Archivierter Artikel vom 24.10.2012, 08:59 Uhr
Berlin

Holocaust-Mahnmal: Spätes Gedenken an das Leid der Sinti und Roma

Das Kanzleramt hat der Berliner Volksmund bereits zur „Waschmaschine“ gemacht. Mit der gleichen Liebenswürdigkeit werden die Hauptstädter demnächst vielleicht das neueste Werk des Starkünstlers Dani Karavan zur „Gedenkpfütze“ küren. Das zentrale Mahnmal für die Opfer des Völkermords an den Sinti und Roma wird heute von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeweiht.

Ein Ort, um den Schmerz zu fühlen: Ein zwölf Meter großer See soll an die vielen Opfer unter den Roma und Sinti erinnern. Jahrelang kam das Projekt allerdings nicht voran.
Ein Ort, um den Schmerz zu fühlen: Ein zwölf Meter großer See soll an die vielen Opfer unter den Roma und Sinti erinnern. Jahrelang kam das Projekt allerdings nicht voran.

Die von Wasser überflutete, kreisrunde Granitplatte ist so unscheinbar, dass Passanten des Spazierwegs zwischen Reichstag und Brandenburger Tor sie als kleinen Brunnen ansehen könnten. Nur die Einfassung des umliegenden Rasengeländes durch beschriftete Glaswände, ein Tag und Nacht zu hörender Geigenton und eine immer frische Blume inmitten des zwölf Meter großen „Sees“ geben einen Fingerzeig auf dessen tiefere Bedeutung.

„Ort, den Schmerz zu fühlen, sich zu erinnern“

Nach dem Willen des israelischen Architekten Karavan soll die Tiergarten-Lichtung zu einem Ort innerer Anteilnahme werden, „einem Ort, den Schmerz zu fühlen, sich zu erinnern und die Vernichtung der Sinti und Roma durch das nationalsozialistische Regime niemals in Vergessenheit geraten zu lassen“. Eine sechsstellige Zahl wurde von den Nazis als Zigeuner verfolgt und ermordet. Näheres ist nicht bekannt. „Es fehlen die Quellen“, sagt die Historikerin Karola Fings. Sie ist eine der wenigen Forscher, die diesen Völkermord bislang dokumentierten.

Das Mahnmal werde „eine Bereicherung für das Gedenken, für die Berliner Denkmallandschaft“ sein, ist die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Grütters (CDU), schon jetzt überzeugt. Die vergleichsweise unscheinbare Gedenkstätte hat am Ende 2,8 Millionen Euro gekostet. Die ursprünglich veranschlagte Summe von 2 Millionen Euro war bis zum Frühjahr fast komplett ausgegeben worden. Doch auf das Mahnmal wies damals nicht viel mehr als ein kreisrundes Loch in der Erde hin. Manche fühlten sich daher bereits an die „Topografie des Terrors“ erinnert. Bei dem 2010 eingeweihten NS-Dokumentationszentrum waren durch jahrelange Fehlplanung zunächst rund 10 Millionen Euro in den Sand gesetzt worden.

Kein Beteiligter, der sich nicht blamierte

Mehr noch als damals gibt es aber beim Sinti-und-Roma-Mahnmal eigentlich keinen Beteiligten, der sich nicht blamierte: die Bundesregierung genauso wie die Baubehörden, die Opferverbände und auch der Künstler von Weltrang. Nicht zu vergessen ein Regierender Bürgermeister wie Eberhard Diepgen (CDU), der das Projekt lieber gleich an den Stadtrand verlegen wollte. Oder ein namhafter NS-Historiker, der es vor Jahren mit dem Argument ablehnte, dass man dann auch ein Denkmal für getötete Wale errichten könnte.

Vor 20 Jahren wurde das Mahnmal versprochen

Zeit für Blamage hatten die Beteiligten durchaus: Bereits vor 20 Jahren hatten Bund und Land den Sinti und Roma eine Gedenkstätte versprochen. Auf Betreiben insbesondere des von der Publizistin Lea Rosh initiierten Förderkreises für das damals ebenfalls beschlossene Holocaust-Mahnmal sollte das Gedenken an die verschiedenen Opfergruppen klar getrennt werden.

Während das riesige Stelenfeld für die ermordeten Juden wenigstens 13 Jahre später eingeweiht wurde und auch die Lesben und Schwulen ihr Denkmal erhielten, warteten die Sinti und Roma bis zuletzt auf das ersehnte Zeichen der Anerkennung ihres Leidens. „Das zeigt den Stellenwert, den wir in dieser Gesellschaft haben“, bilanziert der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma, Romani Rose.

Der Zentralrat war selbst allerdings nicht ganz unschuldig daran, dass die Grundsteinlegung für das Mahnmal erst 2008 erfolgen konnte. Jahrelang lieferte er sich einen zähen Inschriftenstreit mit einem anderen Opferverband.

...und dann war das Wasser im See nicht schwarz genug

Dass es danach über drei Jahre lang mit dem Projekt nicht richtig voranging, lag wiederum am Künstler. Karavan änderte immer wieder seine Pläne ab, zuletzt war ihm das Wasser im „See“ nicht schwarz genug. Wie schon bei der „Topografie“ ging derweil die Baufirma pleite. Weder den Inschriftenstreit noch die Baustelle bekam die Politik richtig in den Griff. Die Kulturausschussvorsitzende Grütters räumt heute ein, dass Karavan „im Umgang anspruchsvoll“ sei. Auf den bereits gelegentlich geäußerten Kitschvorwurf entgegnet sie: „Niemand ist gezwungen, sich das Mahnmal anzusehen.“ Den bei solchen Projekten üblichen Gestaltungswettbewerb gab es nie.

Von Jürgen Heilig