Archivierter Artikel vom 23.10.2013, 06:00 Uhr

Grubenunglück: Das Wunder von Lengede

Die Rettung von drei tot geglaubten Kumpeln acht Tage nach dem Bruch eines Klärteichs gilt schon als Sensation. Doch das eigentliche „Wunder von Lengede“ geschieht erst eine Woche später: Am 7. November werden noch elf Verschüttete gerettet.

Zahlreiche Helfer stehen am 7. November 1963 während der dramatischen Rettungsaktion neben der Bohrstelle in Lengede bereit.
Zahlreiche Helfer stehen am 7. November 1963 während der dramatischen Rettungsaktion neben der Bohrstelle in Lengede bereit.
Foto: dpa

Von Anita Pöhlig

Zwei Wochen lang haben sie in 50 Meter Tiefe überlebt, erleiden dabei Todesängste, ehe die nicht mehr für möglich gehaltene Rettung kommt. Rückblick: Vor 50 Jahren, am 24. Oktober 1963, werden beim Bruch eines Klärteichs in einer Eisenerzgrube im niedersächsischen Lengede 129 Bergleute verschüttet. 500 000 Kubikmeter Wasser und Schlamm strömen in den Schacht „Mathilde“.

79 Männer können sich noch am selben Tag retten, 7 am nächsten Tag, 29 Männer kommen ums Leben. Adolf Herbst gehört zu den elf Überlebenden, die zwei Wochen lang eingeschlossen sind. Schnell haben die Bergmänner die Hoffnung verloren. „Das Wasser stieg immer weiter. Ich habe gesagt: Jetzt rauchen wir noch eine Zigarette, und das war's dann wohl“, erinnert sich der 70-Jährige.

Doch dann kann sich Herbst mit 20 anderen in den stillgelegten Stollen „Alter Mann“ flüchten. Eingeschlossen in einem etwa fünf Meter langen und drei Meter breiten Hohlraum, leidet er dort unter Hunger, Dunkelheit und Ungewissheit und hat Todesangst. Denn der „Alte Mann“ ist nicht sicher. Die Stützbalken sind schon entfernt, der Stollen soll eigentlich einstürzen.

Das Gestein ist ständig in Bewegung, zehn Bergleute werden davon erschlagen. Ihre Leichen bleiben unter Tage. Elektromonteur Herbst hätte zum Unglückszeitpunkt eigentlich schon wieder über Tage sein können. Doch er hat eigens eine Doppelschicht eingelegt, um am kommenden Tag seine Verlobung vorzubereiten. Karl-Hans Schnell erlebt das Unglück als evangelischer Pastor. „In den Fabriken standen die Maschinen still, die Leute standen vor den Radios“, erzählt der 82-Jährige.

„Diese Ohnmacht war furchtbar, wir konnten nichts tun, außer da zu sein.“ Der Ohnmacht folgt die Hoffnungslosigkeit: Für den 4. November 1963 ist eine Trauerfeier geplant, auf der Totenliste stehen auch die Namen der elf eingeschlossenen Männer. Doch am Tag zuvor, zehn Tage nach dem Teichbruch, deutet sich das Wunder an: Aus 50 Meter Tiefe sind Klopfzeichen zu hören. Durch ein 42 Millimeter großes Bohrloch lassen die Rettungskräfte an einem Bindfaden eine kleine Taschenlampe und einen Zettel in die Tiefe. Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) kommt nach Lengede, um den Männern über ein Mikrofon Mut zuzusprechen.

Durch das Bohrloch werden die Überlebenden mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, bis sie am 7. November unversehrt mit einer Rettungskapsel aus der Erde geholt werden. Die Welt hält während der 14 Tage im Herbst 1963 den Atem an: 449 Reporter sind nach Lengede gekommen. Erstmals in der deutschen Fernsehgeschichte wird live über eine Katastrophe berichtet.

Im Jahr 2003 können viele Menschen die dramatischen Tage nachempfinden: Der Fernsehsender Sat.1 zeigt „Das Wunder von Lengede“ in einem Zweiteiler. „Das Unglück ist immer noch stark im Bewusstsein der Menschen“, sagt Lengedes Bürgermeister Hans- Hermann Baas. Als Schuljunge steht er am Rande des Hüttengeländes und verfolgt die dramatische Rettungsaktion.

„Jeder hat einen Verwandten, einen Freund oder einen Nachbarn verloren.“ Im Rathaus von Lengede erinnert eine Ausstellung an das Unglück. Gezeigt wird das Mikrofon, mit dem Kontakt zu den Verschütteten aufgenommen wurde. Adolf Herbst braucht nicht viel, um sich zu erinnern. Jedes Jahr am 7. November zündet er eine Kerze auf einer Bohrkrone an.