Archivierter Artikel vom 20.12.2012, 07:00 Uhr
Kassel

Jubiläum: Es waren einmal zwei Geschichtensammler

Jacob und Wilhelm Grimms „Kinder- und Hausmärchen“ sind heute vor 200 Jahren erschienen. „Es war einmal ...“ Wohl jedes Kind freut sich auf die Geschichte, die dann folgt. Ob Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Hänsel und Gretel – die Märchen der Brüder Grimm werden seit Generationen rund um den Globus vorgelesen.

Kassel – Jacob und Wilhelm Grimms „Kinder- und Hausmärchen“ sind heute vor 200 Jahren erschienen. „Es war einmal ...“ Wohl jedes Kind freut sich auf die Geschichte, die dann folgt. Ob Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Hänsel und Gretel – die Märchen der Brüder Grimm werden seit Generationen rund um den Globus vorgelesen. Der erste Band der Erstausgabe der Grimm'schen „Kinder- und Hausmärchen“ erschien vor 200 Jahren am 20. Dezember 1812. Drei Jahre später folgte Band zwei mit weiteren Märchen – der Beginn eines sagenhaften Erfolgs: Die Geschichten wurden in mehr als 170 Sprachen übersetzt. Die Gesamtauflage liegt bei weit mehr als einer Milliarde Exemplaren. Die Märchen bieten Stoff für Forschungsgebiete von der Philologie bis hin zur Psychologie.

1806 fingen Jacob (1785–1863) und Wilhelm (1786–1859) Grimm an, Märchen zu sammeln. Allerdings zog das in Kassel lebende Brüderpaar dafür keineswegs durchs Land. Die Grimms ließen sich von Menschen aus ihrem Bekanntenkreis Märchen erzählen und schrieben diese auf. Zunächst dienten die Familien Wild und Hassenpflug aus Kassel als Quellen, für den zweiten Band kamen Erzählungen der Wirtstochter Dorothea Viehmann hinzu (siehe unten stehender Text).

Für die Ewigkeit festgehalten

Mit dieser Vorgehensweise, tradierte Geschichten schriftlich festzuhalten, haben die Brüder Grimm aus Sicht des Prof. Holger Erhardt von der Universität Kassel nicht weniger getan, als Erzählungen für die Ewigkeit festzuhalten, die an die Anfänge unserer Zeitrechnung reichen. „Märchen geben alte Geschichten der Menschheit wieder. Die Brüder haben versucht, alles zu sammeln, was auf das germanische Altertum verweist“, erklärt Erhardt. Die Brüder wandelten das Gehörte um, schrieben daraus die Geschichten, die in aller Welt berühmt geworden sind. Ob Schneewittchen, Dornröschen oder Aschenputtel – oft ging es um ein gutes Mädchen, dem zunächst etwas Schlimmes widerfährt, ehe sich alles zum Guten wendet.

Anfangs jedoch blieb der Erfolg des Buches aus. Detailreiche Grausamkeiten und wissenschaftliche Anmerkungen der Brüder waren nicht gerade förderlich. Während Jacob seinen Schwerpunkt auf die Sprach-, Politik- und Religionswissenschaften verlagerte, arbeitete Wilhelm die Märchen rigoros um und verpasste ihnen den bekannten romantischen Stil. Da wurde die böse Mutter zur bösen Stiefmutter, der nackte Prinz zum prächtig gekleideten Jüngling. Textpassagen mit erotischen Anspielungen wurden gestrichen, verniedlicht, teils mit christlicher Moral unterfüttert, was Wissenschaftler heute durchaus kritisch bewerten. Auf der anderen Seite wird regelmäßig diskutiert, ob Märchen zu gewalttätig und grausam sind, um sie kleineren Kindern vorzulesen.

Verdiente Philologen

Doch nicht nur Märchen gehören zu den Hinterlassenschaften der Grimms. Dass sie auch bedeutende Sprachforscher waren, sei vielen nicht bekannt, sagt der Kasseler Professor Ehrhardt. „Im Vergleich zu Goethe und Schiller haben die Grimms wenig Aufmerksamkeit“, betont er. Dabei gebühre ihnen auch als Wissenschaftler große Anerkennung. Die Grimms gelten als Gründungsväter der Deutschen Philologie und der Grammatik: Jacob Grimm gab die „Deutsche Grammatik“ heraus, gemeinsam veröffentlichten die Brüder das „Deutsche Wörterbuch“ – auch wenn sie nur bis zum Wort „Frucht“ kamen.

Aber verbunden bleiben werden die Namen Jacob und Wilhelm Grimm vor allem mit ihren Märchen. Knapp die Hälfte der Geschichten beginnt übrigens mit der Formulierung „Es war einmal ...“ – mit diesen nahezu magischen Worten, die Kinderaugen zum Leuchten bringen.