Archivierter Artikel vom 26.01.2011, 06:58 Uhr
Berlin

Ist Bundeswehr nur bedingt tauglich? Armee – Warum Berufstruppe kein geschlossener Zirkel werden darf

Tödlicher Unfall und fragwürdige Zustände auf der „Gorch Fock“; gleicher Befund bei der Afghanistan-Truppe; dort auch geplünderte Feldpost. Drei Vorgänge bei der Bundeswehr, die dieser Tage für Aufregung sorgen. Zu viel der Aufregung? Handelt es sich nur um ein zufälliges Zusammentreffen von Einzelumständen, wie sie seit Anbeginn der Bundeswehr ähnlich immer wieder vorkamen? Man kann das so sehen.

Berlin. Tödlicher Unfall und fragwürdige Zustände auf der „Gorch Fock“; gleicher Befund bei der Afghanistan-Truppe; dort auch geplünderte Feldpost. Drei Vorgänge bei der Bundeswehr, die dieser Tage für Aufregung sorgen. Zu viel der Aufregung? Handelt es sich nur um ein zufälliges Zusammentreffen von Einzelumständen, wie sie seit Anbeginn der Bundeswehr ähnlich immer wieder vorkamen?

Man kann das so sehen. Doch berühren alle drei Vorgänge neuralgische Punkte des Militärwesens – und das zu einem Zeitpunkt, da die Bundeswehr sich im Totalumbruch von der Wehrpflichtarmee zwecks Landesverteidigung zur Berufsarmee mit globalem Offensivauftrag befindet. Das macht die Häufung zu einer sehr ernsten Sache.

Der Fall „Gorch Fock“ und das Pistolen-Unglück in Afghanistan werfen Fragen nach Geist und Qualität der Ausbilder in den Kaderschmieden der Bundeswehr auf. Das Segelschulschiff ist ja nicht irgendeine Grundausbildungsstation für Leichtmatrosen, sondern eine Sonderakademie für Offiziersanwärter. Es mag schön anzusehen sein, wenn die Bark unter vollem Tuch durch die Wellen pflügt. Windjammer-Nostalgie. Doch auf dem Schiff werden in erster Linie künftige Marine-Offiziere geprägt. Also wüsste man schon gern, welcher Geist an Bord herrscht und welcher Umgang mit Untergebenen dort wie exerziert wird.

Innenleben des Militärs transparent machen

Ihr hübsches Aussehen darf die „Gorch Fock“ so wenig vom kritischen Interesse ausschließen wie andere Elite-Einrichtungen der Armee, etwa die Kampftruppenschule in Hammelburg oder das Zentrum für Innere Führung in Koblenz. Mehr noch: Nachdem die Wehrpflicht ausgesetzt ist, wäre das Militär gut beraten, sein Innenleben verstärkt transparent zu machen. Damit aus der Berufstruppe kein geschlossener Zirkel wird, sondern die Bundeswehr Teil der Gesellschaft bleibt.

Was zuletzt über das Segelschulschiff an die Öffentlichkeit drang, klingt so unschön wie vorzeiten perfide Rituale bei den Gebirgsjägern oder Grenadierdrill nebst Gefangenen-Qual. Derartige „Entgleisungen“ – fernab der Notwendigkeiten einer anstrengenden, ja harten Ausbildung – haben eine lange Geschichte in fast jeder Armee. Die Bundeswehr stellt da keine Ausnahme dar. Es gehört wohl zu den unausrottbaren Fehlurteilen, dass erst Schikane, Erniedrigung und Bestehen auf absolutem Gehorsam richtige Soldaten formen.

Vielleicht griff deshalb mancher Journalist forsch zum Wort „Meuterei“. Eine unzutreffende Bezeichnung für einen Vorgang, der offenkundig weder Kommandostruktur noch Seetüchtigkeit der „Gorch Fock“ infrage stellte. Eher handelte es sich um ein Opponieren der Seekadetten gegen eine, sagen wir: indiskutable Führungskultur. Solche Reibereien waren schon in den 60er-/70er-Jahren in der Bundeswehr gar kein seltenes Phänomen, als Nachkriegsjahrgänge auf die „alte Schule“ vormaliger Wehrmachtsoffiziere prallten. Letzteren galt der bedingungslos gehorchende Soldat als Nonplusultra. Den Jüngeren stand das Verständnis vom mitdenkenden Soldaten näher, das inzwischen Leitbild Innerer Führung ist.

Das Prinzip von Befehl und Gehorsam ins Gleichgewicht zu bringen mit dem Prinzip des Staatsbürgers in Uniform, ist heute eine der zentralen Führungsherausforderungen. Vorgesetzte, die am Kadavergehorsam festhalten, müssen seitens der Truppe mit Gegenwehr rechnen. Und das ist gut so. Denn die Epoche, da Bataillone in Reih und Glied durchs Sperrfeuer marschierten, ist ebenso vorbei wie die Zeit der großen Panzer- und Seeschlachten. Kleine Gruppen von Spezialisten sind die Kampfeinheiten der Gegenwart. Klug der Truppführer, der sich beizeiten mit seinem „Team“ bespricht und dessen Rat ins taktische Kalkül zieht. Gescheit der Trupp, der einen durchgeknallten Vorgesetzten in die Schranken weist.

Zweifel an der Ausbildung auf der „Gorch Fock“

Sind Ausbildung und Denken des Offizierskorps hinlänglich auf die neuen Gegebenheiten eingestellt? Bei der „Gorch Fock“ liegen Zweifel nun offen zutage. Ähnlich die Fragestellung beim Pistolen-Unglück in Afghanistan: Sind Mannschaften und Leitende hinreichend vorbereitet auf die auch psychisch extremen Belastungen, die lange Aufenthalte im Feld und unter Beschuss mit sich bringen? Jeder Gediente weiß: Wenn ausgelaugte, von Extremstimmungen gebeutelte Soldaten die Möglichkeit haben, sogar in der Unterkunft mit noch geladenen Waffen zu hantieren, läuft etwas gehörig schief. „Waffe entladen, entspannt, gesichert“ ist soldatischer Primärdrill schon im Frieden, „Sicherheit herstellen“ die vornehmste Verantwortung aller Vorgesetzten. Von dieser Haltung darf es erst recht im Kriegslager keine Abstriche geben.

Und wie sieht es mit der Truppenunterstützung durch die Etappe aus? Es hat den Anschein, als habe man dort nicht begriffen, welche Bedeutung dem Feldpostwesen für die Moral der Truppe zukommt. Die Feldpost-Abwicklung an ein afghanisches Unternehmen auszulagern, ist so absurd, wie es die Übertragung des Munitionsnachschubs an eine afrikanische Billig-Airline wäre.

Die deutsche Politik hat – gegen den Willen großer Bevölkerungsteile – den permanenten Kampf- und Kriegseinsatz der Bundeswehr rund um den Erdball zur Staatsräson erklärt. Die Armee muss die Suppe nun auslöffeln. Aber ist sie dafür gewappnet? Das „zufällige Zusammentreffen von Einzelumständen“ nährt Zweifel, bedarf eingehender Erörterung – nicht zuletzt im Interesse der Soldaten. Diese Sache bloß als „Fall Guttenberg“ zu behandeln, ginge an ihrem Kern vorbei.

Eine Analyse von unserem Autor Andreas Pecht