Archivierter Artikel vom 27.10.2014, 06:00 Uhr
Berlin

Islamismus: Die gefährliche Anziehungskraft des Dschihad

Sie vermitteln ein klares Weltbild: „Salafisten sagen, was schwarz und was weiß ist“, konstatiert Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Und sie sagen: Wer salafistisch denkt und lebt, ist Avantgarde. Junge Menschen, die gescheitert und orientierungslos sind, hätten den Eindruck, „vom Underdog zum Topdog“ zu werden – vom Verlierer zum Helden.

Foto: dpa

Von Georg Ismar

Zum Symbol dafür wurde der Berliner Denis Cuspert alias „Deso Dogg“, der zum Führungszirkel der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehören soll – und in Rapvideos den „Heiligen Krieg“ als großen Spaß preist. Der Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers ist militanter Salafist, seine tausendfach angeklickten Internetauftritte bergen ein großes Mobilisierungspotenzial. Die Zielgruppe: 18- bis 30-Jährige.

Maaßen hat am Wochenende in einem rbb-Interview die Zahlen der radikalislamischen Salafistenszene nach oben korrigiert, auch weil der Verfassungsschutz nun im Zuge der verstärkten Ausreise nach Syrien und in den Irak noch genauer hinschaut. Statt 2800 Anhängern vor einigen Jahren sind es demnach nun schon 6300, bis Ende des Jahres vielleicht sogar 7000 Salafisten.

Der Anschlag eines 32-Jährigen im kanadischen Ottawa hat die Sorgen auch in Deutschland verstärkt. Der Vorbestrafte wollte nach Syrien ausreisen und verhandelte mit den Behörden wochenlang über seinen Reisepass – bevor er dann im Parlamentsgebäude um sich schoss, einen Menschen tötete. Ein Szenario etwa auch für Deutschland?

Jahrelang ließ man gewaltbereite Islamisten lieber ausreisen. Grundgedanke sei der „Schutz unserer Bevölkerung“ gewesen, sagte Anfang Oktober der Leiter der Abteilung Terrorismusbekämpfung des Landeskriminalamtes Bayern, Ludwig Schierghofer. Kürzlich verständigten sich aber die Innenminister von Bund und Ländern darauf, durch den Entzug des Personalausweises gewaltbereite Islamisten daran zu hindern, in Kampfgebiete auszureisen. Verdächtige sollen eine Art Ersatzausweis bekommen, mit dem sie Deutschland nicht verlassen dürfen. Die Anschlagsgefahr hierzulande bleibt abstrakt. „Man kann nicht hinter die Stirn der Menschen schauen und nicht in jede Wohnung hineinspazieren“, sagt Maaßen. Oft reichten die Beweise nicht aus für Ermittlungsverfahren. Daher seien künftig die Nachrichtendienste verstärkt gefragt.

Mindestens 450 Personen sind bereits aus Deutschland in die Kampfregionen Syrien und Irak gezogen, wo der IS Angst und Schrecken verbreitet. Sieben bis zehn davon hätten bereits Selbstmordanschläge verübt. „Aber die Dunkelziffer ist recht groß“, sagt Maaßen. Rund 150 Islamisten sind ihm zufolge bisher aus Syrien und dem Irak wieder zurückgekehrt. 25 seien dort in Kampfhandlungen verwickelt gewesen. Das Problem: Die Leute können überprüft und überwacht werden – aber eine Sicherheitsgarantie gibt es nicht. Die Gewerkschaft der Polizei fordert eine strengere Überprüfung von Moscheevereinen und Islamverbänden.

Das größte Problem scheint der starke Einfluss durch eine geschickte Internetpropaganda und Faceboook/Twitter-Kontakte auf junge Menschen zu sein – auch auf Frauen. Das sei anders als bei den Konflikten in Afghanistan und Pakistan, erläutert Maaßen: „Oftmals, so unsere Wahrnehmung, haben diese Frauen ein romantisches Bild einer Dschihad-Ehe vor Augen: einen jungen Mudschahed, der stark ist, der sich für die richtige Sache einsetzt, zu unterstützen, ihm hilfreich und dienlich zu sein, sogar als Zweit- oder Drittfrau.“ Bei Männern werde der Dschihad als Jugendkultur, als Abenteuer instrumentalisiert. „Dass es cool ist, dorthin zu gehen.“