Archivierter Artikel vom 11.04.2014, 00:00 Uhr
Rheinland-Pfalz

IHK fragt: Gehen unseren Schulen die Kinder aus?

Muss jeder zweite Schulstandort im nördlichen Rheinland-Pfalz mittelfristig auf den Prüfstand? Das behauptet die Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz in ihrem Schulatlas „Weniger Schüler, weniger Schulen?“.

Foto: contrastwerkstat

Von unserer Redakteurin Birgit Pielen

IHK-Präsident Manfred Sattler sagt: „Auch wenn zum heutigen Zeitpunkt insgesamt noch nicht klar ist, welche Schulstandorte konkret infrage stehen werden, zeichnet sich eines deutlich ab: Die aktuelle Bildungsinfrastruktur wird in Zukunft so nicht mehr aufrechtzuerhalten sein.“ Er fordert deshalb eine Diskussion über Schulstandorte – in einem stärkeren und öffentlich geführten Dialog.

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium hält die Prognosen der IHK für falsch – sie bildeten deshalb auch keine Grundlage für eine Debatte. „Eine allgemeine Gefährdung der Schulen besteht nicht“, erklärt Pressesprecherin Yvonne Globert.

Jeder zweiten Grundschule fehlen Schüler

Laut IHK haben 48 Prozent der Grundschulen für das Schuljahr 2012/13 die erforderliche Schülerzahl nicht mehr erreicht. Die Landesregierung in Mainz hat bereits 2009/10 die Klassenmesszahlen herabgesetzt. Bis 2014/15 sind nur 24 statt 30 Kinder notwendig, um eine Klasse zu bilden.

Realschule plus am meisten gefährdet?

Bei den Realschulen plus – sie sind im Rahmen der Schulstrukturreform aus Haupt- und Realschulen gebildet worden – verschärft sich aus Sicht der IHK die Situation: 54 Prozent hätten 2012/13 die Mindestsollvorgabe nicht mehr erfüllt. Bis 2020/21 werde die Schülerzahl um weitere 28 Prozent sinken. Obwohl zwei Schulen schon jetzt nur zwei- statt dreizügig geführt würden, seien sie in sechs Jahren nach wie vor in ihrem Bestand gefährdet. „Das zeigt, dass die bislang ergriffenen Maßnahmen den Auswirkungen der demografischen Entwicklung nicht in ausreichendem Maße entgegenwirken“, heißt es bei der IHK. Das Bildungsministerium in Mainz verweist auf funktionierende Kooperationen wie die der Realschule plus Mombach/Budenheim, bei der die verbandsfreie Gemeinde Budenheim mit der Stadt Mainz zusammenarbeitet. Zudem seien im vergangenen Jahr ausführliche Leitlinien für ein wohnortnahes Angebot an Realschulen plus von Ministerium und Schulaufsicht entwickelt worden.

IHK: Integrierte Gesamtschule abschaffen

Bei den integrierten Gesamtschulen sind laut IHK aktuell 80 Prozent im nördlichen Rheinland-Pfalz gefährdet (12 von 15). IHK-Hauptgeschäftsführer Arne Rössel fordert sogar, die IGS als Schulform abzuschaffen. Dem widerspricht laut Bildungsministerium, dass die IGS von Schülern und Eltern angenommen wird und die Anmeldungen die Zahl der Schulplätze übersteigen.

Bei den Gymnasien herrscht kein Mangel

Aufatmen können laut IHK lediglich die Gymnasien. „Sie sind die einzige Schulart in der Region, die größtenteils als stabil bezeichnet werden kann“, heißt es. Ein Grund dafür sei „das vom Land geförderte Bildungswahlverhalten zugunsten der allgemeinen Hochschulreife“. Dort, wo die IHK schwächelnde Gymnasien ausmacht, erklärt das Ministerium: „Hierbei handelt es sich zum Beispiel um die neu errichteten Gymnasien in Mülheim-Kärlich und Kirchberg. Beide verfügen über eine absolut ausreichende Zahl von Anmeldungen, haben jedoch noch nicht – da es sich eben um neu errichtete Schulen handelt – alle Klassenstufen (einschließlich der Oberstufe) gebildet.“

Als Handlungsmöglichkeiten schlägt die IHK ein weitaus stärkeres Absenken der Klassenmesszahlen und Zügigkeiten vor, außerdem das Zusammenlegen von Schulen gleicher Schulart – über kommunale Grenzen hinweg. Das Ministerium sagt dazu: „Es ist völlig klar, dass sich die Landkreise und kreisfreien Städte, die Träger der Schulentwicklungsplanung sind, auf den allgemeinen Rückgang der Schülerzahlen einstellen und ihre Schulentwicklungspläne entsprechend anpassen müssen.“