Archivierter Artikel vom 18.11.2013, 08:53 Uhr

Jahrestag: Der Mordfall JFK – ungelöst

Angefangen hat es am Flughafen, Love Field, wo sich die Regenwolken des Morgens verzogen, und ein dichter Pulk von Schaulustigen auf das Glamourpaar der US-Politik wartete. Auf John und Jacqueline Kennedy, Jack und Jackie, wie Bill Newman sie nennt.

Ein Bild, das um die Welt ging: Nach den Schüssen auf ihren Mann John F. Kennedy versucht Jacqueline Kennedy aus der Limousine zu klettern.
Ein Bild, das um die Welt ging: Nach den Schüssen auf ihren Mann John F. Kennedy versucht Jacqueline Kennedy aus der Limousine zu klettern.

„Wir waren spät dran“, erinnert er sich. Den zwei Jahre alten Clayton auf dem Arm, konnte er sich irgendwie durchdrängeln bis zur Absperrung. Aber seine Ehefrau Gayle, mit dem dreijährigen Billy huckepack, stand drei Reihen dahinter und sah praktisch nichts. Kurz darauf saßen die Newmans wieder im Auto, Bill parkte den Wagen hinterm School Book Depository, dem Schulbuchlager, dann eilten sie zur Main Street, zur Geschäftsmagistrale von Dallas. Weil das Jubelspalier dort zu kompakt war, liefen sie heraus aus dem Zentrum, die Elm Street hinab, auf eine Eisenbahnbrücke zu, wo sich die Menge zu lichten begann. So kam es, dass sie genau an der Stelle standen, an der die Schüsse fielen, direkt an der Bürgersteigkante, im Rücken ein grasbewachsenes Hügelchen, Grassy Knoll. Als Panik ausbrach, warfen sich Bill und Gayle Newman schützend über ihre Söhne. Es war ein Bild, das um die Welt ging.

Gestandene Männer lagen sich in den Armen: Jürgen Mattert (Neuerkirch) lag gegen 21 Uhr schon im Bett in Berlin, wo er damals lebte. “Wie so oft hörte ich den Ami-Sender AFN, als plötzlich die Musik unterbrochen wurde. Stille. Dann die Durchsage, dass auf Kennedy ein Attentat verübt wurde. Wieder Stille. Nach einer Ewigkeit wurde die Meldung bestätigt. Der Präsident sei schwer verletzt. Noch vor wenigen Monaten hatten wir ihm zugejubelt. Die Zuschauer waren so euphorisiert und aufgewühlt. Wenn Kennedy gesagt hätte: „Wir gehen jetzt alle zur Mauer und reißen dieses Schandmal nieder“, wären alle losgerannt, und es wäre ein Unglück geschehen. Jetzt wollte ich mit anderen Menschen über diesen feigen Anschlag reden. Ich sprang aus dem Bett, zog mich an und rannte in meine Stammkneipe. „Mach mal das Radio an, die haben auf Kennedy geschossen.“ Der Wirt suchte erst noch den Sender AFN, immer noch klassische Musik. Von den Gästen in der Kneipe kam einer nach dem anderen an die Theke und fragte nach dem Grund dieses Aufruhrs. Ewiges Warten und Diskutieren, dann die Durchsage, dass Präsident Kennedy soeben den Verletzungen erlegen sei. Eisiges Schweigen. Dann, nach und nach, sah man gestandene Männer sich umarmen, und viele schämten sich ihrer Tränen nicht.

Dankeskarte von der Witwe: So wie Gisela Stahl aus Erpel (Kreis Neuwied) schickten nach der Ermordung viele Menschen, besonders Frauen, Jackie Kennedy ein Beileidsbekundung. Gisela Stahl bekam 1965 eine Antwort aus den USA. Die Frau aus Erpel hat sie bis heute aufbewahrt.

Er war unser Idol: Jens H. Paul (Koblenz) war aus Protest im Wintersemester 1961 zum Studieren nach Berlin gegangen, als andere nach dem Mauerbau aus dem westlichen Teil flüchteten. „So erlebte ich diese politisch sehr bewegte Zeit voll mit. John F. Kennedy habe ich natürlich gleichfalls hautnah miterlebt, als er am 26. Juni 1963 Westberlin besuchte und vor 1,5 Millionen Menschen an der Seite von Bürgermeister Willy Brandt vor dem Schöneberger Rathaus sprach und seinen berühmten Ausspruch tat: “Ich bin ein Berliner!„ Die Berliner jubelten; das ging ihnen ans Herz. Wir Studenten waren begeistert, er war unser Idol, unser Garant für Freiheit und Humanität. Ich war deshalb wie unzählige andere auch äußerst erschüttert, entsetzt und empört, als die Nachricht eintraf, dass Kennedy am 22. November 1963 ermordet worden war. Es gab Protestversammlungen, Diskussionen, Gedenkveranstaltungen. Die Menschen waren tief betroffen. Kennedy wurde verehrt.“

Bilder haben sich eingebrannt: Lorette Wiedner (Koblenz) lebte in einem Vorort von Atlanta, Georgia und war gerade 13 Jahre alt, als das Attentat geschah: „An diesem Tag wurde ich am frühen Nachmittag zur Rektorin geschickt, um Unterlagen abzugeben. Diese strenge, normalerweise sehr beherrschte Frau war seltsam verstört. Sie sagte uns, der Präsident sei angeschossen und bat uns, die Lehrerinnen zu informieren. Wir gingen von Klasse zur Klasse, alle waren fassungslos. In jedem Zimmer wurden sofort die Fernseher angeschaltet, aber es war ohnehin bald Zeit, nach Hause zu gehen. Neben unserer Schule war eine Schule, die von der Katholischen Kirche geleitet wurde. Die Katholiken waren natürlich mächtig stolz gewesen, als Kennedy gewählt wurde, der erste katholische Präsident der USA. Jeden Tag auf dem Heimweg gab es Sticheleien zwischen den Schülern dieser beiden Lehranstalten. Aber an diesem Tag war es gespenstisch still und geordnet. Alle weinten, und sie taten uns leid, obwohl wir genauso traurig und fassungslos waren. Es folgten viele Tage vor dem Fernseher: die Ermordung von Lee Harvey Oswald durch Jack Ruby, die Vereidigung von Präsident Johnson im Flugzeug mit Jackie Kennedy neben ihm, im blutbespritzten rosa Kostüm, Bilder, die man Dutzende Male immer wieder zeigte. Dann die Beisetzung in Arlington, das einsame schwarze Pferd, der kleine salutierende John-John, all diese Bilder haben sich in das Gedächtnis derer eingebrannt, die diesen Tag bewusst erlebt haben. Kennedy war für uns Jugendliche eine Lichtgestalt, jung, gut aussehend, mit einer hübschen Frau und zwei goldigen Kindern. Übrigens habe ich am 11. September genau diese selbe Stimmung gespürt – alle waren sprachlos. “

Hoffnung auf bessere Welt vernichtet: Ursula Posselmann (Westernohe) war 16 Jahre und lebte in einem Mädchenheim in Wiesbaden. „Ich kann mich noch genau an das Attentat erinnern. Der Schock war so groß, dass wir nichts anderes tun konnten, als laut zu schreien. Zumal wir Präsident Kennedy fünf Monate zuvor bei seinem Besuch in Wiesbaden live erleben durften. Die Wagenkolonne und wir waren nur durch einen Drahtzaun getrennt. Der Garten des Mädchenheims lag dem Hotel, in dem er abgestiegen war, direkt gegenüber. Als ich im vergangenen Juni eine Ausstellung in Wiesbaden zu den Ereignissen vor 50 Jahren besuchte, waren meine Gefühle so intensiv, als sei das Ganze erst kurz zuvor geschehen. Der Grund für diese Emotionalität dürfte darin gelegen haben, dass John F. Kennedy mit seiner Art die Herzen der Menschen erreichte. Für mich und viele andere war er ein Hoffnungsträger für eine bessere Welt, diese Hoffnung wurde am 22. November 1963 mit einem Schlag vernichtet.“

Ereignis prägte mein Leben: 1963 war Joachim Guth (Nickenich) 17-jähriger Gymnasiast an der Robert-Blum-Schule in Westberlin. „Natürlich waren wir alle aus dem Häuschen, als Kennedy im Sommer Berlin besuchte. Ich stand auch am Schöneberger Rathaus, als er seine berühmte Rede hielt. Am Tag des Attentats, einem Freitag, habe ich wohl keine Abendnachrichten gehört. Ein Fernsehgerät besaßen meine Eltern damals noch nicht. Gegen 22 Uhr – meine Eltern waren schon zu Bett gegangen – nahm ich in meinem Zimmer den Detektorempfänger zur Hand, ein simples Rundfunkempfangsgerät. Ich stocherte mit der Nadel am Empfangskristall herum, um Musik zu empfangen. Da plötzlich hörte ich erstmals die Nachricht. Wie in Trance weckte ich meine Eltern und teilte ihnen das Unglaubliche mit. Ich konnte in der Nacht kaum schlafen. Sehr lebhaft ist mir der folgende Schultag in Erinnerung: Die Schüler strömten zusammen, kaum jemand ging in seinen Klassenraum. Spontan versammelten wir uns in der Schulaula, alle wirkten sehr bedrückt und ernst. Unser Schuldirektor hielt eine beeindruckende Gedenkrede. An Unterricht war an diesem Tag nicht mehr zu denken. Alle Schüler wurden nach Hause geschickt. Selten verließen wir die Schule so still. Dieses Ereignis hat mein Leben geprägt.

Im Süden auch Genugtuung erlebt: Hilja Friedrich (Koblenz) war 17 und lebte seit einem knappen Jahr in den USA, als der Präsident ermordet wurde. “Ich saß in der Bibliothek der High School in Oxford, Mississippi, und wir hatten Mittagspause. Plötzlich wandte sich unser Direktor Wilson über die Rundsprechanlage an alle Lehrer und Schüler. Mit brüchiger Stimme teilte er uns mit, dass Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen worden war. Es war absolut still im Raum, dann fingen einzelne Mädchen an laut zu schluchzen. Andere Schüler rannten in den Garten. Ich saß wie benommen am Tisch und konnte nicht fassen, dass so etwas Grauenvolles gerade wirklich passiert sein sollte. An Unterricht war nicht mehr zu denken. Wir kamen in der Aula zu einer Andacht zusammen. Die Reaktionen der Menschen in Mississippi darauf waren sehr unterschiedlich. Die Farbigen sahen sich ihrer Hoffnung auf Durchsetzung ihrer Menschenrechte beraubt. Die jüngeren, gebildeten Weißen und auch die meisten meiner Mitschüler hatten ein Idol verloren. Es gab aber besonders unter den alteingesessenen weißen Südstaatlern nicht wenige, die Genugtuung empfanden. Da hatte jemand diesem katholischen Yankee für seine Einmischung in Angelegenheiten des Südens die Grenzen gezeigt. Die Rassentrennung und diese latente Atmosphäre von Hass und Gewalt im Süden der 60er-Jahre war für mich als deutschen Teenager von 17 Jahren sehr verstörend und belastend.

Affären nicht verstanden: Wolfgang Sprungk (Koblenz) war 13 Jahre alt, als Kennedy ermordet wurde. „Ewig blieb mir die Szene im Gedächtnis, als seine Frau auf das Heck des Autos kletterte. Ich konnte nicht verstehen, ob sie Hilfe suchte oder in panischer Angst diesen Schritt tat. Ich hörte aber den Erwachsenen zu, wenn sie sich erzählten, dass Kennedy einen Atomkrieg verhindert hat und in Berlin eine große Rede gehalten hat. Erst als Erwachsener konnte ich mich genau informieren, was zum Beispiel in Kuba geschehen war. JFK war sicherlich eine Persönlichkeit, wie es sie selten gibt. Allerdings habe ich seine Affären – da er eine bildhübsche und intelligente Frau hatte – nie verstanden.“

Traurigen Brief an die Eltern geschrieben: Brigitte Turowski (Neuwied) war 11 Jahre alt und lebte in Berlin, als Kennedy die Stadt besuchte – und auf Klassenfahrt, als die Nachricht vom Tode kam. „Der Besuch war an einem heißen Tag, und wir fuhren durch die Stadt, um den Präsidenten mehrmals zu sehen. Wir waren dann auch vor dem Schöneberger Rathaus und erlebten die denkwürdige Rede. So einiges blieb doch bis heute hängen. Ich habe auch noch die Broschüre, die aus diesem Anlass herausgegeben wurde. Dann waren wir im November mit der gesamten Klasse auf Klassenfahrt. Ich erinnere mich gut: Wir lagen in unseren Betten, etliche Mädchen in einem Zimmer, es entstand Unruhe, die “Tanten„ hörten Radio, waren entsetzt und traurig, bis sie uns dann sagten: “Kennedy wurde erschossen!„ Das hat uns alle erschüttert, zumal wir ja aus Berlin kamen. Vor einigen Tagen fand ich im Nachlass meiner Eltern die Briefe, die ich ihnen damals geschrieben hatte. Unter anderem schrieb ich: “Mir tun die Frau von Kennedy und seine Kinder so leid, denn die Kinder haben nun keinen Vater mehr!"

Erst an Silvesterknaller gedacht

Die ersten beiden Kugeln hatte Bill noch für Silvesterknaller gehalten. Erst bei der dritten, der tödlichen, begriff er, dass es kein Scherz sein konnte. Er sah Fetzen durch die Luft fliegen, etwas Undefinierbares, und die First Lady in ihrem rosafarbenen Kostüm aus dem Fond nach hinten klettern – erst später erfuhr er, dass Jacqueline Kennedy Fragmente vom Schädel ihres Mannes einzusammeln versuchte. „Mein Gott, sie haben Jack erschossen!“, hörte er sie schreien. Dann stießen Bill und Gayle ihre Söhne ins Gras und legten sich flach, „wir glaubten, wir könnten ins Kreuzfeuer geraten“, sagt die Mutter.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Newmans vom Mord an John F. Kennedy erzählen. Doch erstmals tun sie es im Quartett, wobei sich Billy und Clayton eigentlich nur daran erinnern, dass sie zu klein waren, um sich erinnern zu können. Ein bisschen verlegen sitzen die vier im Saal des Sixth Floor Museum, das Zeitzeugen gebeten hat, Revue passieren zu lassen, was sie vor 50 Jahren erlebten. Kleine Leute, konservatives Texas. Nur weiß man eben auch, dass solche Leute keine Märchen erzählen.

Ein Phänomen ist es schon. Es ist alles gesagt, seit fünf Dekaden wird der Fall aus allen Perspektiven beleuchtet, und doch scheint es, als würden runde Jahrestage zum Gedenken an Kennedy heute mit noch größerem Aufwand begangen als früher. Dallas, 22. November 1963, damit verbindet sich ein nationales Trauma. Eines dieser Schreckenserlebnisse, das viele Amerikaner live am Fernseher verfolgten. Der 11. September, als das zweite Flugzeug ins World Trade Center krachte und der Feuerball über die Bildschirme flimmerte. Die Explosion der Raumfähre „Challenger“. Die Schüsse auf JFK. Es sind Tage, an denen jeder weiß, wo er war, als es geschah.

Julian Read saß mittendrin im Konvoi, im Pressebus, und tappte minutenlang völlig im Dunkeln – es gab ja damals noch keine Mobiltelefone. 1963 war er Sprecher des texanischen Gouverneurs, und wenn einer jedes Detail der präsidialen Reise nach Texas schildern kann, dann ist es Read. Dallas, blendet er zurück, galt als heikles Pflaster. Rechte Hardliner verdächtigten Kennedy, mit Moskau zu sympathisieren.

Nun, Kennedy habe eben auch Geld sammeln wollen, erzählt Julian Read, Spenden für den nächsten Wahlkampf, „Dollars harken auf den Wiesen reicher Texaner“. Von San Antonio ging es über Houston und Fort Worth nach Dallas, ehe Austin den Schlusspunkt setzen sollte. Wäre Kennedy nur gleich nach Austin geflogen! Hätte es nur weitergenieselt! Die Personenschützer hätten ein Plastikdach über die offene Staatskarosse gespannt, der Angreifer hätte schlechter zielen können. Jim Lehrer, ein Veteran der Fernsehnachrichten, widmet allein der Sache mit dem Autodach, den lebenslangen Selbstvorwürfen eines depressiv gewordenen Bodyguards, einen soeben erschienenen Roman. Hätte, wenn, aber – es ist eine Geschichte im ewigen Konjunktiv.

Bei vielen bleiben Zweifel

Über all dem schwebt der anhaltende Zweifel, dass ein einzelner Schütze wirklich in der Lage gewesen sein soll, dreimal in Folge auf den Präsidenten zu feuern. „Drei Präzisionsschüsse in nur 8,4 Sekunden? Mit einem Gewehr von 1940? Von dort oben? Das glaubt doch kein Mensch“, sagt John Rollins, ein Möbeltischler, der die Elm Street inspiziert wie einen Tatort, an dem etwas vertuscht werden soll. „Oswald war nur der Sündenbock, dabei bleibe ich.“ Lee Harvey Oswald, der bei der Marineinfanterie zum Scharfschützen ausgebildet wurde, in der Sowjetunion Asyl suchte und in Minsk Marina Prusakowa heiratete, bevor er in die USA zurückkehrte, wo die Ehe in die Brüche ging, dieser verbitterte Mann hatte sich im sechsten Stock des Schulbuchlagers verschanzt. Die Etage wurde renoviert, hinter Bücherkisten fand er ein ideales Versteck.

Eine Sonderkommission erklärte die Einzeltäterthese 1964 zur einzig plausiblen: Drei Kugeln seien abgefeuert worden, alle von Oswald. Die erste verfehlte ihr Ziel. Die zweite traf JFK im Nacken, trat in Höhe seines Krawattenknotens wieder aus und verletzte auch Connally. Die dritte ließ Kennedys Kopf buchstäblich explodieren. Egal, die Börse der Mordkomplotte spekuliert munter weiter. Nur hatte auch Bill Newman damals den Eindruck, als sei die tödliche Kugel über den Grassy Knoll geflogen, von der Seite auf die Staatslimousine zu, nicht schräg von hinten, wo Oswald am Eckfenster stand. „Tja, in dem Punkt bin ich korrigiert worden. Es ändert nichts an meiner ersten Wahrnehmung.“ Während die Verschwörungstheoretiker felsenfest auf ihren Thesen beharren, räumt Newman ein, dass er sich getäuscht haben kann. „Wissen Sie, ich hatte einen Tunnelblick, meine Augen waren auf Kennedys Wagen fixiert, ich bekam gar nicht genau mit, was um mich herum geschah.“

Chirurg Dr. Ronald C. Jones ist spezialisiert auf die Behandlung von Schusswunden, das war er bereits damals, erst 31 und doch schon ein anerkannter Fachmann im Parkland Hospital. Jones wurde alarmiert und rannte aus der Kantine in die Notaufnahme, wo Kennedy bereits auf dem Bett lag. Nach fünf, sechs Minuten, berichtet Jones, sei allen klar gewesen, dass es keinen Zweck hatte. Man habe noch erwogen, den Brustkorb zu öffnen und Kennedys Herz zu massieren, aber da habe Dr. Kemp Clark, der Chefchirurg, schon resigniert abgewinkt. 48 Stunden später lag Oswald auf Jones‘ Tisch, nachdem der Stripklubbesitzer Jack Ruby auf ihn geschossen hatte. Die gleichen Handgriffe. „Das Resultat war das gleiche“, sagt der Arzt.

Der Arzt seziert Hollywood

Jones ist ein solider Zeuge, einer, der strikt bei seinem trockenen Medizinerduktus bleibt und völlig verzichtet auf dramatische Zuspitzungen. Bis in makabre Einzelheiten korrigiert er, was Hollywood aus dem vergeblichen Ringen um Kennedys Leben macht. In „Parkland“, dem neuesten Film, sind die Ärztekittel mit Blut verschmiert. „Nicht korrekt. Der Patient war schon so gut wie tot, als er hereingeschoben wurde. Sein Körper konnte kein Blut mehr pumpen.“ Wer sich die First Lady als aufgelöstes Nervenbündel vorstellt, dem hat Jones eigene, wahre Beobachtungen entgegenzustellen. Jackie Kennedy habe bewundernswert Haltung bewahrt, weder geschrien noch geweint. „Mein Eindruck war, sie wusste immer, dass es passieren konnte. Sie war darauf vorbereitet.“