Archivierter Artikel vom 12.01.2011, 07:04 Uhr
Léogâne

Glaube und Hilfe halten Haiti am Leben

Saintjean Wilkins ist zu stolz, um sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Vor dem Beben war er Veterinär und Tierpfleger, ein angesehener Mann in seinem Ort: Beruf, Haus, drei Kinder. Ein gutes Leben, gemessen an haitianischen Verhältnissen. Heute vor einem Jahr brach dieses Leben in sich zusammen.

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Trümmer, Abfälle und Niedergeschlagenheit prägen Haiti ein Jahr nach dem Erdbeben. Ohne intakten Staat war die Aufgabe auch für die internationalen Hilfsorganisationen zu groß, den Wiederaufbau einzuleiten. Fotos: Carsten Luther

Vor allem die Kinder leiden unter den schlimmen Zuständen auf der Insel.

Eine Mutter ist verzweifelt, weil sie es kaum schafft, sich und die Familie zu ernähren.

Provisorien überall: Hier wird die Wäsche gewaschen.

Immer noch leben mehr als eine Million Menschen in Obdachlosenlagern. Trotzdem verlässt die Erdbebenopfern nicht der Mut.

„Gott will nicht, dass ich aufgebe.“ Nach dem verheerenden Erdbeben bauen die Menschen auf Haiti ihre Häuser wieder auf.

Mit Holzmaterialien werden Dachkonstruktionen angebracht.

Alles was noch verbaut werden kann, sammeln die Haitianer ein und bringen es zu ihrem Grundstück.

Katastrophe hin oder her – Saintjean Wilkins legt großen Wert auf Ordnung und Sauberkeit. Selbst in seinem provisorischen Holzhaus.

Nicht überall können die Kinder in solchen Schulräumen lernen – vielerorts geht der Unterricht in Zelten weiter.

Auch das Lachen ist in die Gesichter der Kinder zurückgekehrt...

...und es gibt wieder Zeit und Raum zum Spielen für die ganz Kleinen.

In der Mittagspause wird zusammen gegessen.

Beim gemeinsamen Singen und Klatschen verschwinden die Gedanken an das große Leid, das auf Haiti immer noch herrscht.

Léogâne. Saintjean Wilkins ist zu stolz, um sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Vor dem Beben war er Veterinär und Tierpfleger, ein angesehener Mann in seinem Ort: Beruf, Haus, drei Kinder. Ein gutes Leben, gemessen an haitianischen Verhältnissen. Heute vor einem Jahr brach dieses Leben in sich zusammen.

Fast sein ganzes Hab und Gut ging unter den Trümmern seines Hauses verloren. Das Schuttgrundstück enteignete der Staat später. Und doch: Auch als er in den ersten Monaten nur unter einer Plane schlief und keine Arbeit mehr hatte, konnte das seinem Stolz nichts anhaben.

Seine Motivation: Er trägt Verantwortung für andere. Frau und Kinder überlebten den Erdstoß, aber dafür verlor Wilkins eine Schwester. Nun ist er auch für ihren Sohn verantwortlich. Er hat überlebt, das ist dem gläubigen Christen Verpflichtung genug. „Gott will nicht, dass ich aufgebe.“

Hunderttausende Menschen starben vor einem Jahr in den Trümmern der Hauptstadt Port-au-Prince und den nahen Städten Léogâne, Petit-Goâve und Jacmel an der Südküste. Bei 222 000 Toten hörte die Zählung auf, die Zahl blieb eine Schätzung. Rund 300 000 Menschen wurden verletzt, viele verloren Beine oder Arme. Mehr als eine Million Menschen wurden obdachlos. Die Toten wurden in Lastwagen aus der Stadt transportiert und in Massengräber gekippt, niemand hat sie gezählt, niemand ihre Namen erfasst.

Zwölf Monate danach ist von einem staatlich organisierten Wiederaufbau noch immer nichts zu sehen. Lediglich die meisten Trümmer wurden aus der Stadt geschafft. Sie wurden entlang der Ausfallstraßen verteilt, nicht selten mit Leichen darin. Die internationale Staatengemeinschaft war schnell aktiv. Und das unter schwierigsten Bedingungen. Denn die Regierung war angeschlagen, viele Ministerien waren zerstört und rund ein Drittel der Mitarbeiter war tot. Auch die seit 2004 in Haiti stationierte UN-Mission Minustah hatte ihre Führung und mehr als 100 ihrer Mitarbeiter verloren.

Dutzende Hilfsorganisationen kamen in das kleine Land. Doch: „Es ist kaum menschenmöglich, allen Betroffenen in so kurzer Zeit umfassend zu helfen. Denn die Bedürfnisse hier sind riesig, und Haiti war schon vorher unvorstellbar arm“, erklärt Sabine Wilke, die für die Hilfsorganisation Care in Haiti ist. Zehn Milliarden Dollar sagten die Staaten zu – doch davon ist bisher kaum etwas in Haiti angekommen. Statt Wiederaufbau ist noch immer Nothilfe angesagt.

Bisher gibt es nur Projekte der Hilfsorganisationen, die etwa Schulen oder Kinderheime wieder aufbauen. Viele Menschen haben die erbärmlichen Reste ihrer Häuser wieder zu Hütten zusammengebaut, die aber nicht den Eindruck machen, als könnten sie einem neuen Erdbeben standhalten. Auf zahlreichen Flachdächern stehen blaue, weiße oder graue Zelte. Das ohnehin am Boden liegende Haiti ist im vergangenen Jahr noch verletzlicher geworden. Noch immer leben mehr als eine Million Menschen in Obdachlosenlagern. Hinzu kommen Millionen in den Slums der Städte. „Es gab auch früher schon Armut in unserem Land“, sagt der populäre Musiker Michel Martelly, einer der Bewerber um die Präsidentschaft. „Heute aber ist es Elend. Wir sind als Nation verloren.“

Doch Saintjean Wilkins zählt sich nicht dazu. Als die Helfer von Care in seinem Dorf Hilfe anboten, hatte er schnell die nötigen Papiere beschafft, um ein provisorisches Haus mit rund 18 Quadratmetern zu beantragen. Zwei Tage dauerte es im vergangenen Sommer schließlich, bis das Betonfundament gegossen und die hölzernen Versatzbauteile verschraubt waren. Auf den Rahmen wurde dunkle Folie gespannt – gegen den Wind, gegen den Staub, gegen die Sonne. Doch genau die wird zum Problem: „Die Folie dünstet durch die Sonnenstrahlen aus. Meine Kinder bekommen davon schnell Kopfschmerzen.“ Deshalb hat er selbst Lüftungsschlitze am Übergang zum Dach eingebaut, mit Care bereits über eine komplette Holzverkleidung gesprochen. Antwort: „Die Folie ist nur eine Übergangslösung.“ Seit Juni hat Care mehr als 900 dieser Hütten gebaut, um den Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch ein wenig Würde zurückzugeben. Der Veterinär Wilkins weiß das zu schätzen. Sein Haus wirkt alles andere als provisorisch, den Besen hat er stets zur Hand.

Von unserem Redakteur Peter Lausmann