Archivierter Artikel vom 11.08.2014, 06:00 Uhr
Berlin

Friedensforscher im Interview: Der vergessene Krieg in Syrien

Da war doch was? Während die Welt auf die Kriege in der Ukraine, im Irak und in Gaza blickt, geht das Sterben auch in Syrien unvermindert weiter. Friedensforscher Dr. Jochen Hippler erklärt im Gespräch, wie sehr sich die Konfliktlinien dort seit dem Beginn 2011 gewandelt haben – und dass einige Syrer den einstigen Grund des Aufruhrs, Diktator Baschar al-Assad, inzwischen mit Blick auf die Terrorgruppen im Land als das kleinere Übel ansehen.

Der syrische Bürgerkrieg dauert auch drei Jahre nach seinem Beginn noch an, Chaos und Leid sind riesig. Doch die Welt ist derzeit mit den vielen anderen Konflikten beschäftigt.
Der syrische Bürgerkrieg dauert auch drei Jahre nach seinem Beginn noch an, Chaos und Leid sind riesig. Doch die Welt ist derzeit mit den vielen anderen Konflikten beschäftigt.
Foto: dpa

In Syrien gab es kürzlich mehr als 700 Tote innerhalb von 48 Stunden. Mehr als 170.000 Menschen sind dem Konflikt seit seinem Beginn 2011 zum Opfer gefallen. Und die Welt schaut derzeit weg, oder?

Ja. Ich glaube, dafür gibt es zwei Gründe: Erstens, dass insgesamt bei Konflikten, die lange andauern und bei denen man von außen das Gefühl hat, es ändert sich nicht so schrecklich viel, die Aufmerksamkeit ohnehin meist nachlässt. Und zweitens müssen wir daran denken, dass die Aufnahmefähigkeit bei Konflikten beschränkt ist. Wir haben das dramatische Vordringen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) überwiegend im Nordirak, wir haben den Gaza-Krieg und den Ukraine-Konflikt. Da ist mein Eindruck, dass der Bürgerkrieg in Syrien etwas übersehen wird, weil man glaubt, den zu kennen. Mehr als zwei, drei Konflikte überfordern die Öffentlichkeit einfach.

Lassen Sie uns zurückblicken: Was waren Ursache und Auslöser des Konflikts in Syrien?

Ich glaube, dass es wichtig ist zu verstehen, dass der Bürgerkrieg in Syrien heute einen völlig anderen Charakter hat als zu Beginn. Zu Beginn, im Frühjahr oder Sommer 2011, war es ein Konflikt, in dem ein großer Teil der unbewaffneten Bevölkerung von einer säkularen, brutalen Diktatur eine saubere Regierungsführung verlangte: also weniger Korruption, mehr wirtschaftliche Effizienz, weniger Menschenrechtsverletzungen. Die Proteste begannen, weil Jugendliche im Süden des Landes von der Polizei brutal misshandelt wurden. Da gab es eine halbdemokratische Revolte gegen eine korrupte, unfähige und brutale Regierung, die die Proteste dann niederschlug.

Wie ging es weiter?

Dann gab es eine Phase, in der Teile der Bevölkerung begannen, sich zu bewaffnen, und in der Teile des Militärs desertierten. Dabei ging es darum, die Demonstranten zu beschützen, damit sie von der Regierung nicht massakriert werden. Das entwickelte sich in einen Bürgerkrieg, in einen Aufstand unterschiedlicher Gruppen, säkularer, also nicht-religiöser Gruppen und religiöser, sogar extremistischer Gruppen gegen das Regime. Inzwischen hat der Krieg schon wieder einige Male den Charakter verändert. Der Bürgerkrieg wird nicht mehr nur zwischen Aufständischen und der Regierung geführt, sondern er hat nun eine ethnisch-konfessionelle Dimension. Es ist ein Konflikt zwischen verschiedenen konfessionellen Gruppen geworden, zwischen Sunniten, Alewiten und Christen, aber teils auch ein Konflikt innerhalb der Konfessionen zwischen eher säkularen und eher religiösen. Es gab auch Kämpfe zwischen extremistischen Gruppen um die Vormacht. Die syrischen Christen und die Minderheit der Alewiten, eine Abspaltung des schiitischen Islams, der auch Assad angehört, identifizieren sich zum Beispiel inzwischen eher mit dem Regime, weil sie sich von einigen Aufständischen mehr bedroht fühlen als von Assad.

Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak
Terrormiliz Islamischer Staat in Syrien und im Irak
Foto: dpa

Wie kam es dazu? Ist das eine normale Entwicklung? Man hat ja anfangs schon gesagt, dass es sehr unterschiedliche Gruppen sind, die gegen das Regime demonstrieren.

Ich glaube, dass verschiedene Faktoren eine Rolle gespielt haben. Das Regime von Baschar al-Assad hat versucht, die Spaltung systematisch voranzutreiben. Man hat versucht, einige Teile der Bevölkerung zu bevorzugen und andere besonders hart anzugehen. Alewiten und Christen etwa hat das Regime besser behandelt. Das hat die Spaltung in der Opposition verstärkt, weil alewitische und christliche Oppositionelle leicht in den Verdacht gerieten, heimlich mit dem Regime zu sympathisieren. Das Zweite ist, dass der Konflikt etwa von 2012 an auch stärker ideologisch aufgeladen wurde. Er entwickelte sich von einem Kampf gegen Korruption und für Menschenrechte und Demokratie hin zu einem Kampf von Sunniten gegen Alewiten zum Beispiel. Und das hatte in der Region für extremistische Gruppen aus Nachbarländern große Anziehungskraft.

Welche Rolle spielt die Terrormiliz Islamischer Staat? Es heißt, sie soll ein Drittel Syriens beherrschen.

Das ist vielleicht etwas übertrieben, weil es sich häufig um leere Gegenden handelt, wo niemand wohnt. Die Bevölkerungsdichte ist hoch im Westen des Landes, von Damaskus nach Aleppo, während in der syrischen Wüste in Richtung Irak im Osten viel leeres Land ist. Deshalb sollte man die Quadratkilometer nicht so ernst nehmen. Aber IS spielt eine zunehmend wichtige Rolle, die sich derzeit wieder ändert. Eine Zeit lang wurde der extremistische Widerstand von der al-Nusra-Front dominiert, einer Gruppe, die sich mit Al-Kaida identifiziert. Dann spalteten sich daraus Leute ab, die sich nun zum Islamischen Staat erklärt haben. Teilweise kämpften sie zunächst gegen die al-Nusra-Front. Einige IS-Leute hielten Al-Kaida nicht mehr für radikal genug. Zudem kämpfte IS auch gegen das Regime, er hatte eine Doppelrolle. Im Moment sieht es so aus, als ob die extremistischen Gruppen taktisch nun wieder stärker zusammenarbeiten.

Nützt die Terrormiliz IS Assad? Nicht nur, weil sie auch gegen Rebellen kämpft, sondern weil Assad im Vergleich zu ihr als das kleinere Übel gesehen werden könnte?

Ja und nein. Ich glaube, dass IS eine starke Bedrohung darstellt, das merkt man vor allem im Irak. Sie ist natürlich auch eine Gefahr für Assad. Auf der anderen Seite – allerdings begann das schon vor IS – war Assad der Nutznießer, als der Krieg in Syrien sich zu einem konfessionellen Krieg zwischen den verschiedenen Gruppen veränderte und als es eine religiöse Radikalisierung gab. 2012 sah es aus, als würde Assad kurz vor der Niederlage stehen. Aber jetzt, wo viele Syrer vor den Extremisten mehr Angst haben, ist die Opposition noch stärker gespalten, und Teile der Bevölkerung halten Assad nun für das kleinere Übel. IS hat diese Entwicklung verstärkt.

Als es so aussah, als würde Assad kurz vor der Niederlage stehen, hat der Westen da verpasst, die Opposition stärker zu unterstützen?

Natürlich hätte man Assad stürzen können, das könnte man heute auch noch. Das Problem ist nur, dass nie wirklich klar war, was eigentlich danach kommen könnte. Außerdem gibt es das Völkerrecht. Es ist nicht der Job des Westens, andere Regierungen zu stürzen, nur weil wir sie für schlecht oder gewalttätig halten. Gerade nach den Erfahrungen in Irak, Afghanistan und Libyen war der Westen in Syrien vorsichtig. Und in Libyen und Irak sieht man ja nun, dass extremistische Gruppen stark werden.

Die Nationale Syrische Koalition, die auf Druck des Westens gegründet wurde und eine Exilregierung eingesetzt hatte, sollte ja eine Alternative zu Assad werden. Jetzt hat die Koalition die Exilregierung abgesetzt.

Ja, selbst diese als Schnittstelle zwischen der säkularen Opposition und den gemäßigten religiösen Kräften gedachte Einrichtung kann sich nicht mehr auf einen Kurs einigen. Solche Dachverbände gerade als Exilorganisationen, das hat man auch im Irak gesehen, sind eher künstliche Organisationen, die versuchen, zu koordinieren und Einfluss zu bekommen. Aber letztlich geht es darum, wer die bewaffneten Einheiten kontrolliert. Und dazu ist der Dachverband in Syrien nicht in der Lage.

Findet in Syrien ein Stellvertreterkrieg statt?

Er ist dazu geworden. Der anfangs innersyrische Konflikt hat regionale Mächte auf den Plan gerufen, die dachten, über ihn ihre Interessen fördern zu können, oder die sich durch ihn bedroht sahen. Saudi-Arabien neigte zum Beispiel dazu, sunnitische Gruppen zu unterstützen, auch extremistische. Der Iran hatte das Gefühl, einer seiner wenigen Bündnispartner könnte abhanden kommen, und versucht, Assad zu unterstützen. Der innenpolitische Konflikt wurde aus machtpolitischen Gründen instrumentalisiert. Das hat alles noch mal komplizierter gemacht.

Wie könnte ein Weg aus dem Schlamassel in Syrien aussehen?

Im Moment sehe ich da keine Lösung, die von außen kommen könnte. Der Westen spielt in Syrien keine relevante Rolle mehr. Teilweise sieht es auch so aus, dass Katar und Saudi-Arabien ihren Einfluss auf manche der aufständischen Gruppen, die sie vorher hochgepäppelt hatten, verloren haben. Weder die al-Nusra-Front noch IS wird Befehle von Saudi-Arabien entgegennehmen. Es gibt keinen politischen Prozess in Syrien, der auf Versöhnung und Frieden hindeuten würde. Und wenn es den in Syrien nicht gibt, dann kann man ihn auch von außen nicht unterstützen. Es gibt derzeit nur die Alternative: entweder das Land für 20, 30 Jahre kolonial besetzen. Das will niemand, das wäre völlig abenteuerlich und noch schlimmer als in Afghanistan. Oder man leistet humanitäre Hilfe und hat aber eigentlich wenig Einfluss auf den Konflikt.

Die USA haben die Flüchtlingshilfe um 400 Millionen auf 2,4 Milliarden Dollar aufgestockt. Es scheint in die zweite Richtung zu gehen.

Ja, das ist Hilflosigkeit. Man kann einfach manchmal nichts machen. Als Politiker darf man das nie so offen sagen, weil man schlecht aussieht, wenn man sagt: Das Sterben geht weiter, egal, was wir tun. Weil die Menschen von Politikern erwarten, dass sie für jedes Problem eine Lösung haben. Aber im wirklichen Leben gibt es die eben nicht immer. Man kann derzeit nur die humanitären Folgen lindern.

Denken wir uns in die Zukunft: Irgendwie ist der Krieg zu Ende gegangen, nach riesigem Blutvergießen. Wie lange dauert es, bis wieder eine intakte Gesellschaft entstehen kann?

Wenn Kriege nur zwischen Armeen geführt werden, dann leidet die Gesellschaft zwar, ist aber nicht wirklich selbst aktiv beteiligt. In solchen Situationen geht das relativ schnell. Da dauert die Versöhnung vielleicht eine Generation. Sobald aber das Töten, Morden und Sterben nicht nur zwischen zwei Armeen passiert, sondern sich die Nachbarn persönlich massakrieren, ein Dorf das Nachbardorf überfällt, wenn jeder Blut an den Händen hat – dann ist der Wiederaufbau einer funktionierenden Gesellschaft viel, viel schwieriger. Diese Ethnisierung des Krieges in Syrien, dass selbst organisierte Milizen entstanden sind, das wird die Versöhnung viel schwieriger machen. Hinzu kommt, dass sich ja auch um Syrien herum die Konflikte häufen, zum Beispiel im Libanon und im Irak, die sehr eng mit Syrien verknüpft sind. Eine endgültige Befriedung ist wohl nur auf Dauer denkbar, wenn in den Nachbarländern ein positiver Prozess einsetzt. Und den kann ich zum Beispiel im Irak gar nicht erkennen.

Das Gespräch führte Johannes Bebermeier