menschen einen Ausweis ausfüllen, wird auch nicht ermittelt.

Überraschend dürfte für viele Empfänger des Kassenmaterials sein, dass sie sich auch über Patientenverfügungen Gedanken machen sollen. Baas erläutert: „Wenn ich ausschließe, dass ich Apparatemedizin bekomme, schließe ich damit auch die Organspende aus.“ Denn ist der Hirntod eingetreten, müssen Betroffene an Apparate angeschlossen werden, damit die Organe bis zur Entnahme funktionsfähig bleiben.

Von Basil Wegener