Archivierter Artikel vom 16.10.2010, 09:54 Uhr

Haiti ist neun Monate nach dem Erdbeben noch immer ein Notfall

Port-au-Prince – Seit Jahrzehnten ist Haiti das Armenhaus der Karibik. Das Erdbeben im Januar hat diese ohnehin katastrophale Lage für die Menschen noch zusätzlich verschlechtert. Neun Monate später hat sich die Situation für Hunderttausende nicht wesentlich verbessert – obwohl Dutzende Hilfsorganisationen alles Menschenmögliche tun. Und zum Jahreswechsel könnte die Lage erneut eskalieren.

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Mehr als 1300 Zeltlager schossen nach der Erdbebenkatastrophe im Januar in Haiti aus dem Boden – vor allem in der 2,8 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Port-au-Prince. Viele sind überfüllt, und die Menschen haben nur eingeschränkt Zugang zu Nahrung und sauberem Wasser, leben unter haarsträubenden hygienischen Bedingungen. Und es gibt trotz massiver internationaler Hilfe wenig Hoffnung für sie.
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Aus Haiti berichten unsere Redakteure Peter Lausmann und Carsten Luther

Port-au-PrinceSeit Jahrzehnten ist Haiti das Armenhaus der Karibik. Das Erdbeben im Januar hat diese ohnehin katastrophale Lage für die Menschen noch zusätzlich verschlechtert. Neun Monate später hat sich die Situation für Hunderttausende nicht wesentlich verbessert – obwohl Dutzende Hilfsorganisationen alles Menschenmögliche tun. Und zum Jahreswechsel könnte die Lage erneut eskalieren.

. Am Abend drängen sich zehn Personen in das wenige Quadratmeter große Zelt. Auf der blauen Gasflamme köchelt eine braune Brühe – das Abendmahl für die ganze Familie, egal ob Greis oder Säugling. Die wenigen Hemden hängen schlaff über der Leine, frisch gewaschen wie jeden Tag. Es gibt keine Kleidung zum Wechseln. Sollte es zudem in dieser Nacht wieder heftig regnen, wird das Wasser durch die Nähte kommen und über den Boden laufen. Doch für die 30-jährige Canin Juria ist selbst das bereits ein Fortschritt. Ihr Mann, der als Fahrer die Familie ernährte, starb beim Erdbeben am 12. Januar, als das Haus über ihm zusammenstürzte. Seitdem muss sie allein für die Familie sorgen. In den ersten Monaten ohne ein Dach über dem Kopf, seit Juni zumindest in einem der Zeltlager.

Aber Hoffnung? „Woraus sollte ich Hoffnung schöpfen?“, fragt sie überrascht zurück. Es gibt keine funktionierende Regierung, keine Arbeit, nicht genügend Nahrung, die Trümmer ihres Hauses liegen unverändert. Woher sollte also die Hoffnung kommen? Juria will sich die Verzweiflung nicht anmerken lassen, dafür ist sie zu stolz, aber die Perspektivlosigkeit spricht aus jedem ihrer Blicke.

Jahrzehnte Misswirtschaft

Wie ihr geht es derzeit Hunderttausenden Haitianern. Bereits vor dem Erdbeben vom 12. Januar dieses Jahres lag das Land wirtschaftlich am Boden: Misswirtschaft, mangelnde Bildung und politische Ränke hatten den Staat so weit an den Abgrund gebracht, dass ab 2004 rund 10 000 UN-Soldaten der Minustah-Mission für Ordnung in Haiti sorgen sollten. Der Tourismus – der jenseits der Grenze die Dominikanische Republik aufblühen ließ – war zu diesem Zeitpunkt endgültig zum Erliegen gekommen.

Das Erbeben gab Haiti schließlich den letzten Stoß: Hunderttausende Menschen starben unter den Trümmern, als die fragilen Betonbauten reihenweise in sich zusammenbrachen. Das Unfassbare: Das Beben war zwar geografisch auf den Süden des Landes beschränkt, doch die Auswirkungen der Stärke 7,0 zerstörten die Hauptstadt Port-au-Prince und das direkte Umland nahezu komplett. Die Kathedrale und der eingestürzte Präsidentenpalast wurden zum weltweiten Sinnbild für die unvorstellbaren Zerstörungen.

Schnell schossen mehr als 1300 Lager aus dem Boden – beengt, unter schlimmsten Hygienezuständen und oftmals von Gewalt regiert. Zwar sollen seit Juli UN-Polizisten für Ordnung sorgen. Doch derzeit 200 Mann auf sechs Lager verteilt plus drei mobile Einheiten mit ihren verstreuten Patrouillen sind ein Tropfen auf den heißen Stein.

„Haiti ist ein absoluter Sonderfall“, analysiert auch Nicole Peter, Koordinatorin der Hilfsorganisation World Vision. Bei anderen Katastrophen sei man bereits nach wenigen Wochen von der Notfallhilfe-Phase in die Wiederaufbauphase übergegangen. Nicht so in Haiti. Trotz des großen Aufwands und der weltweiten Hilfe ist man bislang nur wenige Schritte vorangekommen.

Das verdeutlicht bereits die Trümmerlandschaft, zu der die Hauptstadt geworden ist. „Fast immer fehlt das schwere Gerät, um die Trümmer zu beseitigen“, beschreibt Peters die Lage. „Und dann ist auch eine wichtige Frage immer noch ungeklärt: Wohin mit den Millionen Tonnen Schutt?“

Die Regierung Haitis ist bei der schnellen Lösung dieser Kernfragen bislang keine große Hilfe. Die staatliche Verwaltung hat durch das Erdbeben selbst rund ein Drittel ihrer Mitarbeiter verloren, zudem stehen Ende November Präsidentschaftswahlen an (siehe Artikel unten). Bis dahin wird kaum mit Entscheidungen zu rechnen sein. Und auch danach nicht gleich – haitianische Mühlen mahlen traditionell sehr langsam. Parallel können auch aus der Gesellschaft nur wenige Impulse zum Aufbruch kommen. Das Beben hat alle Bevölkerungsschichten gleich hart getroffen. Ärzte, Ingenieure und andere Fachleute sind nur schwer zu finden – ein Ergebnis jahrzehntelanger Bildungsmisere.

Ungeklärte Grundfragen

Und letztlich steht allen zusammen auch die Bürokratie im Weg. Denn mit den Erdstößen ist auch ein altes Problem wieder aufgerissen: die strittige Frage des Landbesitzes. In Haiti ist selten festgelegt, wem welches Stück Land gehört. Oft wurde ein Status quo geduldet, wenn eine Familie auf der Fläche gebaut hatte. Nun liegt das Haus in Trümmern, und die Karten werden neu gemischt. Das heißt, dass ein schneller Wiederaufbau rein rechtlich kaum möglich ist. Ohne Katasteramt und Grundbuch kann niemand seine Eigentumsrechte einfordern.

Genau die ungeklärte Grundbesitzfrage holt die Hunderttausenden Flüchtlinge in den Lagern nun ein zweites Mal ein: Zum Ende des Jahres sollen die ersten Lager wieder geschlossen werden. Derzeit laufen Verhandlungen mit den Grundbesitzern. Doch diese wollen die Zeltstädte nun wieder loswerden und den Grund selbst nutzen, damit keine dauerhaften Slums entstehen. Zudem haben sie eine Befürchtung: Die Menschen könnten sich an das Leben in den Lagern samt internationaler Hilfe gewöhnen – für viele war die Situation zuvor auch nicht besser. So könnte sich ein neuer Status quo ergeben, der den Wiederaufbau zusätzlich hemmen würde.

Für die Flüchtlinge ist es aber vor allem die nächste Katastrophe, da die meisten keine Alternative wie Verwandte auf dem Land haben. „Wo soll ich denn noch hin?“, klagt Canin Juria. An den Wiederaufbau ihres Hauses ist derzeit nicht zu denken, die anderen Lager sind ebenso überfüllt, und die Familie reagiert ablehnend: „Wer nimmt schon eine Frau mit mehreren Kindern auf?“ Sie ist deshalb fest entschlossen, in ihrem Zelt auszuharren und hofft auf die Vermittlungsversuche der Hilfsorganisationen.